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Interview mit "The Night Manager"-Regisseurin

"Warum interviewen Sie nicht den Drehbuchautor?"

von Ulrike Klode
27.03.2016 - 22:00 Uhr

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Ein John-le-Carré-Klassiker als Serie: Mit "The Night Manager" wendet sich die Oscar-prämierte Regisseurin Susanne Bier dem Fernsehen zu. Ein Gespräch über die Bedeutung der Regie bei einer Serie, warum Europa den USA hinterherhinkt und welche Botschaft in "The Night Manager" steckt.

Frau Bier, Sie sind eine erfolgreiche Film-Regisseurin, haben schon einen Oscar gewonnen. Was hat Sie an einer Fernsehserie gereizt?

Ich habe mich schon länger dafür interessiert, Fernsehen zu machen. Und ich hatte immer schon Lust auf John le Carrés Werk. Als ich also hörte, dass es Projekt mit John le Carré gibt, war mir klar: Das muss ich auf jeden Fall machen! 

Die Entscheidung war also nicht unbedingt eine Entscheidung fürs Fernsehen, sondern eher eine Entscheidung, John le Carré zu verfilmen?

Es war beides. Ich hatte mich auch schon nach passenden TV-Projekten umgesehen, aber noch keine Entscheidung gefällt. Als ich dann zufällig - mitten in einem Haufen anderer Skripte - einen allerersten Entwurf für die erste Folge „The Night Manager“ bekommen habe, habe ich mich an den Roman erinnert. Den hatte ich gelesen, als er veröffentlicht wurde. Und ich wusste sofort: Diese Serie will ich machen.

Und warum hatten Sie sich für Fernsehprojekte interessiert? 

Weil die spannenderen Drehbücher derzeit fürs Fernsehen entstehen. Außerdem war ich neugierig darauf, mal etwas Größeres zu machen. Ein Beispiel: Die erste Staffel „True Detective“ ist nur von einem Regisseur gedreht. Und ich dachte mir, dass es interessant sein könnte, mit Material zu arbeiten, das epische Ausmaße hat. Und ich meine jetzt „episch“ nicht in dem Sinne, wie man es im Zusammenhang von Filmen verwendet, wo mit „epic material“ enorme Landschaften gemeint sind. Ich meine „episch“ in Bezug auf die umfangreiche und detaillierte Entwicklung der Handlung. 

Regisseurin Susanne Bier und Bestseller-Autor John le Carré
© TMG/“The Night Manager”

Regisseurin Susanne Bier und Bestseller-Autor John le Carré auf dem roten Teppich bei der Berlinale im Februar in Berlin.

Wie war sie dann, die erste TV-Arbeit? Hat sich die Arbeit für „The Night Manager“ von der Arbeit an Ihren Filmen unterschieden? 

Nein, es war einfach nur alles größer. Wir haben auf dieselbe Art und Weise gedreht. Also zum Beispiel zuerst Episode 6, Szene 18 und direkt im Anschluss Szene 60 für Episode 2 - also genau snach Gelegenheit, wie man einen Film dreht, also nach Location oder Verfügbarkeit der Schauspieler. Das lief bei den sechs Stunden Serie genau so, wie es auch für einen zweistündigen Film laufen würde. Insgesamt war es eine sehr aufregened und spannende Erfahrung - und es hat Spaß gemacht.

Lust auf mehr?

Ja, ich will auf jeden Fall noch mehr Serien drehen. Aber davon unberührt will ich auch weiterhin Filme machen. Die Entscheidung für das eine soll keine gegen das andere sein.

„The Night Manager“ ist eine britisch-amerikanische Produktion. Sie kommen aus Dänemark - einem Land aus dem auch schon so manche gute Serie kam. Würde Sie ein dänisches Projekt reizen?

Ja, könnte ich mir vorstellen. Es ist mir allerdings eigentlich egal, wo die Projekte herkommen. Ich will einfach nur gute Projekte machen, welche, für die ich mich begeistern kann. Deswegen geht es mir nicht darum, wo die Geschichten herkommen, sondern ob sie eine Herausforderung für mich sind. 

Wenn es heißt, dass bei Filmen der Regisseur maßgeblich sei, bei fortlaufend erzählten TV-Serien aber eher der Drehbuchautor, dann... 

...würde ich da widersprechen.

Warum?

Weil ich denke, diese Ansicht ist ein bisschen veraltet. Sie kommt aus der Zeit, als es beim Fernsehen vor allem um das gesprochene Wort ging - zu der Zeit stimmte der Satz. Aber heute ist das anders. Die Serie, über die alle reden, ist derzeit „Game of Thrones“ und da wird die Geschichte nur zu einem Teil von der gesprochenen Handlung getrieben. Geschichten visuell zu erzählen ist auf dem kleinen Screen inzwischen längst genauso wichtig wie auf dem großen Screen. Und derjenige, der Geschichten visuell erzählt, ist der Regisseur - das kann niemand anderes übernehmen.

Und doch sind meist Drehbuchautoren die Showrunner von Serien sind.

Ja. Aber ich habe ja eben schon die erste Staffel „True Detective“ erwähnt. Da wurden alle Folgen von ein- und demselben Regisseur gedreht.  

