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DWDL.de-Interview mit ANGA COM-Chef Peter Charissé

"Wir werden nicht dem Trend zum Festivalcharakter folgen"

 

In diesen Tagen erwartet die ANGA COM mehr als 500 Aussteller aus 35 Ländern in Köln. DWDL.de sprach mit ANGA-Geschäftsführer Peter Charissé über den Wettbewerb beim Fernsehempfang, US-Konkurrenz und das Erbe des Medienforums NRW.

von Thomas Lückerath , Köln
03.06.2019 - 15:00 Uhr

Herr Charissé, nie war Kommunikation schneller und einfacher als heute. Eine Frage, der sich jeder Messebetreiber gegenüber sieht: Wozu braucht es noch eine Messe, zu der alle anreisen müssen?

Die These vom Auslaufmodell, das von der digitalen Transformation überrollt wird, kennen in der Tat alle Messe- und Kongressveranstalter – egal aus welcher Branche. Die Fakten sehen aber anders aus: Bei scharf profilierten Fachmessen, die sich eng an den Bedürfnissen ihrer Kunden ausrichten, steigen die Besucherzahlen weiterhin fast überall. Warum ist das so? Geschäfte kann man natürlich zu einem guten Teil auch aus der Ferne abwickeln. Ein Vertrauensverhältnis, das langfristig trägt, entsteht aber nur im persönlichen Kontakt. Und dafür ist eine Messe immer noch der effizienteste Weg, um mit vertretbarem Zeitaufwand möglichst viele Geschäftspartner zu treffen. Am Ende des Jahres schont das sogar die Reisebudgets.

Ist es dann eher das Networking, das die Menschen zur ANGA COM zieht?

Wenn Sie das auf Geschäftsanbahnung und Abschlüsse beziehen: ja. Eine erfolgreiche Messe muss sich am Ende für die Unternehmen rechnen. Natürlich gehört auch ein Rahmenprogramm wie unsere große ANGA COM Night auf den Rheinterrassen oder die Open Air Plaza mit Food Trucks dazu. Das Business muss aber immer im Vordergrund stehen. Wir werden mit der ANGA COM jedenfalls nicht dem Trend zum Festivalcharakter folgen. Wir sind und bleiben vor allem ein Marktplatz.

Können Sie uns einige Zahlen zur ANGA COM 2019 geben?

Wir erwarten mehr als 500 Aussteller aus 35 Ländern und liegen auch bei der kommerziell wichtigsten Kennziffer – das ist die vermietete Fläche – noch einmal über den guten Zahlen des Vorjahres. Besonders viele Zugänge haben wir dieses Jahr im Bereich Fernsehen und Video, insbesondere zu OTT und AppTV. Für die insgesamt 36 Kongresspanels, davon die Hälfte in Englisch, kommen mehr als 180 Breitband- und Medienexperten um bei uns in Köln zu sprechen.

Stichwort Köln: Vor zwei Jahren sind Sie in die Messe Nord umgezogen. Glücklich mit der neuen Heimat?

Absolut, der Umzug in modernere Hallen war für uns ein neuer Meilenstein bei Infrastruktur und Aufenthaltsqualität. Auch das Rheinland an sich ist und bleibt für uns der ideale Standort. Denn es gibt wohl keine andere Region in Deutschland oder sogar Europa, in der derart viele Marktführer sowohl aus der Breitband- als auch der audiovisuellen Medienbranche ihren Sitz haben: Deutsche Telekom, Vodafone, RTL und der WDR. Diese Kombination ist genau das, was den Standort für unsere Themen besonders attraktiv macht.

Treten Sie jetzt das inoffizielle Erbe des Medienforum NRW an?

Mit dieser Frage habe ich natürlich gerechnet. Die Medien gab es bei uns ja schon lange vor der Kooperation mit dem Medienforum NRW. Da wir mit dem Kabelfernsehen und Satellitenempfang begonnen haben, adressieren wir schon immer gleichermaßen die Breitband- und die audiovisuelle Medienbranche. Deshalb und vermutlich auch wegen des vergleichsweise großen Publikums, das wir mit unserem Kongressprogramm erreichen, hat damals wohl auch das Medienforum den Weg zu uns gefunden. Nun sind wir seit letztem Jahr in NRW wieder allein. Ich sehe aber bei der Zahl der Medienkongresse auch nicht unbedingt ein Defizit oder gar ein "Marktversagen". Deshalb finde ich es grundsätzlich vernünftig, wenn sich der Staat hier im Zweifelsfall zurückhält. Wir hielten die ursprüngliche Entscheidung der damaligen Landesregierung, mit dem Medienforum zu uns zu kommen, für schlüssig und effizient, können aber auch wieder solo sehr gut arbeiten. So werden die Medienthemen auch dieses Jahr im Kongressprogramm absolut ebenbürtig vertreten sein. Das beginnt bei den Stichworten Streaming, OTT, Personalized TV und AppTV und setzt sich fort bis hin zum Urheber- und Medienrecht.

