Mit Moritz von Kruedener und den Deals verhält es sich ein bisschen wie mit den Polen eines Magneten. Die Anziehungskraft wirkt ebenso stark wie ununterbrochen. Kein zweiter deutscher Medienmanager hat in den vergangenen zehn Jahren so viele Firmen und Beteiligungen erworben oder Joint Ventures gegründet wie der Geschäftsführer der Beta Film. Rund 60 Töchter in 13 Ländern gehören mittlerweile zum Portfolio der Produktions- und Vertriebsgruppe aus Oberhaching bei München.

Wie reagiert so jemand wohl, wenn plötzlich vor der eigenen Haustür ein Stück von einem ähnlich traditionsreichen Unternehmen zu haben ist? Schließlich wird die Beta Film in Branchenkreisen seit einigen Monaten als möglicher Kaufinteressent gehandelt, sollte die Constantin Film ganz oder teilweise auf den Markt kommen. Nun hat sich die Nummer fünf der deutschen Produktionsriesen tatsächlich auf den Einstieg eines neuen Investors vorbereitet (DWDL.de berichtete). Zuckt es dem Chef der Nummer drei da in den Fingern?

Von Kruedener beantwortet die Frage gegenüber DWDL.de erstaunlich offen: "Constantin und Beta waren beides Kirch-Beteiligungen mit komplementären Geschäftsfeldern, was auch heute noch gilt. Wir beobachten die Situation." Desinteresse klingt schon mal anders. Vor allem aber argumentiert von Kruedener genau mit jenem historischen Bewusstsein, das die Beta seit jeher ausmacht. Seniorchef Jan Mojto hatte sie 2004 aus der Insolvenzmasse der untergegangenen Kirch-Gruppe übernommen, um die werthaltigen Filmrechte zu retten, und dann zu neuer Blüte geführt, indem er das europaweite Produktionsgeschäft ankurbelte. Dafür engagierte er bereits 2005 den damals 32-jährigen Sony-Vertriebsmanager von Kruedener.

Die von Bernhard Burgener gesteuerte Schweizer Medienholding Highlight Communications stieg derweil nach der Kirch-Insolvenz in die damals noch börsennotierte Constantin ein, kaufte immer mehr Anteile zu und entledigte sich schließlich 2009 per Squeeze-out der letzten freien Aktionäre. Ob Burgener nun wirklich per Kapitalerhöhung einen weiteren Constantin-Gesellschafter an seine Seite holt, ist noch unklar. Aber wenn, könnten sich die unterschiedlichen Schwerpunkte strategisch ergänzen: Beta würde deutlich stärkeren Zugriff auf den Kinomarkt und aufs US-Geschäft gewinnen, zum bisherigen Entertainment-Solitär Seapoint Productions kämen die Aktivitäten von Constantin Entertainment hinzu.

Beta Film auf einen Blick

  • Umsatz 2025: 354 Millionen Euro (Platz 3 der DWDL.de-Produktionsriesen)

  • Gesellschafter: Catharina & Maria Carolina Mojto (je 40% über Zwischengesellschaften), Moritz von Kruedener (5%), Alexander & Maria Trauttmansdorff (3%), Dirk Schürhoff (2,5%), weitere Führungskräfte (je 1-2%), Jan Mojto (0,5%)

  • Geschäftsführung: Jan Mojto, Moritz von Kruedener

  • Produktionsfirmen (Auswahl): Bantry Bay Productions, BetaBerlin Productions, Dreamtool Entertainment, Drive Beta, Etti Pictures, Gamma Film, Good Friends Filmproduktion, Intaglio Films, MR-Film, Neuesuper, Rowboat Film- und Fernsehproduktion, Seapoint Productions, Sommerhaus Filmproduktion, X Filme Creative Pool, Zeitsprung Pictures

  • Produktionen 2026 (Auswahl): Babylon Berlin (ARD); Breitscheidplatz 19/12 (ARD); Das Sommerhaus der Stars (RTL); Der Irland-Krimi (ARD); Die Kaiserin (Netflix); Die Toten vom Bodensee (ZDF); Dolly (Netflix); Dr. Nice (ZDF); Euphorie (RTL+); Kommissar Rex (Sat.1/ORF); Let's Dance (RTL); Neue Geschichten vom Pumuckl (RTL+); Prominent verwandt (RTL+); SOKO Linz (ZDF/ORF); SOKO Potsdam (ZDF); Tatort (ARD)

Generell scheint Beta gewillt, den bisherigen Wachstumskurs mit seinem mehr oder weniger lockeren Netzwerk von Produktionsfirmen fortzusetzen und nicht aufs strikte Konzerncontrolling investorengetriebener Gruppen umzuschwenken. "Wir sind überzeugt, dass die besten Ergebnisse entstehen, wenn Produzentinnen und Produzenten unabhängig agieren können", sagt von Kruedener. "Dafür wollen wir mit der Beta ein starkes Umfeld und wenn nötig auch Unterstützung bieten."

