Im vergangenen Jahr fiel die Entscheidung im Rennen um den Emmy für die beste Drama-Serie zwischen einer High-Concept-Serie von Apple TV auf der einen Seite, und einer Serie, die vor allem von ihren Figuren lebt auf der anderen. "Severance" gegen "The Pitt" hieß damals das Duell - das "The Pitt" letztlich für sich entscheiden konnte. In diesem Jahr stellt sich für die Academy-Mitglieder nun die gleiche Frage: Bleibt man beim character-driven Drama "The Pitt" - oder fällt die Wahl diesmal auf das neueste High-Concept-Werk aus dem Hause Apple TV, das diesmal auf den Namen "Pluribus" hört.
Im vergangenen Jahr war "The Pitt" noch in der Herausforderer-Rolle, während "Severance" als Favorit in den Abend ging, diesmal sind die Rollen hingegen anders verteilt. Nach dem starken Abschneiden der ersten Staffel konnte "The Pitt" in diesem Jahr die Zahl der Nominierungen von 13 auf 25 fast verdoppeln und gilt nun als schwer zu schlagen. Es ist oberflächlich betrachtet eine klassische Medical-Serie im Emergency-Room-Setting mit dem besonderen Kniff, dass sie in Echtzeit erzählt wird: Eine 15-teilige Staffel erzählt genau eine Tages-Schicht im Pittsburgh Trauma Medical Center.
Die Serie begnügt sich dabei nicht mit dem Fall der Woche bzw. der Stunde, vielmehr zeichnet sie das Bild eines unterfinanzierten und überlasteten Gesundheitssystems, das all diejenigen an den Rand ihrer Belastbarkeit bringt, die tagtäglich in ihm arbeiten müssen - und teils auch darüber hinaus. In der zweiten Staffel wandelt Noah Wyles Dr. Robbie die ganze Schicht über so nah an der Grenze zum Zusammenbruch, dass ihm das auch den zweiten Emmy in Folge als bester Hauptdarsteller einbringen könnte (zusätzlich zu einem weiteren Emmy für die beste Regie, wofür er ebenfalls nominiert ist).
Dabei lebt die Serie längst nicht nur von ihm, sondern von einem großen Ensemble, das sich schon deswegen in die Herzen des Publikums spielen konnte, weil HBO hier eine im Streaming-Zeitalter selten gewordene Verlässlichkeit an den Tag legt: jedes Jahr zur selben Zeit mit einer hohen Folgenzahl zurückzukehren. Die Auszeichnung für "The Pitt" wäre zugleich auch eine Belohnung dieses Versprechens, das früher selbstverständlich war, in den letzten Jahren aber zunehmend in Vergessenheit geriet. Und es würde obendrein eine Produktionsweise belohnen, die beweist, dass es nicht immer 15 oder 20 Millionen Dollar pro Folge braucht, um packendes Fernsehen zu produzieren. "The Pitt" ist keine Low-Cost-Produktion, doch verglichen mit anderen Materialschlachten kommt sie mit erstaunlich wenig aus.
Kann "Pluribus" das Emmy-Trauma von Rhea Seehorn verhindern
Bitter wäre der erneute Gewinn freilich trotzdem für Apple TV, das sich in den letzten Jahren zum vielleicht führenden Anbieter von überraschenden High-Concept-Serien entwickelt hat. Der neueste Streich ist nun also "Pluribus" - und gäbe es nicht "The Pitt", dann wäre der neuen Serie von Vince Gilligan ("Breaking Bad", "Better Call Saul") der Sieg kaum streitig zu machen. Gilligan erklärte, er habe etwas machen wollen, was man so noch nie im Fernsehen zu sehen bekam - also drehte er die klassische Zombie-Apokalypse kurzerhand um. Statt dass eine Seuche die Menschen in willenlose Monster verwandelt, führt sie dazu, dass fast alle Menschen zu einer friedlichen, glücklichen Gemeinschaft mit kollektivem Bewusstsein verschmelzen. Der besondere Kniff ist, dass ausgerechnet die wenigen Immunen diese vermeintliche Utopie als Bedrohung erleben – und sich gegen eine Welt wehren müssen, in der niemand mehr allein oder unglücklich sein will.
"Pluribus" regt sein Publikum dazu an, über den Wert von Individualität und persönlicher Freiheit nachzudenken: Was, wenn eine Welt ohne Einsamkeit, Konflikte und Unglück zwar objektiv glücklicher wäre, dafür aber das individuelle Ich und die Möglichkeit zur freien Entscheidung verschwinden? Und ganz nebenbei ist sie an vielen Stellen auch einfach wahnsinnig absurd und komisch. Und lebt dabei vor allem von ihrer Hauptdarstellerin: Rhea Seehorn. Falls "Pluribus" nicht als beste Drama-Serie gewinnen sollte, dann wäre zumindest ihr ein Emmy zu gönnen - auch um ihr Emmy-Trauma zu heilen. Seehorn war zuvor in der ebenfalls von Vince Gilligan produzierten Serie "Better Call Saul" zu sehen, die den traurigen Rekord hält, aus insgesamt 55 Emmy-Nominierungen genau 0 Preise gemacht zu haben. Seehorn selbst war zwei Mal für ihre Rolle nominiert und ging 2022 und 2023 leer aus.
