Keine einfachen Zeiten - das spiegelte auch der TV-Gipfel der Medientage München.- Und doch konnte die prominente Runde der Situation auch den Reiz des nötigen Neudenkens abgewinnen. Auf dem von DWDL-Chefreporter Torsten Zarges moderierten Panel überwog bei aller Problembeschreibung der Wille, die Veränderungen aktiv zu gestalten. Und ein Begriff fiel dabei - einmal mehr - besonders häufig: Partnerschaften. Wie angespannt die Situation tatsächlich ist, machte gleich zu Beginn Leonine-CEO Fred Kogel deutlich. Er sprach vom bislang herausforderndsten Geschäftsjahr des Unternehmens. Vor allem in der Produktion sei die Lage schwierig. Seit der Corona-Pandemie seien die Kosten um 20 bis 25 Prozent gestiegen, während die Auftragslage im Free-TV unter der Verlagerung von Werbegeldern ins Digitale leide.
Hinzu kämen längere Entscheidungswege, wechselnde Ansprechpartner und die Unsicherheit über regulatorische Rahmenbedingungen. Besonders drastisch sei der Einbruch bei kurzfristigen Beauftragungen: Seit Mai habe es für das laufende Jahr kaum noch neue Produktionsaufträge gegeben, insbesondere im Non-Fiction-Bereich. Stattdessen würden Projekte verschoben oder storniert. Kogel nahm die Auftraggeber dennoch ausdrücklich in Schutz. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten müsse jedes Unternehmen zunächst auf seine eigene Stabilität achten. Partnerschaften seien wichtig, aber manchmal schwierig zu leben.
Netflix: Keine Budgetkürzungen in Deutschland
Eine zumindest für Produzentinnen und Produzenten erfreuliche Nachricht hatte Netflix-Contentchefin Katja Hofem mitgebracht. Trotz personeller Veränderungen und Stellenstreichungen auf internationaler Ebene werde sich für das Deutschlandgeschäft nichts ändern: Entscheidungen über deutsche Stoffe würden weiterhin ausschließlich in Berlin getroffen, betonte Hofem: „Für uns in Deutschland ändert sich gar nichts. Weder werden Budgets gekürzt, ganz im Gegenteil, wir werden nächstes Jahr Minimum genauso viel ausgeben, wenn wir die guten Stoffe bekommen aus dem Markt, weil das ist nämlich die tatsächliche Challenge.“ Die eigentliche Herausforderung liege nicht darin, Geld auszugeben, sondern die richtigen Stoffe und Talente zu finden.
RTL-CCO Inga Leschek wiederum zeigte sich geradezu euphorisch über die Möglichkeiten, die sich durch den vollzogenen Zusammenschluss mit Sky ergeben. „Size matters. Das gilt nicht nur für Godzilla, sondern auch für uns“, sagte sie. Die Kombination aus Free-TV, Pay-TV und Streaming ermögliche es, Inhalte über zahlreiche Plattformen auszuwerten. „Wir haben alleine bei RTL Deutschland jetzt, ob das Streaming Service, lineare Channels, PayTV oder Fast-Channels sind, insgesamt 113 Kanäle, über die wir auswerten können.“Dabei werde intensiv mit unterschiedlichen Auswertungsfenstern experimentiert. Eine Sendung, die zunächst bei Vox gelaufen sei, könne Monate später bei RTL ein noch größeres Publikum erreichen – ohne zusätzliche Produktionskosten. Entscheidend sei, möglichst viel Reichweite aus vorhandenen Inhalten herauszuholen.
Dass nicht jede Programmmarke eine Zukunft hat, zeigt das Beispiel „Unter uns“. Das Aus der Dailysoap begründete sie weniger mit einer grundsätzlichen Verschiebung der Nutzung ins Streaming als mit dem schwierigen linearen Sendeplatz zwischen unterschiedlichen Programmgenres und der Notwendigkeit, Budgets effizienter einzusetzen. Umgekehrt verwies sie auf „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, das längst auch im Streaming zu den erfolgreichsten Angeboten gehöre. Die vierte Staffel von „Die Verräter“ habe durch eine konzentrierte Eventprogrammierung im Staffelverlauf sowohl linear als auch bei RTL+ zugelegt. Entsprechend macht man weiter. News auch aus dem Sportrechteportfolio: Der Deal mit Oktagon MMA wurde bis 2031 verlängert, künftig soll das Angebot auch bei Sky eine Heimat finden.
ProSiebenSat.1 setzt auf Kostendisziplin und starke Marken
Henrik Pabst, Chief Content Officer bei ProSiebenSat.1 betonte ebenfalls die Bedeutung konsequenter Kostendisziplin. Bei jeder Produktion müsse genauer hinterfragt werden, welcher Aufwand für welche Geschichte tatsächlich notwendig sei. Gleichzeitig gehe es darum, Inhalte nicht mehr allein für einzelne Sender zu denken, sondern als Marken, die auf unterschiedlichen Plattformen funktionieren. Jeder Inhalt werde künftig zu einem eigenen kleinen Business Case, bei dem Reichweite, Zielgruppe und Monetarisierung zusammen betrachtet werden müssten.
„Unser Geschäft ist deutlich aufwendiger geworden, aber dadurch ja auch irgendwie wieder total spannend“, so Pabst. Dass ProSiebenSat.1 zugleich wieder stärker auf zusätzliche lineare Angebote wie den Neustart von Sat.2 setzt, sei dabei kein Widerspruch. In bestimmten Altersgruppen gebe es weiterhin Nachfrage, die man bedienen wolle. Auch wenn Pabst die Erwartungen an Sat.2 drosselte: Man werde dafür keine Programme beauftragen, habe einen großen Programmfundus, den man auswerten wolle.
