Rückblick 2011/2012 - Das Erste © DWDL
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Probleme im Ersten: Diagnose Programmverstopfung

von Uwe Mantel
15.08.2013 - 14:05 Uhr

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Dass Das Erste in der letzten Saison fast dauerhaft hinter dem ZDF blieb, liegt vor allem an der Dauerbaustelle Vorabend, bei der keine Besserung absehbar scheint. Ganz anders in der Primetime: Dort sind die Sendeplätze so verstopft, dass für nötige Innovation kaum Platz ist.

Das Erste hat aus Quotensicht eine glanzlose Saison hinter sich. Die Marktanteile pendelten zwischen 11,5 und 12,5 Prozent - historische Tiefstwerte blieben dem Ersten erspart, neue spektakuläre Flops wie "Gottschalk Live" gab es nicht zu verdauen. Doch das ZDF hat dem Ersten, das den historischen Vorteil des in der überwiegenden Zahl der Haushalte noch immer ersten Platzes auf der Fernbedienung hat, den Rang abgelaufen. Zwischen Oktober und Mai lag das ZDF durchgehend vor dem Ersten.

An Highlights hat Das Erste vor allem den "Tatort", der - und das ist in Zeiten immer stärker werdender kleiner Sender eine ganz erstaunliche Leistung - noch weiter zulegen konnte, auch dank Namen wie Til Schweiger. Doch große weitere Highlights außerhalb dieser Reihe? Die fand man mit Produktionen wie "Das Adlon", "Unsere Mütter, Unsere Väter" oder auch "Verbrechen" nicht im Ersten, sondern im ZDF. Immerhin: Bei der ARD hat man den Mangel an Events bereits erkannt und will das den Worten von Programmdirektor Volker Herres zufolge wieder ändern.

Doch das wird den Sender nicht aus dem Quoten-Mittelmaß bringen. Um dieses zu verlassen, müsste die traditionelle Dauerbaustelle geschlossen werden: Der Vorabend. Doch danach sieht es derzeit eher nicht aus. "Verbotene Liebe" verliert immer mehr an Zugkraft und holte zuletzt häufig weniger als 7 Prozent Marktanteil beim Gesamtpublikum und unter 5 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. Die "Heiter-bis-tödlich"-Strategie geht zudem nun bereits in ihr drittes Jahr, ohne dass Licht am Ende des dunklen Quotentunnels erkennbar wäre.

Trotzdem hält man wohl nicht zuletzt aus Mangel an Alternativen stur daran fest, probiert es inzwischen sogar auch am Freitag mit Krimiware, nachdem die Show-Versuche dort in den letzten beiden Jahren genauso kläglich gefloppt waren. Dabei ist die ARD als Ganzes am Vorabend ja gar nicht erfolglos - nur will das Publikum von der ARD offensichtlich das, wofür sie ja eigentlich auch stehen will: Regionales. Die Dritten erreichen am Vorabend mit ihren Regionalmagazinen in den jeweiligen Sendegebieten teils über 30 Prozent Marktanteil. Dieses Pfund hat sich Das Erste mit der Abschaffung der Regionalfenster vor langer Zeit selbst genommen.

Allerorten wird von den Sendern stets mehr Durchhaltevermögen und langer Atem gefordert - irgendwann sollte man sich aber auch die Frage stellen, ob es nicht einfach der falsche Weg ist, dem überaus erfolgreichen ZDF-Krimiangebot noch eigene Krimis entgegenzusetzen. Mit "Hubert und Staller" erreichte selbst die erfolgreichste der Vorabendserien weniger als zwei Millionen Zuschauer und weniger als 8 Prozent Marktanteil beim Gesamtpublikum bzw. nur knapp über 5 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen.

