Herr Hiller, wenn Joko & Klaas in ihrer neuen Staffel nicht nur 15 Minuten sondern einen ganzen Sendetag bei ProSieben gewinnen können und der gut läuft, bringen Sie sich mit der Idee doch um den eigenen Job... 

(lacht) Die Florida ist ja bekannt für ihre verrückten Einfälle und ungewöhnlichen Ideen. Aber ohne genau zu wissen, was da auf uns zukommen könnte, sollte es soweit kommen, werden auch sie merken: 24 Stunden mit Programm zu füllen, das ist eine ganze Menge Holz. Das macht man nicht mal eben. Und wahrscheinlich sind sie froh, wenn wir danach wieder die Aufgabe übernehmen.

Aus den ursprünglich mal 15 Minuten Sendezeit wurden inzwischen u.a. auch eine XXL-Pflegedoku, eine mehrtägige Schatzsuche und jetzt ein ganzer Sendetag. Ist da bald alles ausgereizt?

„Joko & Klaas gegen ProSieben“ produziert ein ganz tolles Team mit irrsinnig kreativen Leuten. Da mache ich mir speziell bei dieser Truppe keine Sorgen, dass wir noch lange Spaß haben werden miteinander. Mal sehr relevant und mal mit gutem Quatsch. Aber es stimmt: Je höher man die Latte legt, desto schwerer wird es, das zu übertreffen. Aber das ist gar nicht unser Anspruch. Die 24 Stunden sind ein einmaliges Jubiläums-Angebot zur 50. Folge. Danach spielen wir wie gewohnt um 15 Minuten, was es so auf keinem anderen Sender gibt. 

 

Hannes Hiller © ProSieben Hannes Hiller bei "Joko & Klaas gegen ProSieben"

 

Bei „Germany’s Next Topmodel“ haben Sie die Messlatte gerade  noch einmal höher gehängt mit einer Öffnung des Formats für alle. Wie zufrieden sind Sie und bleibt diese Änderung auch für die kommende Staffel?

Die Zwischenbilanz fällt sehr positiv aus, weil hier aufgegangen ist, was ich schon in meiner vorherigen Aufgabe bei ProSieben als Leitthema verfolgt habe: Die verlässliche Überraschung. Unser Publikum weiß, was es grundsätzlich bei uns bekommt, aber darf sich auch immer darauf freuen, ein bisschen überrascht zu werden. Dazu passt die Weiterentwicklung von „Germany’s Next Topmodel – by Heidi Klum“ mit allen bekannten Elementen und Heidis großer Zugkraft vorweg, aber einem erweiterten Wettbewerb. Ob das jetzt für alle Ewigkeit genau so bleibt? Da würde ich wieder auf die verlässliche Überraschung verweisen, gerade für die kommende Jubiläumsstaffel.

Und darüber hinaus soll es bei ProSieben mehr mit Heidi Klum geben, haben Sie neulich angekündigt. Was ist geplant?

Dafür ist es noch ein Tick zu früh. Heidi ist eine vielbeschäftigte Frau, dreht gerade für die NBC-Kollegen „Americas Got Talent“. Deshalb kann ich hier nur sagen: Es macht großen Spaß sich mit Heidi über Ideen und Inhalte auszutauschen, weil sie einen sehr guten und interessanten Blick hat.

Aber es wird jetzt kein Polittalk mit Heidi Klum?

Auch wenn ich die verlässliche Überraschung als Mantra hochhalte, wäre diese Überraschung dann ein bisschen zu groß. (lacht) Das können wir also gerne ausschließen.

„Germanys Next Topmodel“ ist ein Format, das auch non-linear gut läuft. Heißt es immer. Aber wie relevant ist die Reichweite via Joyn denn?

Die Relevanz ist riesig und ist exemplarisch dafür, wenn wir sagen, dass künftige Beauftragungen bei uns immer auch eine Joyn-Relevanz haben müssen, also auch dort funktionieren können. Diesen Auswertungsweg denken wir immer mit und richten danach auch unsere Programmentscheidungen aus.

 

"An dem Tag, an dem Netflix, Disney, Prime Video und RTL+ ihre Nutzung transparent machen, machen wir das auch"

 

Wie hoch ist denn die Nutzung via Joyn konkret? Alle zusammen betonen richtigerweise, dass die Betrachtung der linearen Quote allein längst zu wenig ist - aber kaum jemand lässt sich im Digitalen in die Karten schauen…

Ich kann nur sagen, dass die Nutzung bei Joyn herausragend ist, und dass „Germanys Next Topmodel“ zu den Top3 all unserer Joyn-Formate gehört. Und darüber hinaus biete ich einen Deal an: An dem Tag, an dem Netflix, Disney, Prime Video und RTL+ ihre Nutzung transparent machen, machen wir das auch.

