Dunkelgrüne Holzvertäfelung, schummriges Lampenlicht, Bücherstapel auf dem Boden, davor ein Chesterfield-Sofa, Schachspiel auf dem Couchtisch – und ein Auditorium, arrangiert wie in einem Ölgemälde der Royal Society. Entweder wird in diesem Ambiente gleich ein Mord aufgeklärt. Oder die Dame, die da mit Fernbedienung vor einem großen Monitor steht, erzählt gleich mit einzigartiger akademischer Selbstüberschätzung, warum Gemüse gar nicht existiert.
Sellerie ein Stängel, Paprika eine Frucht, Brokkoli eine Blüte, Spinat ein Blatt – die Botanik kennt schlicht keine wissenschaftliche Definition für das, was wir "Gemüse" nennen. Alles nur ein Marketing-Trick der Dole Company. Echt wahr! Oder?
Ein einziger Wahnsinn
So funktioniert das Grundprinzip eines der einfachsten und zugleich lustigsten Formate, die es im Bewegtbild-Streaming derzeit zu sehen gibt: "Smartypants".
Sein Untertitel – "Ex Absurdo Scientia" – ist Programm und Warnung zugleich. In jeder Folge halten drei Comedians PowerPoint-Präsentationen zu Themen, die gleichzeitig wohlüberlegt und völlig absurd sind: Warum man dem Ozean nicht trauen sollte ("Big, salty, dangerous – undefeated in combat"). Weshalb Lebensmittel im Supermarkt nach dem Dewey-Dezimalsystem sortiert gehören, um Orientierung beim Einkauf zu schaffen. Warum die Menschheit mit einer Kleinkind-Familienrotation ("Hot Potato Baby System") weltweit die Intoleranz beenden könnte. Welcher der beste Tag ist, um geboren zu werden. Warum Nachteulen systematisch von Frühaufsteher:innen unterdrückt werden – usw. usf.
Es ist ein einziger Wahnsinn. Aber: im Gewand eines wissenschaftlich anmutenden Vortrags, bei dem so manche Quatschthese derart ausführlich zu Ende gedacht ist, dass sie irgendwie plausibel wirkt. Anschließend: Fragerunde – und der Nächste bitte!
Vom ersten Jahr an profitabel
"Smartypants" läuft beim amerikanischen Nerd-Streamingdienst Dropout.tv, der schon für sich genommen eine Besonderheit darstellt – weil seine Entstehungsgeschichte nämlich klingt wie die einer Punkband, die versehentlich profitabel geworden ist.
Hervorgegangen ist Dropout aus der Comedy-Plattform CollegeHumor. Als der Medienkonzern IAC bereits kurz nach dem Start mit den Abonnent:innenzahlen unzufrieden war, übernahm Kreativchef Sam Reich die Firma kurzerhand selbst. Die Belegschaft schrumpfte drastisch, das Geschäftsmodell wurde umgebaut: abofinanziert, werbefrei, kein Sponsored Content. Und: ungeskriptete Comedy statt teurer Drehbuch-Produktionen.
Reich startete mit sieben Leuten – und war vom ersten Jahr an profitabel. Mitten in der Pandemie.
Oberstes Prinzip ist: "We're gonna be radically boring from a business perspective so that we can be as creative as possible onscreen." Ein Streaming-Dienst von Nerds für Nerds. Mit inzwischen zwei bescheidenen Stages in einem Studio im Osten von Los Angeles, mehr als einer Million Abonnent:innen und einem wiederkehrenden Ensemble aus Comedians, die in wechselnden Formaten auftauchen.
In jedem Gag ein neuer Twist
Zu den Flaggschiffen gehört – neben "Smartypants" – auch "Very Important People", wo wechselnde Comedians aufwändig maskiert werden, sich dann selbst im Spiegel sehen, auf dieser Basis einen Charakter improvisieren müssen – und in dessen Rolle ein Sofort-Interview geben.
Oder "Game Changer" mit Sam Reich als Host der einzigen Gameshow, die in jeder Ausgabe anders funktioniert. Ohne dass den Teilnehmer:innen vorher die Regeln erklärt werden. Zum Auftakt der siebten Staffel empfing Reich drei Kolleg:innen, um ihnen eine Bündel an Aufgaben zu geben, sie sie bestmöglich erfüllen sollten – innerhalb des nächsten Jahres! Schnitt: Ein Jahr später. Alle stehen wieder am selben Pult und präsentieren die Ergebnisse ihres Bemühens um das absurdeste Kostüm, das prominenteste VIP-Selfie, den besten Mailbox-Spruch. Und deren Entstehungsgeschichten. In jedem Gag steckt ein Twist. Und in jedem neuen Twist wieder ein Gag.
Die Formate sind liebevoll inszeniert, sie leben aber vor allem von einer Absurdität, die so im klassischen Fernsehen wohl nur schwer umsetzbar wäre. Und natürlich von der Bereitschaft aller Beteiligten zur Improvisation.
Vorbild für den deutschen Markt?
Dropout ist ein Kosmos der guten Laune, das Jahres-Abo kostet 70 Dollar, nach dem Abschluss kommt die Begrüßungs-Mail vom Inhaber persönlich – den Rest muss man schon selbst entdecken. Vor allem aber beweist Dropout seit mehreren Jahren, dass Nischen-Comedy ohne Sender und ohne Werbung funktioniert – solange jemand bereit ist, das für ein Publikum zu machen, das gar nicht riesig sein muss.