2025 sorgte diese Strategie nach Unternehmensangaben für einen Gesamtumsatz von 354 Millionen Euro – rund sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Zwar hatte Beta im August 2025 gegenüber DWDL.de einen geschätzten 2024er Umsatz von ca. 365 Millionen Euro angegeben, allerdings im offiziellen Konzernabschluss vom 17. Dezember nur noch 332 Millionen Euro gemeldet. Fürs laufende Geschäftsjahr stehen die Zeichen abermals auf Plus: "Wir erwarten konstante Vertriebsergebnisse", so von Kruedener. "Im Produktionsbereich deuten alle Zeichen auf ein sehr gutes Jahr mit einer steigenden Umsatz- und Ergebnisentwicklung hin."

Neue Geschichten vom Pumuckl © RTL / NeueSuper "Klarer Fokus": Pumuckl sorgt für anhaltende Freude im Beta-Reich
Das liege vor allem daran, dass die "selbstständigen, äußerst erfahrenen und vielseitigen" Produzenten um "jeden einzelnen Auftrag" kämpften, die Synergien mit Beta nutzten sowie "alle Möglichkeiten nationaler und internationaler Finanzierung und Verwertung" ausschöpften. Dieser "klare Fokus auf das Wesentliche" zahle sich aus. Im Gegenzug dürfen Produzenten mit einer gewissen Flexibilität in der Beteiligungsstruktur rechnen und Anteile mitunter versilbern. So halbierte Zeitsprung-Pictures-Chef Michael Souvignier, der diese Woche für seine herausragenden produzentischen Leistungen mit dem Carl-Laemmle-Preis der Produktionsallianz geehrt wird, seinen Firmenanteil voriges Jahr von knapp 40 auf knapp 20 Prozent. Beta hält jetzt über 80 Prozent an Zeitsprung. Bei der Neuesuper wiederum reduzierten die Gründer Simon Amberger, Korbinian Dufter und Rafael Parente ihre Anteile Ende 2024 von zusammen zwei Dritteln auf 49 Prozent, so dass Beta seither die Kontrollmehrheit hält.

Doch längst besteht das Geschäft der Beta Film nicht mehr nur aus Produktion und Programmvertrieb. Mit der im Herbst 2023 vollzogenen 50-Prozent-Beteiligung an der von Ex-Kirch-Manager Alexander Trauttmansdorff gegründeten High-View-Gruppe erfolgte de facto auch der Einstieg in die Distribution über Free-TV-Sender wie Deluxe Music, Pay-TV-Sender wie AXN Black oder AXN White sowie etliche FAST-Channels. "Wir entwickeln uns schrittweise von einer Vertriebs- und Produktionsgruppe zu einem integrierten Contenthaus", so von Kruedener.

Wie stark High View dabei als Zentrum des anorganischen Wachstums in neue Geschäftsfelder fungiert, lässt sich erst dieses Jahr so richtig ablesen. 2026 startete mit der Übernahme des TV-Werbevermarkters Goldvertise (DWDL.de berichtete), der Spartenkanäle wie die AXN-Sender, Euronews, Motorvision+ oder die Pay-TV-Sender von ProSiebenSat.1 vermarktet. Im Frühjahr folgte der Erwerb der Hamburger Media-Agentur PIA Media, die für Kunden wie American Express, AOK, Ergo, Ernsting's Family oder Fitness First tätig ist und 2025 rund 158 Millionen Euro umsetzte. Im Zuge eines Management-Buyouts übernahmen die PIA-Chefs Axel Schönau und Sebastian Sommerer jeweils 15 Prozent der Anteile, während der High-View-Gruppe nun 70 Prozent gehören.

Im Zuge der Neuaufstellung soll bei PIA Media auch eine Einheit für Branded-Content-Produktion entstehen. Die Agentur selbst spricht von einem "modernen Setup für Content und Kreation" mit Fokus auf "AI-gestützten Prozessen, plattformgerechter Umsetzung sowie Video- und Social-Formaten als zentralen Treibern für Marken- und Performancewirkung". Damit stärke die Beta gezielt ihre Kompetenzen an der Schnittstelle von Content, Reichweite und Vermarktung, sagt von Kruedener. "Wenn es uns gelingt, die Content-Produktion, den Vertrieb, kuratierte Programmangebote, ihre Verbreitung und ihre Vermarktung noch enger miteinander zu verzahnen, können wir daraus zusätzliche Wertschöpfung und nachhaltiges Wachstum entwickeln."

Produktionsriesen im Umbruch – bisher erschienen