Noch vor wenigen Jahren galt Live-TV im Linearen als die schlagkräftigste Antwort auf Streamingdienste, aber Live-Events funktionieren on demand nicht besonders gut. Was also tun, wenn Sie künftig auf Joyn-Relevanz achten wollen?

Eine sehr gute Frage. Wir beantworten das derzeit mit einer guten Mischung aus Programmen, die wir mit strategischem Fokus auf Joyn beauftragen, aber auch Live-Shows wie aktuell „The Masked Singer“ oder „Schlag den Star“. Das ist Teil der DNA von ProSieben und es wäre ja Quatsch zu sagen, dass man sich solche Events spart. Und „Wer stiehlt mir die Show“ ist ein schönes Beispiel für eine Sendung, die nicht live ist, aber definitiv diesen Live-Charakter hat, auch weil wir unsere Produzenten explizit darauf briefen, dieses Feeling in der Postproduktion zu erhalten. Nicht auf Perfektion zu schneiden, sondern Luft zu lassen und auch Pannen stehen zu lassen beispielsweise. Und trotzdem wird dieses Show-Event auch danach noch extrem gut auf Joyn abgerufen.

Stichwort „Schlag den Star“, da haben Sie gestern kommuniziert: Matthias Opdenhövel übernimmt die Sendung von Elton. Der zeigt sich öffentlich enttäuscht über die Trennung. Was ist da schief gelaufen?

Ich versuche es mal mit einem Bild aus dem Fußball: Wenn jemand seit Jahren regelmäßig für den BVB aufläuft, aber dann immer häufiger im Fanblock den FC Bayern anfeuert, stellt sich doch zwangsläufig eine Frage: Wann ist die richtige Zeit für einen Vereinswechsel?  

Jetzt reden wir bislang über schon lang etablierte Formate. Wie viel Neues braucht ProSieben?

ProSieben gilt als Innovationstreiber, das wollen wir auch bleiben. Deshalb sind neue Formate essentiell, um neue Impulse zu setzen. Die größte Herausforderung im aktuellen Umfeld ist übrigens weniger, diese neuen Ideen zu finden. Mit unseren gut etablierten Formaten sind schon viele Programmflächen für Eigenproduktionen gefüllt. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, Platz zu finden für Neues in den Zeitschienen, in die wir investieren wollen.  Aber wir haben in diesem Jahr noch Einiges auf dem Plan. Bei „Wer isses?“, was kürzlich gegen harte Konkurrenz einigermaßen stabil lief und gute Verweildauern hatte, sehe ich zum Beispiel Potential für die Zukunft. Im Sommer produzieren wir „Destination X“, nachdem NBC und BBC – mit denen wir uns teilweise die Logistik und Infrastruktur teilen – jetzt auch verkündet haben, dass sie es machen. Auf das neue Reality-Highlight freuen wir uns im Herbst. Und wir entwickeln außerdem noch eine weitere neue Show für den Dienstag und verschiedene neue Ideen für den Samstagabend.

 

Hannes Hiller © Seven.One / Niederbuchner / Müller

 

Können Sie konkreter werden: Woran arbeiten Sie?

Für mich ist „TV total“ und vor allem Sebastian Pufpaff ein Phänomen von exzeptioneller Qualität. Was das Team da Woche für Woche hinstellt, ist beeindruckend. Mit dieser Marke und einer so tollen Persönlichkeit bei ProSieben zu überlegen, ob da nicht mehr drin ist, liegt ziemlich auf der Hand.

Aber nicht mehr „TV total“ pro Woche? Das hatte Sebastian Pufpaff vor wenigen Monaten bei uns im Interview noch ausgeschlossen…

Unser Ziel ist es, den Anteil lokaler Produktionen im Programm zu erhöhen und das mit einem Schwerpunkt auf dem Dienstag- und Samstagabend. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir aus der Marke „TV total“ heraus neue Shows, die auch zwei oder drei Stunden tragen, für die Prime Time entwickeln. Da liegt unser Fokus.

ProSieben will also Show-Sender bleiben?

