Frau Niehaus, was lässt sich über die deutsche Fiction im diesjährigen Beobachtungszeitraum des Deutschen Fernsehpreises sagen?

Ich würde gerne Beobachtungen und Entwicklungen teilen. Was sich weiter verdichtet, ist die sich durch alle Genres innerhalb der Fiction verändernde Blickweise auf den Menschen innerhalb seiner Problemwelt.

Ist das nicht erst einmal quasi die Definition von Drama?

Ja, aber es ist unglaublich psychologisch geworden. Wir haben eine totale Demontage von Held/Antiheld. Von "guten" und "bösen" Menschen. Das verschwimmt, wir blicken schon im Storytelling bei allen Figuren gleichermaßen darauf, woher sie kommen und sie für einen welche Gründe sie haben, ob für das schöne oder hässliche Tun. Das ist mir in der Konsequenz besonders aufgefallen.

Bleiben wir bei den nominierten Drama-Serien. Was spiegelt dieser Jahrgang?

In der Drama-Serie sind dieses Jahr von Popkultur über Fantasy und Spionage bis zu Alltagsfragen eigentlich alles drin. Die folgen den Erzählstrukturen der jeweiligen Genres aber was eben immer schwerer fällt, ist die Einordnung in Held und Antiheld. Wir betrachten sie alle mit ihren vielschichtigen Menschlichkeiten. Das bringt in diesem Jahr unglaublich gute, auch junge Schauspieler*innen hervor.

 

Was immer schwerer fällt, ist die Einordnung in Held und Antiheld. Wir betrachten sie alle mit ihren vielschichtigen Menschlichkeiten.

 

In der Tat war z.B. das Feld der nominierten Schauspielerinnen nur in zwei Jahren bisher jünger als diesmal…

Es freut mich, dass die Lust, diesen Beruf zu ergreifen, ungebrochen ist. Obwohl wir nun gerade nicht in einer Zeit leben, in der man behaupten könnte, es wäre einfach in dieser Branche. Aber wir brauchen junge Perspektiven, nicht nur in der Branche. Auch in der Gesellschaft, weil wir Veränderung nur gestalten können, wenn wir sie gemeinsam verstehen. Mit dem Verständnis von Menschen, die schon mehr erlebt haben und uns natürlich genauso bereichern. Und einer neuen Generation, die uns ihre Interpretation vorleben. Und wie schön, dass wir in diesem Jahr viele Programme sichten konnten, die ihre Realitäten sehen.

Ist das eine besondere Kraft des Fernsehens?

Viele in der Gesellschaft haben Angst, dass wir uns gegenseitig nicht mehr verstehen. Jetzt will ich die Fernsehunterhaltung nicht zu weit in den Himmel heben, aber ich nehme diese Kunstform ernst: Gutes Fernsehen kann uns helfen, unser Miteinander besser zu verstehen. Nicht nur in dem wir uns selbst gesehen fühlen, sondern auch sehen, was wir vielleicht bisher nicht kannten.

Wie blicken Sie auf die Comedy in diesem Jahr?

Als Comedy-Freundin bin ich beruhigt, dass wir über uns und die eigenen Probleme lachen. Das ist nicht mehr dieses latent menschenverachtende, spöttische mit viel Schadenfreude. Ich finde, dieses Tendenz gab es ja mal. Ein eher hässlicher Humor; den sind wir los. Schauen wir auf die Nominierten, dann lachen wir über uns selbst und das kann ich nur charmant finden. Man lacht manchmal gequält, weil man sich wieder erkennt.

Mit „Chabos“ ist eine Comedyserie neben „Hundertdreizehn“ die meistnominierte Serie. Hat das deutsche Fernsehen gerade gut lachen?

Was Serien angeht, ja. Schön formuliert. Ich wünschte die Formulierung wäre mir eingefallen (lacht). Humor auf eigene Kosten, weniger auf Kosten anderer. Viel Empathie, Herz und Verwundbarkeit. Was wir im großen Drama oder der Drama-Serie kennen, zeigt sich dieses Jahr auch bei der Comedy, wo Charaktere mit Tiefe den großen Auftritt bekommen. Eine oft intime Figurenführung. Und das ist hier, wie im Drama, übrigens ein Zusammenspiel vieler Gewerke und nicht nur die Leistung der Schauspielenden. Schließlich geht es um die Blickwinkel der Kamera, die Regie, die Bücher.

Fernsehfilm, Drama-Serie und Comedy-Serie: Welche der drei Werkskategorien war in diesem Jahr am schwierigsten?

Nach wie vor ist das Einzelstück oder auch Zweiteiler nicht gerade eine Disziplin, die punktet. Das ist bedauerlich, weil das Verdichten einer Geschichte auf 90 Minuten eine große Kunst ist. Mehr Länge ist nicht immer die richtige Antwort. Und herausragende Einzelstücke, wie die drei die wir nominiert haben, beweisen das.

 

Ist es nicht die Magie des Kinos, dass dort niemand auf „Pause“ drückt? Die Intensität kann uns auch ein sehr guter Fernsehfilm liefern.

 

Was beweisen sie?

Einen Film schaut man im Regelfall am Stück. Die Geschichte, die Inszenierung, die Charaktere - sie lassen einen nicht los. Man verfolgt einen Film also in der Regel genau so, wie die Macher*innen ihn uns erzählen wollen. Ich schaue einen Film nicht am kommenden Tag weiter, man setzt sich am Stück mit dem Stoff auseinander. Diese wunderbare Disziplin sollten wir auch im Fernsehen nicht aus den Augen verlieren, tun wir im Kino ja auch nicht, wie man in diesem Jahr merkt. Ist es nicht die Magie des Kinos, dass dort niemand auf „Pause“ drückt? Die Intensität kann uns auch ein sehr guter Fernsehfilm liefern.

Die Jury beschäftigt sich mit kleinen Perlen wie großen Blockbustern: Wie schafft man da Vergleichbarkeit?

Das ist nicht die einzige komplexe Aufgabe, denn der Deutsche Fernsehpreis will sowohl künstlerische Innovationen berücksichtigen wie auch kommerziellen Erfolg. Er versucht alles zu umarmen; den ganzen Markt zu sehen. Und gleichzeitig muss man sehr spezifisch auf Genres gucken. Da wird es dann auch oft schwierig direkt zu vergleichen.

Sie sprachen Innovationen an. War es ein besonders innovatives Jahr?

Das Fiction-Jahr war stark, ohne dass wir uns neu erfunden haben. Unsere Welt ist wie sie ist, aber den Blick auf sie, den müssen wir der Moderne und dem Zeitgeist anpassen. Und ich finde, das haben wir in der Fiction in diesem Jahr gesehen. Das hat mir Freude gemacht. War etwas dabei, bei dem ich sage: Das haben wir so noch nie gesehen? Anders als in Vorjahren eher weniger. Und trotzdem war die Juryarbeit wieder bereichernd.

 

Das Fiction-Jahr war stark, ohne dass wir uns neu erfunden haben.

 

Wie definieren Sie das?

Ich habe auch in meinem fünften Jury-Jahr das Gefühl, viel zu sehen, was ich selbst privat verpasst habe und bin immer wieder zutiefst berührt von Leistungen, die wir begutachten dürfen. Sich darauf einlassen, etwas zu entdecken und in dieser tollen Jury miteinander darüber zu diskutieren. Genau das macht mir große Freude.

Frau Niehaus, herzlichen Dank für das Gespräch