Durchsetzen müsste sich Rhea Seehorn dabei in diesem Jahr gegen eine, die Emmy-Niederlagen ebenfalls schon bestens gewohnt ist: Keri Russell war drei Mal für ihre Rolle in "The Americans" nominiert und ist nun zum dritten Mal für "Diplomatische Beziehungen" ("The Diplomat") dabei, bislang ist sie aber noch ohne Auszeichnung. Ebenfalls ein erster Emmy wäre es für Carrie Coon, die für ihre Rolle in "The Gilded Age" nominiert wurde, für Chase Infiniti aus "The Testaments" ist es sogar die erste Nominierung. Zendaya hingegen hat schon zwei Emmys für "Euphoria" und könnte nun noch ihren dritten draufsetzen. Bei den Männern sind neben Noah Wyle mit Mark Ruffalo (für "Task") und Sterling K. Brown (für "Paradise") noch zwei schon früher mit einem Emmy bedachten Schauspieler im Rennen. Rufus Sewell aus "Diplomatische Beziehungen" und Gary Oldman in seiner Paraderolle als schmuddelig-ungepflegter, aber genialer Chef einer Truppe von Agenten-Losern in "Slow Horses" komplettieren das Feld.
Die Außenseiter...
"Slow Horses" hat sich nach einem Start unterm Radar inzwischen zu einem Emmy-Dauerbrenner entwickelt und ist nun das dritte Jahr in Folge im Rennen - doch dürfte ebenso wie die anderen fünf Mitnominierten im Zweikampf zwischen "The Pitt" und "Pluribus" allenfalls Außenseiterchancen haben. Apple TV ist neben "Pluribus" und "Slow Horses" übrigens noch mit einer dritten Serie im Rennen: "Your Friends & Neighbors". Dass es ausgerechnet in der Königskategorie reichte, ist dabei schon etwas überraschend, es gab nämlich keine einzige weitere Nominierung. Jon Hamm spielt darin einen wohlhabenden Hedgefonds-Manager, der nach seinem Rauswurf beginnt, bei seinen reichen Nachbarn einzubrechen und Gefallen an dem neuen "Job" findet. Vor allem der Name Jon Hamm dürfte manch Academy-Mitglied wohl auf diese Serie gestoßen haben.
Ebenfalls dreifach im Rennen ist HBO Max. Neben dem eingangs erwähnten Favoriten "The Pitt" gab es auch noch eine Nominierung für das neueste Spin-Off aus dem "Game of Thrones"-Universum mit dem Titel "A Knight of the Seven Kingdoms". Dass dieser Ableger die Erfolge von "GoT" wiederholt, ist allerdings kaum zu erwarten - es dürfte wohl bei dem schon gewonnenen einen Emmy aus dem ersten Wochenende bleiben. In diesem Jahr noch ohne Preis ist bislang das achtfach nominierte "The Gilded Age". Die Serie ist gewissermaßen das amerikanische "Downton Abbey": Julian Fellowes, der Creator des britischen Serienhits, verlegt seinen Blick auf die gesellschaftlichen Machtkämpfe ins New York der 1880er Jahre, wo alteingesessener Geldadel und neureiche Industriellenfamilien um Status, Einfluss und gesellschaftliche Anerkennung ringen.
Vervollständigt wird das Feld von "Diplomatische Beziehungen", der einzigen Netflix-Serie in diesem Rennen. Die im Original "The Diplomat" betitelte Serie erzählt von der US-Diplomatin Kate Wyler, die überraschend zur Botschafterin in Großbritannien ernannt wird und dort zwischen internationalen Krisen, geopolitischen Machtspielen und ihrer komplizierten Ehe mit dem ebenfalls einflussreichen Diplomaten Hal navigieren muss. Die Serie hat bislang noch keinen Emmy gewonnen und es dürfte auch schwer werden, daran dieses Jahr etwas zu ändern. Und schließlich ist noch die Hulu-Serie "Paradise" im Rennen, die in Staffel 2 die Welt außerhalb des unterirdischen Bunkers erkundet. Immerhin einen Emmy für die beste weibliche Gastrolle gab's dieses Jahr, ansonsten hat sie trotz der insgesamt sieben Nominierungen nur Außenseiterchancen.
Am Ende läuft es in der Nacht von Montag auf Dienstag bei der Verleihung auf eine ziemlich grundsätzliche Entscheidung hinaus: Will die Academy erneut das Drama auszeichnen, das mit seinen Figuren möglichst nah an der Realität bleibt – oder dasjenige, das mit einer ungewöhnlichen Idee eine ganz eigene Welt erschafft? Verdient hätten es beide auf ihre Art.
Die Verleihung der Emmys ist aufgrund der Zeitverschiebung hierzulande zu nächtlicher Stunde zu sehen. MagentaTV überträgt in der Nacht vom 14. auf den 15. September auf dem Sender Moments TV, der kostenlos und ohne Login auf magenta.tv sowie in der MagentaTV App empfangen werden kann.

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