Waltraud und Stella konnten es kaum erwarten, ihr neues Publikum zu begrüßen. Am 17. Januar kommentierten die beiden Puppen (mit augenzwinkernden Grüßen an Waldorf & Statler aus der "Muppet Show") vom Sofa aus den Sendestart des ersten Senders "für die besten Jahre": Sat.1 Gold!
"Bei Sat.1 Gold läuft nur das, was Sie sehen wollen", versprach ein raunender Off-Sprecher zu dem mit "Spannung und Spaß", "Leben und Erleben", "Liebe und Leidenschaft" aufgeladenen Teaser. Gabi Papenburg, Moderatorin des neuen täglichen Magazins "Gesund und Lecker", kündigte an: "Wir wollen, dass Sie sich wohlfühlen." Während Ulrich Meyer neue "Akte"-Ableger in petto hatte: "Ich freu mich auf Sie!" Bis endlich das "Fernsehen für Fortgeschrittene" on air ging. Oder wie es Waltraud und Stella formulierten: "Da macht Wiedersehen Freude, was?"
Mehr als dreizehn Jahre ist das her. Und Anfang des kommenden Jahres macht die frischgebackene deutsche Media-for-Europe-Tochter einfach – dasselbe nochmal.
Wieder "Wiedersehen macht Freude"
In der zurückliegenden Woche hat ProSiebenSat.1 angekündigt, neuen weiteren linearen Sender starten zu wollen. Wieder "ein perfektes, zusätzliches Angebot" hauptsächlich für Zuschauerinnen ab 50. Wieder "mit einem klaren Schwerpunkt auf deutscher Fiktion", nachdem Sat.1 Gold inzwischen längst erfolgreich als Sat.1 Crime auf Sendung ist. (Auch wenn die offizielle Umbenennung weiter aussteht.) Und wieder mit dem Claim: "Wiedersehen macht Freude."
Ein bisschen was ist dieses Mal trotzdem anders. Das neue Sat.2 – so der PR-wirksam ausgewählte Name – wird von Anfang an über mehrere Plattformen frei empfangbar sein (DWDL.de berichtete). Die Puppen-Maskottchen sind genauso in Rente geschickt worden wie die Moderator:innen-Aushängeschilder von damals. Und ob es nochmal so ein rauschendes Fest zum Sendestart geben wird wie bei Sat.1 Gold, ist auch ungewiss.
Vielleicht lässt Unterföhring auch einfach eine Gemeinschaftspulle Schaumwein durch die Redaktion wandern, während alle dort damit beschäftigt sind, das neue Programm zu kuratieren.
Komplementär zu den Großen programmiert
Dabei ist es aus rein wirtschaftlicher Sicht natürlich höchst vernünftig, all das, was ohnehin im Archiv rumliegt, nochmal unter vertraut anmutendem Markennamen neu durchgeschüttelt linear anzurichten. Weil diese Entscheidung gleich zwei Trends folgt: Der Re-Linearisierung von Streaming-Inhalten in Form einer zunehmenden Zahl so genannter FAST-Channels. Und dem unumkehrbaren Trend der Marktzersplitterung im Linearen, wo die von den Sendergruppen einst als Beiboote gestartenen Spartensender zunehmend Marktanteile – und dadurch auch Bedeutung in der Reichweitenbilanz– gewinnen.
Die 30 von DWDL für die Jahresbilanz 2025 ausgewerteten Spartensender (Entertainment, Sport, News) kamen in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen Zuschauer:innen im vorigen Jahr zusammen auf 32,3 Prozent Marktanteil (1,9 Punkte mehr als 2024) und vereinnahmen damit bald ein Drittel des gesamten Markts für sich.
Und der Siegeszug der Kleinen dauert an: Regelmäßig melden ZDFneo & ZDFinfo, Sat.1 Gold, RTLUp & Co. abwechselnd neue Höchstwerte, weil sie es verstehen, die Partikularinteressen spezieller Zielgruppen zu bedienen oder einfach komplementär zu den Hauptsendern programmiert sind.
Die Säulen von Unterföhring
Das geht zunehmend auf deren Kosten. Von den einstigen Rekordmarktanteilen in den 90er und Anfang der 2000er Jahre sind die großen Kanäle allesamt Lichtjahre entfernt. (Erinnert sich noch jemand daran, dass Sat.1 1994 mal 14,9 Prozent beim Gesamtpublikum verbuchen konnte?)
Stattdessen denkt die Branche längst in plattformübergreifenden Ausspielwegen, um Inhalte dorthin zu transportieren, wo die Zuschauer:innen sind. Oder wie es der Chief Content Officer der ProSiebenSat.1 Media SE, Henrik Pabst, gerade der "Süddeutschen" (Abo-Text) erzählt hat: "Unsere linearen Sender sind heute eine tragende Wand – aber nicht mehr das ganze Gebäude."
Wenn man das Bild komplettieren wollte, müsste man dazu sagen: dass die einst tragenden Säulen dieses Gebäudes schon ziemlich fies zu erodieren begonnen haben. Denn längst funktionieren auch einstige TV-Flaggschiffe zeitweise so ähnlich wie es bislang primär den Spartensendern zugeschrieben wurde.