Ein solides Jein (lacht) Natürlich ist ProSieben nach wie vor Deutschlands Show-Sender Nr.1 bei den jungen Zuschauer:innen mit vielen starken Marken, die uns helfen an vielen Abenden Marktführer zu sein. Aber mein Verständnis von ProSieben ist das eines Vollprogramms. Unsere Magazine „taff“ und „Galileo“ haben gerade einen Lauf und sind eine sehr wichtige Programmstütze. Dazu kommt die „Newstime“ und natürlich arbeiten Thilo Mischke und Jenke von Wilmsdorff an neuen Reportagen für uns – die ersten werden Ende Mai laufen. Auch das ist ProSieben, aber unsere Kernbotschaft bleibt: We love to entertain you.

Stichwort Information: Spielt Linda Zervakis denn bei ProSieben noch eine Rolle?

Selbstverständlich. Wir haben uns nach dem Ende von „ZOL“ mit ihr hingesetzt und mit dem Produzentenmarkt an Ideen gearbeitet. Die sortieren wir gerade mit Linda und werden dann festlegen, mit welchem neuen Format wir gemeinsam weitermachen.

Mittwochs probiert es ProSieben inzwischen mal mit einem Comedy-LineUp im Anschluss an „TV total“: Bleibt das auch über den Sommer so?

Mit dem Comedy-Mittwoch bin ich ganz zufrieden. Ja, wir sind noch nicht auf dem Niveau, das wir anstreben. Aber nach fast zwei Jahren #ZOL mussten wir feststellen: Das war ein Angebot, das unser Publikum nicht angenommen hat. Und wir sehen, dass wir mit mehr Comedy besser fahren, gerade derzeit mit „Bratwurst & Baklava – Die Show“. Der Audience Flow funktioniert sehr gut. Nächsten Mittwoch startet mit der „Quatsch Comedy Show“ eine weitere neue Comedy. Comedy am Mittwoch ist etwas, was wir fest im ProSieben-Programm verankern wollen, auch über das zweite Halbjahr hinaus. Dafür brauchen wir mehr Ideen, weil wir ab Herbst auch die 22 Uhr-Stunde am Mittwoch mit Comedy bespielen wollen. Das darf gerne als Signal an den Markt verstanden werden.

 

"Der Erfolg von 'TV total' zeigt uns eindrucksvoll, wie groß die Sehnsucht nach einfacher, reueloser Comedy ist"

 

Aber nicht in dem sie „Late Night Berlin“ einfach von Dienstag auf Mittwoch schieben?

„Late Night Berlin“ ist am Dienstagabend ein Perfect Match zusammen mit „Joko & Klaas gegen ProSieben“ und auch mit „Wer isses?“ funktionierte es gut. Insofern würde ich Klaas jetzt nicht ohne Grund vom Stammplatz am Dienstag verschieben. Wir wollen lieber mehr Comedy, weil ich in den vergangenen Jahren im persönlichen Austausch mit vielen Comedians eine gewisse „Heimatlosigkeit“ spüre: Nach dem großen Comedy-Hype vor einigen Jahren ist viel Fernsehfläche verloren ging, auch bei den Kollegen in Köln. Der Erfolg von „TV total“ zeigt uns eindrucksvoll, wie groß die Sehnsucht nach einfacher, reueloser Comedy ist.

2024 ist ein Sportjahr, was für Sender ohne Übertragungsrechte an der Fußball-EM oder den olympischen Spielen als eher schwierig gilt…

… und das ist es auch in diesem Jahr. Aber wir folgen dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung und bieten schon im Mai mit der Übertragung der Eishockey-WM – die wir im Übrigen für mehrere Jahre im Programm haben werden – ein absolutes Sport-Highlight auf ProSieben. Wir zeigen nicht nur alle Spiele der deutschen Nationalmannschaft, die als sensationeller Vizeweltmeister ins Turnier geht, sondern krönen das Event am Final-Wochenende Ende Mai ganz ProSieben-like mit einer schönen Überraschung für alle Sportfans: Unserem Super-Sport-Wochenende, an dem wir an zwei Tage jeweils mehr als acht Stunden durchgehend Sport im Programm haben. Neben den Halbfinals, dem Spiel um Platz drei und dem Finale der Eishockey-WM, die DTM und eine Partie vom ersten Spieltag der European League of Football. 

Dann kommen im Juni, Juli und August die Fußball-EM und die Olympischen Spiele, wo sie keine Rechte haben. Aber wie wäre es mit Boxen im September? Am 14. September vielleicht?

(lacht) Eine spannende Frage! Wer hätte gedacht, dass Stefan nochmal Lust hat, sich im Ring vermöbeln zu lassen. Ich drücke ihm persönlich die Daumen, dass er sich nicht wieder die Nase bricht. 

Nun gut. Herr Hiller, herzlichen Dank für das Gespräch.