Ja, „True Detective“ ist eine One-man-Show. Aber ich denke nicht, dass hier die entscheidende Person der Regisseur war, sondern der Autor. Die Geschichte war Nic Pizzolattos Idee und er hat das gesamte Drehbuch allein geschrieben. Da sind wir wohl unterschiedlicher Meinung. 

Warum interviewen Sie nicht den Drehbuchautor? 

Ich finde es einfach interessant, dass Sie da anderer Meinung sind. Offenbar verändert sich gerade einiges: Berühmte Regisseure wie Sie zieht es zum Fernsehen. Scorsese zum Beispiel hat vor kurzem „Vinyl“ gemacht.

Ja, es gibt viele Regisseure, die jetzt ins Fernsehen gehen. Und dass die Berlinale Fernsehserien zeigt, muss ja auch einen Grund haben. Die Trennlinie wird immer unschärfer. Hinzu kommt, dass sich die Distributionswege für Filme verändern. Ich denke, der Grund, warum ich mich ein bisschen provoziert fühlte, war, dass das so eine europäische Haltung ist. In Europa versucht man an den alten Überzeugungen festzuhalten. Und Europa wird abgehängt, wenn wir uns nicht klar darüber werden, dass sich die Dinge derzeit schneller ändern als wir denken. Und das ist nur eine Sache von vielen, die sich derzeit im TV-Business ändern. 

Nochmal konkret zu „The Night Manager“. Sie haben eine Geschichte verfilmt, die Millionen Menschen durch das Buch bereits kennen. Ist das eine zusätzliche Herausforderung?

Ich bin ein sehr großer Fan von John le Carré, deswegen war meine größte Herausforderung, ihn nicht zu enttäuschen. Ich denke, das ging jedem so, der an diesem Projekt beteiligt war. Wir wollten alle unbedingt John le Carrés Werk ehren. Trotzdem haben wir entscheidende Veränderungen vorgenommen: Die Handlung der letzten zwei Folgen ist anders, die gesamte Geschichte wurde aktuellen Entwicklungen angepasst und findet damit in der Gegenwart statt, sie spielt woanders und die Figur Burr, im Roman ein Mann, ist in der Serie eine Frau. Es waren radikale Änderungen, dennoch ist die Serie damit dem Wesen des Romans näher, als wenn wir ganz nah am Buch geblieben wären. 

War John le Carré involviert? 

Ja, war er. Auch wenn er ganz bescheiden sagen würde, dass er es nicht war. Er hat sich sehr engagiert und war ein fantastischer kreativer Berater. Wir konnten immer zu ihm gehen, ihn alles fragen - und er hatte immer eine Antwort. 

Sie haben also am Drehbuch mitgearbeitet? 

Ich arbeite immer sehr frei mit Drehbüchern. Im Grunde war bei „The Night Manager“ jeder involviert, es war ein organischer Prozess. Auch Hugh Laurie und Tom Hiddleston waren beteiligt. Und es war wirklich großartig. Beim Dreh der Szenen haben wir Sachen geändert, aber am Drehbuch mitgeschrieben habe ich nicht.

Hat „The Night Manager“ eine politische Botschaft?

Ja. Aber für mich ist die moralische Botschaft wichtiger. In der Serie geht es um die Anziehungskraft, die die Welt des Bösen ausübt und wie verführerisch diese Welt sein kann. Aber da gibt es natürlich auch politische Aspekte. Es geht um Waffenhandel und die Tatsache, dass Waffenhandel so einfach ist - und von unseren Regierungen geduldet wird. Da ist John le Carrés Wut deutlich zu spüren. Er ist ein wütender Schriftsteller und ihn regt die Scheinheiligkeit unserer Gesellschaft auf. Das spürt man in all seinen Romanen, aber besonders im „The Night Manager“.  

Es gibt nur sehr wenige Regisseurinnen, die so erfolgreich sind wie Sie. Warum ist der Job immer noch so eine Männder-Domäne?

Das ist schwer zu beantworten. Ich denke, dass es viel damit zu tun hat, wie wir in unserer Gesellschaft junge Frauen behandeln und welche Karriere-Möglichkeiten es für sie gibt. Es gibt viele talentierte junge Frauen, die in einem bestimmten Alter das Gefühl haben, sie müssten sich zwischen Kindern und Karriere entscheiden. Und deswegen verfolgen sehr viele begabte junge Frauen nicht ihre kreative oder berufliche Bestimmung so weit, wie es möglich wäre. Das ist ein Sache, die in unserer Gesellschaft dringend angegangen werden muss.

Es ist also nicht unbedingt ein Problem der Nachwuchsförderung … 

Ganz pragmatisch gedacht brauchen wir erstmal eine bessere Kinderbetreuung. 

Gucken Sie auch privat Serien? 

Oh ja. Ziemlich viele. Ich habe alles gesehen von „Downton Abbey“ bis „True Detective“. „Making a Murderer“ hat mich in letzter Zeit besonders fasziniert. 

Haben Sie einen besonderen Serientipp? 

(überlegt) Ich muss da auf jeden Fall die Doku-Serien „Making a Murderer“ und „The Jinx“ empfehlen. Wer sie noch nicht gesehen hat, sollte das nachholen.

Frau Bier, vielen Dank für das Gespräch! 

Die Serie "The Night Manager" mit Tom Hiddleston, Hugh Laurie und Olivia Colman seit Ostermontag bei Amazon Prime Video zu sehen.

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