Und zwar gar nicht nur in Unterföhring, wo mittwochs gerade wieder "111 verrückte Vollprofis" und "111 grandiose Genies" abendfüllend am Werk sind. Sondern auch bei der Konkurrenz in Köln.
Im Sommer auf Autopilot
Man muss sich bloß das Programm ansehen, mit dem zum Beispiel Vox zuletzt seine Primetime bestritten hat: Samstags laufen Filme, sonntags und dienstags vier Stunden am Stück "Hot oder Schrott", montags vier Stunden "Goodbye Deutschland!", mittwochs vier Stunden "Bones" und donnerstags wieder Filme, von denen freitags einer nach "First Dates Hotel" direkt wiederholt wird.
Drei gut abgehangene Hollywood-Streifen, eine alte US-Serie und drei Eigenformate reichen, um sieben Tage lang die komplette Hauptsendezeit zu füllen.
Und jetzt sagen Sie natürlich: War doch auch Fußball-WM, da bemühen sich alle Sender um Schadensbegrenzung. Stimmt. Aber auch nach dem Finale an diesem Sonntag variiert Vox sein Schema zunächst nur geringfügig (einmal "Hot oder Schrott" raus, einmal "Doc Caro" dafür rein).
Über die Sommermonate lässt sich jetzt schon beobachten, wie TV-Sender sich praktisch selbst versparten. Und je größer der Anteil derjenigen wird, die lieber Kleinstkanäle einschalten, um sich linear unterhalten zu lassen, desto mehr sorgen sie dafür, dass auch die einstigen Vollprogramme auf Autopilot laufen.
Programmflächen für die Primetime
Die bekannte Dramaturgie mit im Laufe des Tages wechselnden Genres mag vielerorts noch intakt sein. Aber schon seit Längerem haben sich die Anbieter ja von der einstigen Idee verabschiedet, ihrem Publikum im Verlaufe eines Abends ein möglichst abwechslungsreiches Abendprogramm bieten zu wollen. Stattdessen werden zunehmend Programmflächen gesendet. Bei denen sich niemand mehr groß um Umschaltpunkte sorgen muss – weil ja eh bis nach Mitternacht durchweg dasselbe gezeigt wird.
Der Sender als Instanz, der sein Programm aktiv gestaltet hat, wird immer stärker zum Kurator.
Das klassische Vollprogramm passiert dann – zumindest bei Privaten, die keinen klassischen Programmauftrag mit sich herumschleppen – künftig womöglich nur noch in einigen wenigen Fenstern: Live-Shows und Breaking News, tagesaktuelle Talks und große Sportereignisse. In diesen Momenten sind die großen Sender noch im altmodischen Sinn Ab-Sender. Und erfüllen (mal abgesehen von den antiquiert wirkenden medienrechtlichen Vorgaben) das Versprechen, das jetzt hier etwas passiert, das nur hier so passiert.
Die einstigen Sendermarken leben dann hauptsächlich von dem, was das Publikum früher mit ihnen verbunden hat. Und nun bis in alle Ewigkeit zurechtkuratiert wird.
Dem Publikum gefällt das
Man könnte das beklagen. Aber die Zuschauer:innen wollen es zu großen Teilen so. 32,3 Prozent Marktanteil sind ja Ausdruck einer aktiven Nachfrage. Und wenn Vox mit dem "A-Team" fast die private Konkurrenz aussticht, während dagegen programmierte Erstausstrahlungen floppen, ist das nicht wegdiskutieren. Vielleicht wird klassisches Fernsehen in gewisser Hinsicht zur Playlist – und das ist für viele, die gerade nicht aktiv durch einen digitalen Streaming-Katalog scrollen wollen, okay so.
Es gibt das vielbemühte Bild vom Lagerfeuer der Nation, dessen Erlöschen insbesondere jene wortreich beklagt haben, die lange besonders hell davon angestrahlt wurden. Aber dass da auch außerhalb des Heiligen Samstagabends nix mehr lodert, ist ja nicht nur den veränderten Gewohnheiten des Publikums geschuldet.
Die Sender haben selbst kräftig mitgeholfen, die Restglut auszulöschen, indem sie rund um die bisherige Feuerstelle eine neue Wärmelampe nach der nächsten aufgestellt haben. Vor der sich nun jedes Zielgrüppchen separat versammelt. Bis ein paar Mal im Jahr – für die nächste WM oder das neue "Wetten dass..?" – wieder ein richtig großes Freudenfeuer angezündet wird.
Von der Verabredung zur Infrastruktur
Wahrscheinlich ist das – okay. Das Fernsehen ist immer noch da. Es funktioniert nur grundlegend anders als früher. Das ist keine schlagartige Entwicklung, sondern hat sich seit Längerem angeschlichen. Ein Medium, das früher Ereignis und Verabredung war, ist heute ein Stück weit Infrastruktur.
Also ziemlich genau das, was Sat.1 Gold schon vor mehr als dreizehn Jahren versprechen wollte: "Auf Sie zugeschnitten. Nur für Sie gemacht. Und der Garant für ein ganz besonderes Gefühl." Das Gefühl, einfach das durchlaufen lassen zu können, was einem ohnehin schon gefällt.
Und damit: zurück nach Köln.
von