Superhelden sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Monströse Philanthropen in Menschengestalt nämlich, die mitunter Spinnen- oder Fledermausblut haben, am Ende aber meist humanistischer agieren als alle Normalsterblichen. Moralisch flexible Ausnahmen wie Deadpool, Wolverine oder Hellboy dürfen die Makellosigkeit aufrechter Marvel- und DC-Heroen zwar schon länger schreddern. Aber erst, seit fünf straffällige Teenager so der Blitz traf, dass diese „Misfits“ 2009 Superkräfte bekamen, werden Superhelden nicht nur jünger, sondern diverser.

Malik (Kebir Sargin) zum Beispiel ist vor gar nicht allzu langer Zeit im sozial komplizierten Kölner Stadtteil Porz aufgewachsen. Seine Vorfahren allerdings sind einst ebenso aus der Türkei eingewandert wie die von Dina (Funda Bostanlik). Als beide zufällig zur selben Zeit am selben Ort ein magisches „Artefakt“ berühren, das übersinnliche Fähigkeiten verleiht, werden sie die ersten Superhelden mit Migrationshintergrund der deutschen Film- und Fernsehgeschichte. Das klingt für sich genommen erstmal originell. Normalerweise reicht es aber nicht für abendfüllende Fantasy-Serien. Dass diese bei ihrer gestrigen Weltpremiere erst einen Preis und dann auch noch donnernde Ovationen bekam, hat also weitere Ursachen.

Die wichtigste steckt bereits im Titel. „All Heroes Are Bastards“ ist nämlich nicht nur vielschichtiger, sondern politischer als im muskelbepackten Weltrettungsgewerbe üblich. Der erste von sechs Teilen à 40 Minuten beginnt daher in einer dystopischen Near Future, die verteufelt an Donald Trumps USA erinnert. Alltagsrassismus ist darin Gesetz. Der Islam wird kriminalisiert. Abgeriegelte Ghettos trennen Wohlstand rigide von Armut. Und in den Hochhaussiedlungen rechts vom Rhein terrorisiert ein „Heimatkommando“ im Stil der amerikanischen ICE alles, was nicht ins biodeutsche Raster passt.

Wenn die faschistoiden Robocops wehrlose Opfer staatlicher Willkür mit Darth-Vader-Stimme angrunzen, „hier unter meinen Stiefeln bist du genau richtig“, wird der ARD-Sechsteiler zwar mitunter leicht didaktisch, also deutsch. Doch abseits bevormundender Erklärbär-Texte stopft das Regie- und Liebespaar Esra und Patrick Phul die Drehbücher seiner zweiten Teamarbeit nach dem HipHop-Musical „Hype“ mit etwas voll, das man eigentlich aus Frankreich oder Großbritannien kennt: humorvolle Gesellschaftskritik.

Ein sinistrer Medienkonzern zum Beispiel dreht darin islamophobe Telenovelas, deren Klischees zum Brüllen komisch sind. Der Dönerverkäufer Hamza (David Mayonga) will sich dagegen mithilfe magischer Kräfte zur Wehr setzen, die tendenziell schwer nach hinten losgehen. Und immer mittendrin: Dampfplauderer Malik. Ein Chabo ohne Babo, der dringend Geld braucht, um nach Dubai zu fliehen, dafür aber ins anschwellende Chaos einer absurden, nicht albernen Superheldengroteske gerät. Wer an dieser Stelle traditionell deutsche Vor- und Nachnamen vermisst, muss in der Besetzungsliste ganz schön weit runterscrollen.

„All Heroes Are Bastards“ ist schließlich von, mit und für Menschen gemacht, denen es in der hiesigen Unterhaltung noch immer an Sichtbarkeit mangelt. Marginalisierte Herkunftsbiografien, denen man gar kein dystopisches SciFi-Regime an die Regierungsspitze schreiben muss, um Diskriminierungen aller Art zu thematisieren. Dass Familie Phul dafür mehrheitlich unerfahrene Schauspielerinnen und Schauspieler mit Milieuerfahrung besetzt, ist angesichts dieser seriellen Selbstermächtigung daher naheliegend.

Etwas ferner liegt dagegen die Qualität, mit der sie ihre Charaktere verkörpern. Besonders der gelernte Rapper Kebir Sargin alias Sero el Mero überzeugt als magischer Desperado beim schwierigen Versuch, seine neue Kraft konstruktiv zu nutzen. Und das weniger wegen breitbeiniger Aktion-Sequenzen, sondern weil er Kanak-Sätze wie „weißwasischmeine“ oder „chilldochmalbruder“ in seiner ersten Filmrolle eher aus der Magengrube als dem Drehbuch holt und das perspektivlose Leben strukturell benachteiligter Filmfiguren dabei mit ungemein authentischem Humor versieht. Wenn Malik der Realität mal wieder beim Glotzen alter Eastern entflieht und den Text mitspricht, als kommentiere er sein Leben, sprüht die Serie aus jeder Sekunde mehr Funken als ganze Staffeln „The Boys“.

Weil er mit seinem Kumpel Yusuf (Hüseyin Top) dabei eher Zeit totschlägt als sinnvoll nutzt, müssen sich aber wie so oft aber erstmal die Frauen aus der Zelle selbstprophezeiender Vorurteile befreien. Die renitente Schülerin Hind (Tanaz Molaei) zum Beispiel sorgt mit ihrer plötzlich superkräftigen Lehrerin Dina dafür, bei der Dekonstruktion rassistischer Stereotypen keine neuen zu kreieren. Weil „All Heroes Are Bastards“ die herrschenden Verhältnisse obendrein in einer Achterbahnfahrt voller Slapstick, Anime, Kifferhumor zerlegt, bläst der Sechsteiler nicht nur frischen Wind durchs Superheldengenre, sondern durch deutsche Serien insgesamt.

"All Heroes are Bastards" feierte Premiere auf dem Seriencamp in Köln. Ein Veröffentlichungstermin steht noch nicht fest.