Beim Zusehen fragt man sich deshalb unweigerlich: Wäre das alles so vielleicht sogar auch im zweitgrößten TV-Markt der Welt möglich? Also: bei uns?
Die ehrliche Antwort lautet: vielleicht. Geeignete Protagonist:innen gäbe es zur Genüge. Wigald Boning könnte jederzeit einen "Smartypants"-Vortrag über die Verlässlichkeit von Ordnungswidrigkeitsandrohungen beim unerlaubten Anbaden in nicht stehenden deutschen Gewässern halten. Olaf Schubert würde die Abschaffung des Donnerstags fordern, weil er als einziger Wochentag weder einen mythologischen Bezug hat noch ein Wochenende einleitet, also rein strukturell überflüssig ist.
Verschwörung der Sitzindustrie
Hazel Brugger? Könnte argumentieren, warum Schweizer Käse ein Betrug an der Materialwirtschaft ist – eine Beschwerde in sieben Löchern. Und Torsten Sträter, dem baldige Genesung zu wünschen ist, hätte das Format im Schlaf drauf: Parkbänke sind eine Verschwörung der Sitzindustrie! Die ganze junge Stand-up-Szene, die bei "Night Wash", in den Dritten und in Comedy-Clubs groß wird, kommt noch hinzu.
Auch an der Umsetzung dürfte es wohl kaum scheitern. Mit ihrer 2016 gestarteten Veranstaltungsreihe "Kutters schöne Nerdnacht", bei der Mitwirkende ein Thema ihres Herzens detailliert auf der Bühne ausschmücken, hat Sarah Kuttner schon die perfekte Vorlage für ein deutsches "Smartypants" geliefert.
Und natürlich stecken in Joko Winterscheidts "Wer stiehlt mir die Show?" haufenweise sorgsam erarbeitete Spielansätze, die auch in "Game Changer" funktionieren würden.
Gesucht: funktionierendes Ökosystem
Das einzige, woran es wirklich fehlt, ist – das Ökosystem. Ein Ort, an dem solche Formate entstehen und leben können, ohne dass Senderverantwortliche fragen, welche Zielgruppe das bedient. Und ohne dass ein Algorithmus entscheidet, ob der Thumbnail genug Klickpotenzial hat. Genau genommen bräuchte es jemanden, der gewillt ist, das unternehmerische Risiko zu tragen, einen Nischen-Streamer aufzubauen, der sich eben nicht an den Mainstream richten muss, um zu funktionieren. Sondern seine Künstler:innen einfach machen lässt, was sie für komisch halten. Mit dem Unterschied, dass das Publikum dafür dann nicht mehr nur in Veranstaltungssälen mit 200 Plätzen sitzt. Sondern auf einer Plattform mit vielen tausend Gleichgesinnten.
Wem würde man sowas in Deutschland zutrauen?
Die naheliegendste Adresse wäre Banijay Germany, zu dem das Brainpool-Universum samt einer beachtlichen Comedy-Infrastruktur gehört – und myspass.de, ein werbefinanzierter Streamingdienst, dessen Name immer noch auf eine Social-Media-Plattform anspielt, an deren Untergang sich schon niemand mehr erinnern kann.
Fight schlägt Witz
Gerade erst hat Banijay tatsächlich eine neue Streaming-Plattform gestartet – allerdings für Kampfsport-Events: ShowdownTV (DWDL.de berichtete). Das ließe sich als Zeichen dafür deuten, dass der Markt für eigenständige Streaming-Nischen auch hierzulande zunehmend als lohnenswertes Geschäftsmodell gesehen wird. Es lässt sich aber auch als Beleg dafür lesen, wo aktuell die Prioritäten liegen.
Was wäre, wenn man bei Banijay stattdessen das Geld in die Hand nähme, MySpass mit zeitgemäßerem Namen zum abofinanzierten Comedy-Streamer umzubauen, der reihenweise neue, günstig umzusetzende Formate an den Start brächte, die zu Hits werden, ohne dass vorher ein übervorsichtiger Sender sie beauftragen muss?
Oder wenn man sich sogar mit Produktionshäusern wie Florida TV zusammentäte, das mit Joko und Klaas zwar einen völlig anderen Ansatz für Comedy-affines Entertainment vertritt – aber mit diesem gebündelten Knowhow eine selbst oder in Kooperation betriebene Plattform füttern könnte?
Für Comedy, die nicht allen gefallen muss. Nur genügend Leuten, die bereit sind, dafür zu zahlen.
Ex Absurdo Lucrum
Unrealistisch? Vielleicht. Die Unternehmenskulturen deutscher Produktionsfirmen sind sehr verschieden. Und überhaupt müsste man erst mal jemanden finden, der bereit wäre, all das in einer PowerPoint-Präsentation vor mehreren Geschäftsführungen vorzutragen.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Es bräuchte jemanden, der das mit der Überzeugungskraft eines "Smartypants"-Vortrags angeht. Mit Quatschgrafiken, einer unhaltbaren These – und dem felsenfesten Glauben daran, dass sie stimmt. Ex Absurdo Lucrum.
Und damit: zurück nach Köln.
von