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Annette Dittert © NDR
Interview mit ARD-Korrespondentin Annette Dittert

"Nie wurden die Säue schneller durchs Dorf getrieben"

von Thomas Lückerath
17.09.2011 - 09:04 Uhr

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Prinzen-Hochzeit, Murdoch-Skandal und soziale Unruhen: Annette Dittert, London-Korrespondentin der ARD, mangelte es in diesem Jahr nicht an Arbeit. Im DWDL.de-Interview spricht sie u.a. über britische Medien und warum ihr Deutschland fremd geworden ist.

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Frau Dittert, Sie hatten in diesem Jahr gut zu tun in London. Was kam überraschender für Sie als Journalistin: Die Unruhen oder der Murdoch-Skandal?

Die Unruhen haben mich nicht überrascht. Über die dramatischen Zustände in den Ghettos englischer Großstädte habe ich schon mehrfach berichtet. Da war es eher erstaunlich wie plötzlich wir hier eine nationale Debatte über die Methoden der Tabloid-Presse erlebt haben. Es gab zwar schon seit zwei Jahren eine gewisse Grundempörung über die Methoden der Tabloids. Der „Guardian“ hat ja auch nicht aufgehört bei dem Thema immer wieder nachzubohren, aber der Fall des ermordeten Mädchen brachte das Fass zum überlaufen.

 

 

Warum ausgerechnet der Fall? Das Abhören von Telefonen war schon Jahre bekannt und hat keine solche Empörung ausgelöst...

Bis dahin betraf es Prominente und Politiker, bei denen man es weniger empörend empfand, weil die Antipathie gegen diese Personen oft eher in ein ,Das sind die selbst schuld‘ umschlug‘ und das, was abgehört und veröffentlicht wurde auch eher Banalitäten waren. Hier war es anders. Dazu kam dann diesmal auch wegen dem anstehenden BSkyB-Deal eine politische Dimension wegen der engen Verbindung zwischen Premierminister David Cameron und seinem früheren Kommunikationschef Andy Coulson. Dessen Vergangenheit und Verbindungen waren ja auch schon länger Gesprächsstoff. Auch hier entlud es sich jetzt einfach.

Immerhin. Aber das eigentlich erstaunliche ist ja, wie lange die Methoden bekannt aber ohne Folgen waren...

Tja, wir erleben ja auch, wie durch diesen Fall plötzlich Recherchen und Berichte der vergangenen Jahre über die Methoden der Boulevardzeitungen wieder in den Mittelpunkt des Interesses rücken, was ja insofern tragische Züge trägt, weil damit bewusst wird, dass man schon viel früher hätte aufschreien können. Wobei erst jetzt klar wurde, wie tief Rupert Murdoch selbst in das Ganze verwickelt war.

Davon sind Sie überzeugt?

Es ist ja allgemein bekannt, und jetzt im Zuge des Skandals auch mehrfach von Betroffenen erklrt worden, dass Murdoch z.B. selbst beispielsweise auch mitten in der Nacht Redakteure wegen gewisser Headlines anruft. Es ist also bekannt, dass er sich persönlich sehr engagiert und deswegen nimmt es ihm ja auch jetzt hier in Großbritannien niemand mehr ab, dass er davon nichts gewusst haben will.

Endet die Aufregung denn jetzt mit dem Fall Murdoch. Es ist ja schon wieder still geworden. Oder wird sich nachhaltig etwas ändern in der britischen Presselandschaft?

Das Unwesen des Phonehackings hat ja schon vor einigen Jahren aufgehört. Was jetzt für Schlagzeilen gesorgt hat, sind ja Fälle, die schon länger zurückliegen. Das wird sicher auch jetzt keiner mehr anfassen, dafür ist das Eisen zu heiß. Aber schmutzige Tricks, da machen wir uns nichts vor, werden weiterhin zum Geschäft gehören. Das steckt leider im Wesen der britischen Presse, die damit aber auch nur das große Interesse der Leserschaft an Boulevardstories bedient. Das ist ein wesentliches Charakteristikum der Zeitungslandschaft hier: Schnell aufgekochte Sensationsstories, die aber ebenso schnell wieder in Vergessenheit geraten. Die Briten lieben es, sich fürchterlich zu empören, was manchmal ins hysterische gehen kann. Und nur zwei Wochen später kräht kein Hahn mehr danach, weil schon längst, um im Bild zu bleiben, die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.

Aber das rechtfertigt kaum diese Art des Journalismus....

Richtig, das nimmt die Presse nicht aus ihrer Verantwortung, aber es erklärt diesen noch intensiveren Drang, die nächste große Story schnell und so reißerisch wie möglich zu platzieren. Und deswegen glaube ich, so traurig das ist, wird die Aufregung um die „News of the World“ hier am Ende nichts ändern. Die Krawalle vor einem Monat haben ja auch nochmal dafür gesorgt, dass sich das Land plötzlich wieder mit etwas ganz anderem beschäftigt. Und die Murdoch-Medien werden nicht unglücklich darüber sein, nicht mehr im Mittelpunkt der Beobachtung zu stehen.

Also alles vorbei und weiter so?

Das Einzige, was noch so richtig spannend werden kann an dem Murdoch-Skandal, ist die Frage, was passiert, wenn wirklich klar wird, wie sehr sich Cameron bei dem geplanten BSkyB-Deal mit Murdoch gemein gemacht hat. Das kam ja auch bei der Anhörung und im Parlament immer wieder zur Sprache. Cameron selbst bestreitet nur halbherzig, dass es bei den häufigen Treffen mit der Murdoch-Spitze hauptsächlich um den BskyB-Deal ging. Und das wäre in der Tat ein heikler Punkt für ihn, wenn deutlich würde, dass es da einen Deal gegeben hat zwischen ihm und Murdoch. Nach dem Motto: Ihr sorgt dafür, dass ich gewählt werde, und ich sorge dann dafür, dass ihr diese Privatsenderfamilie zu 100% übernehmen könnt...

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