Fernsehen war früher Infrastruktur, die aus der Wand kam. Wie Strom und Wasser. In den vergangenen Jahren erleben wir, wie Fernsehen zum Produkt wird, für das man sich aus einer Vielzahl von Angeboten bewusst entscheidet - aber auch nur wenn man es nutzt. Würden Sie diese Entwicklung als Begriff teilen?

Absolut, die Vielfalt an TV- und Videoangeboten und den Verbreitungsplattformen dafür ist enorm gewachsen. Streaming und OTT haben den Fernsehmarkt radikal verändert.

Das Fernsehen wird also ein Stück weit mehr Software als Hardware.

Genauso ist es. Die Bedeutung von Endgeräten und Fernsehhardware geht immer weiter zurück. Das lässt sich auch an der Entwicklung unserer Ausstellerstruktur ablesen. Statt Hersteller von Set-Top-Boxen kommen immer mehr junge Hightech-Unternehmen zu uns nach Köln, die TV-Apps und andere Softwarelösungen für Fernsehen und Video entwickeln.

Jahrelang kämpften Kabel und Satellit um die Marktführerschaft. Heute wirkt es so als sei der lachende Dritte am Ende das Internet – was eben auch Fernsehsignale transportieren kann…

Die Wettbewerbssituation beim Fernsehempfang hat sich in der Tat grundlegend verändert. Vergessen wird dabei gerne, dass das nur durch den Ausbau und die Beschleunigung unserer Breitbandnetze möglich geworden ist. Erst dadurch kam lineares Fernsehen auch über das Internet beim Kunden in der notwendigen Signalqualität an. Wir haben den neuen Wettbewerb durch Streaming und OTT selbst geschaffen. Die Herausforderung durch TV- und Video-Angebote im Internet nehmen wir auch sehr ernst. Wir müssen unsere klassischen Fernsehprodukte beständig verbessern. Dazu zählen insbesondere zeitversetzte Funktionalitäten wie das sogenannte Replay-TV, das das lineare Fernsehen um die FreeTV-Sendungen der letzten sieben Tage erweitert. Hinzu kommen immer mehr eigene AppTV-Plattformen unserer Netzbetreiber. Ziel muss es sein, das Produktbündel aus Internet, Kabelfernsehen und AppTV so attraktiv zu machen, dass der Kunde es der separaten Buchung von vier oder fünf einzelnen Streaming-Angeboten vorzieht oder zumindest darauf nicht verzichtet.

Die deutsche Branche diskutiert gerne die Gefahr durch unregulierte Konkurrenz aus dem Silicon Valley. Ist deren vermeintliche Übermacht wirklich das Problem oder wird damit nur ausgeblendet, dass in Deutschland zu lange gewartet wurde und Chancen verspielt wurden?

Man kann sicherlich die Frage stellen, warum der Video-Streamingmarkt komplett von US-Anbietern dominiert wird. Am Beispiel Spotify kann man ja sehen, dass neue Digitalplattformen auch aus Europa heraus erfolgreich sein können. Auf der anderen Seite ist ein großer Heimatmarkt natürlich ein Startvorteil, weil er zu Skaleneffekten bei der Kostenstruktur führt. Auch deshalb steht ja Hollywood nach wie vor einsam an der Spitze der Filmindustrie. Anders als zu Zeiten von "Dallas" und "Denver Clan" überzeugen die neuen Streamingdienste heute auch durch inhaltliche Qualität. Und dies ist natürlich auch eine Frage des Budgets. Wie man das hier bestehende Gefälle zwischen den USA und Europa dauerhaft überbrücken kann, ist für mich eine strukturelle Frage, zu der ich noch keine überzeugende Antwort gehört habe. Ich bin gespannt, ob das diese Woche auf unserem Mediengipfel gelingen wird. Mit ProSiebenSat.1, RTL, Amazon Prime Video, Discovery, Vodafone, Bavaria Film und dem ZDF sind ja alle betroffenen Branchen auf der Bühne vertreten.

Herr Charissé, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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