Für ARD-Programmdirektorin Christine Strobl liegt eine der Antworten auf die veränderten Bedingungen in einer engeren Zusammenarbeit mit dem ZDF. Die Neuordnung der Spartenangebote infolge des Reformstaatsvertrags bezeichnete sie ausdrücklich als Chance. Noch nie habe sie mit dem ZDF so intensiv über Inhalte und Programmstrategien gesprochen und könne die jüngeren Zielgruppen künftig von Ki.Ka über Funk bis Neo mit passenden Angeboten erreichen. Die linearen Spartensender, ohnehin zeitlich begrenzt beauftragt, sollen stärker als Anschub für die digitalen Angebote dienen.
YouTube und Netflix entdecken dieselben Talente
Wie stark sich die Grenzen zwischen Medienunternehmen und digitalen Plattformen verschieben, zeigte ein Themenschwenk zur Creator Economy: YouTube-Deutschlandchef Andreas Briese verwies auf 57 Millionen erwachsene Nutzerinnen und Nutzer in Deutschland und die Möglichkeiten, die sich daraus für klassische Medienmarken ergeben. YouTube sei längst nicht mehr nur zusätzliche Distributionsfläche, sondern auch Marketingplattform und Experimentierfeld für neue Formate. Da man keine eigenen Inhalte produziere, sei YouTube auf Partnerschaften angewiesen.
Beim Wettkampf um die Gunst erfolgreicher Creator jedoch sich jedoch YouTube und Netflix inzwischen immer häufiger in die Quere: Ob Netflix nun mehr wie YouTube werden wolle - oder YouTube sich Netflix annähert - das wurde nicht erörtert. Aber Netflix-Managerin Hofem zeigte sich auf Nachfrage offen für die Zusammenarbeit mit Creatorn, wie es die US-Kollegen bereits intensiv forcieren. Sofern diese überzeugende Geschichten und Talente mitbrächten. Für Netflix spiele es letztlich keine Rolle, aus welchem Umfeld gute Ideen stammten.
Leonine wiederum versucht, sich in diesem Markt selbst neue Geschäftsmodelle zu erschließen. Kogel berichtete von Investitionen in KI und einer verstärkten Zusammenarbeit mit Creatorn, die über die reine Vermarktung hinausgehen soll. Von Kinofilmen oder Streaming-Formaten wie „Love Hunter“ für Joyn. Voraussetzung für solche Modelle sei allerdings, dass Produzenten auch über entsprechende Rechte verfügen könnten - ein zaghafter Vorstoß zum Thema des vieldiskutierten Mediendiensteinvestitionsverpflichtungsgesetz, das jedoch angesichts der Vielzahl anderer Themen beim TV-Gipfel nicht weiter besprochen wurde.
„Das ist ein bisschen wie bei Love Island“: Neue Partnerschaften
Zum Ende des Gipfels rückte die Frage in den Mittelpunkt, wie weit die neue Kooperationsbereitschaft tatsächlich reicht. Hofem betonte, Netflix sei ausdrücklich offen für Partnerschaften mit klassischen Fernsehanbietern. Ohnehin sei es in der Branche ja manchmal wie bei „Love Island“: Jeder bandelt mal mit jedem an. Als Vorbild nannte sie die Zusammenarbeit mit TF1 in Frankreich, wo die Integration von Free-TV-Inhalten auf Netflix beiden Seiten zusätzliche Reichweite verschaffe. Ob ein ähnliches Modell auch in Deutschland denkbar sei, ließ sie offen.
Solche Integrationen seien technisch komplex und benötigten Zeit. Es gebe aber spannende Gespräche und unterschiedliche denkbare Modelle. Entscheidend sei, dass die Zusammenarbeit für beide Partner einen Mehrwert biete. Sie spricht von „einer Pionierzeit, weil ich auch auf allen Kanälen eine sehr große Offenheit sehe.“ Auch Leonine-CEO Fred Kogel bekräftigte: „Ich bin der festen Überzeugung, dass künftig einzelne Programme, egal ob bei Katja, bei Henrik, bei Inga oder auch bei Andreas, überhaupt nur möglich sind, wenn wir gemeinsam kooperieren.“
ARD-Programmdirektorin Christine Strobl wiederum machte deutlich, dass sie sich auch zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern deutlich mehr Kooperation vorstellen könne. Besonders konkret wurde sie beim Eurovision Song Contest. Sie träume davon, den deutschen ESC-Vorentscheid künftig auf mehrere Schultern zu verteilen und gemeinsam etwas wirklich Großes daraus zu machen. „Wir arbeiten dran und vielleicht klappt es ja“, so Strobl. Inga Leschek sprang sofort darauf an, auch ProSiebenSat.1-Manager Henrik Pabst signalisierte Gesprächsbereitschaft: „Wir werden uns nicht verschließen.“
Damit endete der TV-Gipfel der Medientage München 2026 mit einer auf dieser Bühne eigentlich alten Weisheit, allerdings neu und umfassender ausgelegt: Partnerschaften werden schon seit Jahren beschworen, sind jedoch inzwischen auch bei Themen und zwischen Marktteilnehmern denkbar, die früher noch lieber im Alleingang agierten. Das gilt für nationale Player wie globale Plattformen.
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