In der Primetime erreichen Wiederholungen von "Hubert & Staller" gerade hingegen ein wesentlich größeres Publikum. Nicht nur die Reichweite, auch der Marktanteil liegt dort locker doppelt so hoch. Das zeigt vor allem: Das Erste hat einen sehr wertvollen Sendeplatz am Dienstagabend, auf dem selbst Wiederholungen ein Millionenpublikum erreichen können - und den man nutzen könnte, um wirklich neue, innovative, hochklassige Serien einem Millionenpublikum näher zu bringen. Doch für die ist gar kein Platz, weil man die Sendezeiten teils auf Jahre hinaus längst mit "In aller Freundschaft", "Tierärztin Dr. Mertens", "Um Himmels Willen" und "Familie Dr. Kleist" verplant hat. Im Einzelnen ist gegen all diese Serie nichts zu sagen. Sie erreichen ein großes Millionenpublikum und haben damit ihre Berechtigung. Doch im Ganzen verstopfen Sie die raren Serienplätze im Ersten. Und ein öffentlich-rechtlicher Sender müsste doch mehr Anspruch haben, als nur harmlose Serien für ein Millionenpublikum zu produzieren.

Für Serien wie "Weissensee" findet sich angesichts dessen nach drei Jahren mal wieder ein Plätzchen, häufiger als alle zwei Jahre bleibt auch für "Mord mit Aussicht" keine Zeit. Unterhält man sich mit Verantwortlichen in den diversen ARD-Anstalten, dann mangelt es häufig nicht am Willen, Innovativeres zu produzieren. Doch es ist die schlichte Erkenntnis, dass es ohnehin keinen Programmplatz und damit auch kein Geld dafür gibt, die die Überlegungen mit wenigen Ausnahmen schnell versanden lassen. Was der ARD wie überhaupt dem deutschen Fernsehen fehlt wäre ohnehin ein Serien-Platz, der nicht um 20:15 Uhr liegt und auf dem nicht fünf Millionen Zuschauer geholt werden müssen, der aber trotzdem nicht in den Dritten versteckt ist. Auch das stünde der ARD gut zu Gesicht.

Doch Das Erste hat nicht nur im Serienbereich ein Platzproblem, auch wenn es um humorvolles Fernsehen geht, dann tut man sich schwer. Der "Satire-Gipfel" läuft auf einem Reportage-Sendeplatz, Formate wie "Inas Nacht" und "Krömer - Late Night Show" werden am späten Samstagabend gezeigt - sehr passend nach dem "Wort zum Sonntag" und zu ständig wechselnden Startzeiten. Auch für Olli Dittrichs hochgelobtes "Frühstücksfernsehen" muss ein Platz erst noch gefunden werden. Dass der Zuschauer Das Erste im Satire/Comedybereich trotz eines durchaus beachtlichen Angebots kaum wahrnimmt, kann da kaum verwundern. Immerhin: Der späte Donnerstagabend soll nun wieder die Heimat für Lustiges werden - Ende 2014, wenn Beckmann seinen Talk aufgibt. So weit war Das Erste übrigens schonmal, ehe man sein Programm ganz darauf ausgerichtet hat, fünf Talks unterzubringen, die mit Ausnahme von Beckmann alle nicht schlecht laufen, die allerdings auch nicht gerade Quoten-Aushängeschilder und zudem noch Anlass fortwährender Kritik sind.

Im Show-Bereich hat man sich nach Pilawas einstigen Wechsel zum ZDF vom Quiz-Einerlei gelöst - und sollte auch nach seiner Rückkehr im kommenden Jahr dabei bleiben, auch wenn Pilawa sich schon wieder diverse Quiz-Titel schützen ließ. Mit einer Sendung wie beispielsweise "Klein gegen Groß" hat man bewiesen, dass auch anders Quote zu machen ist - und zwar gerade auch bei den Jüngeren. Auf diesem Weg gilt es weiter zu gehen. Und endlich auch Matthias Opdenhövel, der seit nunmehr zwei Jahren in Diensten der ARD steht und einer der begnadedsten Live-Moderatoren ist, das richtige Format neben seinem Sport zu geben. Vielleicht ist seine neue "Show der unglaublichen Helden" ja ein Anfang.

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