"Uns eint der Kampf um Zeit und Aufmerksamkeit der Zuschauer", sagte ARD-Degeto-Chef Christoph Pellander zur Begrüßung und gab die Stoßrichtung vor: "Wir wollen alles tun, um aus dem Überangebot herauszustechen." Rund zwei Drittel der Nutzung der ARD-Mediathek entfielen auf fiktionale Inhalte, fügte deren Channelmanagerin Sophie Burkhardt hinzu. Dabei wolle die ARD bewusst Geschichten aus Deutschland erzählen. Die regionale Verankerung sei kein Zufall, sondern "Teil unseres Selbstverständnisses", so Burkhardt weiter. "Menschen brauchen Geschichten und Orte, in denen sie sich wiedererkennen. Denn Identifikation schafft Verbundenheit – und daraus kann gesellschaftlicher Zusammenhalt wachsen." Für die App der ARD-Mediathek kündigte Burkhardt derweil die baldige Erweiterung um eine Vertical-Funktion an.
Unter dieser breiten Klammer fuhr die ARD bei ihrer Präsentation am Donnerstag in Berlin einen weit gespannten Genre-Mix vom Mystery-Thriller bis zur Impro-Dramedy auf – unterstützt von geballter Star-Power wie Sylvie Meis, Helena Zengel, Friedrich Mücke, Maximilian Mundt oder Moritz Bleibtreu, die ARD-Sprecherin Tabea Werner charmant plaudernd im fliegenden Wechsel auf die Bühne bugsierte.
Der wohl größte Name tauchte freilich nur in einem Trailer auf: Hollywood-Star Fran Drescher alias "Die Nanny" ist Teil der zweiten Staffel von "Die Zweiflers" (Produktion: Turbokultur), die am 15. Januar in der ARD-Mediathek startet. Sie spiele eine Rolle, die Samuels Leben auf den Kopf stellen könnte, deutete Showrunner und Produzent David Hadda an. Sein Credo für die Fortsetzung der international preisgekrönten Serie rund um eine dysfunktionale jüdische Familie in Frankfurt habe gelautet: "Wir machen keine zweite, sondern eine neue erste Staffel. Und wir haben uns gefragt: Was wäre das Schlimmste, das dieser Familie passieren könnte?" Entsprechend werfen nun ein ungeklärtes Verbrechen aus den 1950ern und lange verdrängte Konflikte ihre Schatten auf die Gegenwart der Zweiflers.
© ARD Degeto/BR/Dreamtool/Michael Schreitel
Mit KI-generierten Raubtieren: "Der Circus – Welt der Träume" wird momentan gedreht
Mit "Der Circus – Welt der Träume" (Produktion: Dreamtool Entertainment) stellte der neue Degeto-Redaktionsleiter Karsten Günther in Berlin ein bisher nicht bekanntes Serienprojekt vor. Der historische Sechsteiler von Headautor Simon X. Rost und Regisseur Sven Bohse wird noch bis Mitte November in Bayern, Lettland und Litauen gedreht. Er erzählt die fiktionalisierte Entstehungsgeschichte des Circus Krone zu Beginn des 20. Jahrhunderts – laut Günther die "Geburtsstunde des deutschen Showbusiness". Während die junge Juwelendiebin Pauline (Julia Novohradsky) auf der Flucht vor der Polizei im Zirkus landet, will dessen neuer Direktor Carl (Rick Okon) das Erbe möglichst schnell verkaufen. Heino Ferch spielt den Tierhändler Brockstätt, der schließlich den Ausbau des Zirkus finanziert. Aufgemacht als opulentes Spektakel, das Weihnachten 2027 ausgestrahlt werden soll, sind alle Elefanten und Raubtiere KI-generiert.
Bereits zum diesjährigen Weihnachtsfest wartet die ARD mit der fünften "Charité"-Staffel auf, über die bislang noch nicht allzu viel bekannt war. "Charité 1831" (Produktion: UFA Fiction, UFA Mitte) – ab 18. Dezember in der Mediathek und am 22. Dezember im Ersten – springt vier Folgen lang zurück in die Vergangenheit, und zwar noch vor die Zeit der ersten Staffel. An der Charité des frühen 19. Jahrhunderts will eine junge Frau (Marlene Burow) Ärztin werden – der einzige Weg ist, sich als Mann auszugeben, weil Frauen der Weg in die Medizin noch verwehrt ist. Als ihr Ex-Verlobter (Philip Froissant) als Unterarzt an die Klinik kommt, droht alles aufzufliegen. Und dann bricht in Berlin die Cholera aus. Gedreht wurde abermals in Prag, Regie führt Alexander Dierbach nach den Drehbüchern von Sandra Stöckmann. Die Degeto hat die Federführung vom MDR übernommen.
