The Night Manager / Nobel © IMG/DRG
TV-Serien auf der Berlinale

"Ein bisschen zu vorsichtig, ein bisschen zu vernünftig"

von Torsten Zarges
18.02.2016 - 12:06 Uhr

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Während der US-Markt über ein mögliches Platzen der Serienblase diskutiert, erreicht die kreative Vielfalt in Europa neue Höhen. Die Auswahl der Serien-Premieren auf der Berlinale zeigt: Vor allem die Skandinavier trumpfen dieses Jahr auf.

Im Spiegelzelt des European Film Market sind fast alle Panel-Teilnehmer einer Meinung: Das TV-Publikum habe sich – bis hin zum Suchtverhalten – an den reichhaltigen Strom moderner, komplexer, horizontal erzählter Serien gewöhnt. Es verlange nach mehr und werde immer anspruchsvoller. "Es ist unglaublich, wie weit sich die Zuschauer in kurzer Zeit bewegt haben", sagt Bruce Tuchman, der scheidende President von AMC/Sundance Global – und freut sich über die wachsende Zahl von US-Sehern, die europäische Serien im Original mit Untertiteln konsumieren.

"Vielleicht sind wir noch ein bisschen zu vorsichtig, ein bisschen zu vernünftig", wirft Caroline Benjo, Produzentin der französischen Firma Haut et Court ("Les Revenants", "The Young Pope"), ein. "Wir müssen immer ambitionierter werden und immer mehr wagen." Volle Zustimmung von Piv Bernth, der Fiction-Chefin des Dänischen Fernsehens. Dann geht das Wort an RTL-Fiction-Chef Philipp Steffens, der mit seinem Publikum beim Wagnis "Deutschland 83" etwas andere Erfahrungen gemacht hat.

 

Man merkt Steffens an, dass er seinen internationalen Kollegen am liebsten aus vollem Herzen zustimmen würde. Stattdessen formuliert er diplomatisch: "Unser Ziel ist es nach wie vor, ein Massenpublikum anzusprechen. Wir werden uns sicherlich nicht auf Nischenprogramme spezialisieren." Angesichts der mäßigen linearen Zuschauerzahlen von "Deutschland 83" sei er heilfroh, die Serie vorab an SundanceTV gegeben zu haben. "Sonst wäre 'Deutschland 83' jetzt nicht da, wo es ist", so Steffens. "Wir können jetzt sogar über eine zweite Staffel nachdenken, weil wir durch die internationale Auswertung eine viel breitere Basis für die Finanzierung haben."

Und im Inland – speziell bei RTL – müsse man eine etwas andere Bewertung heranziehen: "Wir haben diese Serie gemacht, um das Image unseres Senders zu verbessern", so Steffens. "Um für eine andere Liga von Schauspielern und Kreativen interessant zu werden. Eine einzige Serie reicht aber nicht aus, um das Image eines Senders umzukrempeln." An dieser Stelle wiederum erntet Steffens die Zustimmung von Piv Bernth, die am Sonntagabend in Dänemark mit Serien wie "Borgen" oder "Follow the Money" Marktanteile über 50 Prozent gewohnt ist. "Wir haben 20 Jahre hart dafür gearbeitet, um an diesen Punkt zu kommen", so Bernth. "Wir erzählen Geschichten, die nur wir erzählen können – the more local, the more global."

Über Serien wurde auf dem EFM, dem Programmmarkt der Berlinale, nicht nur diskutiert. 18 neue Produktionen, überwiegend aus Europa, waren im Rahmen der zweitägigen "Drama Series Days" – in Kooperation mit der Film- und Medienstiftung NRW – vorab zu sehen. Und bestätigten weitgehend die ambitionierten Thesen der Panel-Teilnehmer. Vor allem die Skandinavier dominieren qualitativ wie quantitativ die Landschaft. Was auf den ersten Blick nicht nach einer Überraschung klingt, entpuppt sich beim genaueren Hinsehen doch als neues Level, auf das besonders die Dänen und Norweger ihren Serien-Output gehievt haben. Deren Sorge, allzu sehr auf den Scandi-Noir-Krimi festgelegt zu werden, hat zu einer nochmaligen kreativen Blüte und Genre-Vielfalt geführt.

Nach dem letztjährigen Überraschungserfolg "Occupied" kommt aus Norwegen mit "Nobel" eine beeindruckende Mischung aus Politthriller und Kriegsdrama – geschrieben von Mette M. Bølstad und Stephen Uhlander, produziert von Monster Scripted für das öffentlich-rechtliche Fernsehen NRK. Zwei scheinbar unverbundene Handlungsebenen verschlingen sich miteinander, als ein Soldat und Familienvater aus dem Afghanistan-Einsatz heimkehrt und plötzlich zu einer Art Faustpfand inmitten einer politischen Intrige wird.

"Nobel" steht damit prototypisch für eine Reihe europäischer Werke, die höchste Thriller-Spannung gekonnt mit brisanten politischen oder gesellschaftlichen Konflikten verknüpfen, die Fragen zum Nachdenken aufreißen und ihre Plots konsequent aus den Figuren heraus entwickeln.

Die etwas klassischer erzählte, aber ebenso sehenswerte Hochglanz-Variante dieser Kombination liefert die dänische Oscar-Preisträgerin Susanne Bier mit ihrem Seriendebüt "The Night Manager". Die Verfilmung des gleichnamigen John-le-Carré-Romans über die Verstrickungen des globalen Waffenhandels lebt vom starken Duell ihrer Stars Tom Hiddleston ("The Avengers") und Hugh Laurie ("Dr. House"): Der Nachtportier und Ex-Soldat Jonathan Pine (Hiddleston) macht während des Arabischen Frühlings in Kairo blutige Bekanntschaft mit dem Waffenhändler Richard Roper (Laurie) und infiltriert in der Folge dessen Organisation als Undercover-Agent für den britischen Geheimdienst.

Die von David Farr geschriebene Koproduktion für BBC und AMC ist in Deutschland ab 28. März bei Amazon Prime zu sehen. "Für uns ist 'The Night Manager' wie ein sechsstündiger Film – von einem einzigen Autor geschrieben und von einer einzigen Regisseurin gedreht", so Produzent Simon Cornwell in Berlin beim Screening der ersten beiden Folgen.

Mit den jeweils zweiten Staffeln von "Follow the Money" aus Dänemark und "Le Bureau des Légendes" aus Frankreich, die bei den "Drama Series Days" vorab zu sehen waren, legen die Showrunner Jeppe Gjervig Gram und Eric Rochant im kommenden Herbst auf hohem Niveau nach.

Ein deutscher Hoffnungsträger hat sich auch unter die 18 Serienperlen gemischt: "Ku'damm 56", der von Annette Hess ("Weissensee") geschriebene und von UFA Fiction produzierte Dreiteiler fürs ZDF (Ausstrahlung vom 20. bis 23. März), überzeugt mit seiner atmosphärisch dichten Beschreibung des Frauenbilds im Nachkriegsdeutschland und dürfte auch international funktionieren. Ein vehementer Auftritt der deutschen Serie ist das nicht gerade. Bleibt zu hoffen, dass auf der nächsten Berlinale wieder mehr geht.

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