Noch ziemlich frisch von den Dreharbeiten kamen "Bolzen" und "Mabuse", die beide 2027 laufen sollen. "Bolzen" (Produktion: Montavia Film und SWR) ist die im Juni vom SWR angekündigte Mockumentary über einen Fußball-Star im Karrieretief: Marty Bloch (Ben Felipe) ist infolge von Skandalen und Shitstorms wieder bei seinem Heimatverein in der Kreisliga angelangt, wo seine hohen Ambitionen auf die Realität des Amateurfußballs prallen. Headautor Andrej Sorin, der mit sieben Jahren nach Deutschland kam, berichtete in Berlin, dass Fußball für ihn damals der wichtigste Anker und Gemeinschaftsstifter gewesen sei.
© ARD Degeto/MDR/UFA/Melanie Hövelborn
Zurück in die Vergangenheit: "Charité 1831" widmet sich der frühen Medizin und der Cholera in Berlin
Bei "Mabuse" (Produktion: Keshet Fiction Germany, CCC Filmkunst) wiederum handelt es sich um die im Januar vorgestellte Neuinterpretation der filmgeschichtlichen Ikone. "In den 1920ern und 1960ern war Dr. Mabuse der ultimative Superbösewicht, der damals durch Hypnose Menschen manipuliert hat", so Produzentin Christina Christ. "Wir geben ihm jetzt die neuzeitlichen Mittel KI, Algorithmen und Desinformation und bauen damit eine erschreckende Brücke zur heutigen Realität." Im Zentrum der Geschichte steht eine rätselhafte Serie von Gewalttaten, deren Spuren tief in die digitalen Schattenräume führen. Unter der Regie von Boris Kunz spielt in der Ermittler-Hauptrolle Friedrich Mücke, der in Berlin vom hohen Production Value und den täglich wechselnden Sets schwärmte.
Mit "Breitscheidplatz 19/12" (Produktion: Neuesuper), das am 30. Oktober startet (DWDL.de berichtete), und den "Friesenjunkies" (Produktion: Kleine Brüder), die ab 6. November für Lacher sorgen (DWDL.de berichtete), enthielt die Präsentation auch kurz bevorstehende Veröffentlichungen. Auf der Bühne beschrieben Sylvie Meis und Oskar Belton den "Friesenjunkies"-Dreh in Belgien als "lustige Klassenfahrt" (Belton) und "eine der schönsten Zeiten in meinem Leben" (Meis).
Für den 27. November wurde der Mediatheksstart des sechsteiligen Mystery-Thrillers "Ritus" (Produktion: MadeFor Film) angekündigt – vor einem Jahr ursprünglich unter dem Arbeitstitel "Seelendorf" in Aussicht gestellt. Moritz Bleibtreu, der Kommissar Berger spielt, erzählte in Berlin, dass er beim ersten Lesen des komplexen Drehbuchs gedacht habe: "Der Kommissar löst nicht den Fall, sondern der Fall den Kommissar." Während der Mondwende wird in einem abgelegenen See die Leiche eines seit 18 Jahren vermissten Mädchens gefunden – ihr Körper unversehrt, als hätte die Zeit ihn konserviert. "Auch wenn wir Mystery mit Horror-Elementen erzählen", so Produzentin Nanni Erben, "geht es im Kern um doch um die Frage: Wer bin ich und wie bestimmt mich meine Vergangenheit?"
Am 3. (Arte-Mediathek) bzw. 4. Dezember (ARD-Mediathek) startet das sechsteilige Thriller-Drama "Westend Girl" (Produktion: Flare Film) mit Helena Zengel, das auf der Berlinale vorgestellt worden war und beim diesjährigen Seriencamp Premiere gefeiert hatte – ebenso wie "All Heroes Are Bastards" (Produktion: btf, Picture Me Rollin), die Köln-Kalker Superhelden mit Migrationshintergrund, die im Frühjahr 2027 folgen sollen.
von



