Die deutschen Grundrechte sind das, was man in gottesfürchtigerer Umgebung heilig nennen würde. Sie dürfen zwar ergänzt, aber nicht abgeschwächt, geschweige denn beseitigt werden. Das gilt also auch für Artikel 2 und 5, also Persönlichkeitsrecht und Kunstfreiheit. Zu dumm, dass beide schnell mal kollidieren. Alle paar Wochen zum Beispiel im „ZDF-Magazin Royal“ oder ganz frisch in der ARD-Mediathek. Seit heute nämlich steht dort ein Spielfilm, der beim Bewohner einer kleinen Innsbrucker Wohnung sicher Schnappatmung auslöst: „Benko“.
Der Immobilien-Mogul, Vorname René, sitzt zurzeit 30 Monate Haft im Hausarrest ab, um sich auf eine Unzahl weiterer Strafprozesse vorzubereiten. Die Vorwürfe reichen von Untreue über Geldwäsche und Gläubigerschädigung bis hin zu gewerbsmäßigem Betrug auf dem Niveau der organisierten Kriminalität. Auch für den Namenspatron des neunzigminütigen Biopics gilt zwar die Unschuldsvermutung. Wer „Size Does Matter“ sieht, tendiert allerdings zur Schuldgewissheit. Noch geringere Zweifel bestehen allerdings am Größenwahn eines hochgestiegenen, tiefgefallenen „Finanz-Ikarus“.
So nennt der zuständige Redakteur Marc Basse vom federführenden NDR René Benko kurz vor einer klandestinen Vorführung. Statt den Film wie branchenüblich wochenlang zum barrierefreien Abruf aufs Presseportal zu stellen, durfte DWDL ihn nur drei Tage vorm Start unter Aufsicht im Hamburger Funkhaus sehen. Höchste Geheimhaltungsstufe für ein despektierliches Projekt also. Nach Drehbüchern seiner Frau Hannah porträtiert Raymond Ley seine Titelfigur schließlich als megalomanen Gernegroß, der mithilfe leichtgläubiger Investoren aus dem Nichts zum viertreichsten Österreicher emporsteigt. Auf dem Papier zumindest. Denn in der Praxis beruht sein Vermögen auf Luftbuchungen, die sich in einer Art Schneeballsystem gegenseitig decken.
„Eins und eins ist drei“, zerstreut er 2019 Befürchtungen der Belegschaft eines erworbenen Kaufhofs, die Fusion mit Karstadt würde Jobs kosten. Aber weil eins und eins im Insolvenzfall allerdings eher nullkommanull ergibt, war das Versprechen nur ein weiterer Traumtanz des Tiroler Wunder-Wuzzis, den bis zu seiner Verhaftung sechs Jahre später selbst abgebrühte Wirtschaftsbosse mitgetanzt haben. Der Logistik-Milliardär Klaus-Michael Kühne (Rüdiger Joswig) zum Beispiel oder Fressnapf-Chef Torsten Toeller (Alexander Wipprecht), die wie so viele namentlich genannt werden.
Verführt vom Illusionskünstler, dem der obersteirische Kabarettist Thomas Stipsits ein haifischgrinsendes Riesenego verpasst. Und immer dabei: Heino Ferch. Während René Benkos Signa Holding dank schuldenfinanzierter Kettenkredite auf 1.000 Firmen anschwillt und doch mittellos ist, flüstert er ihm als wandelndes Gewissen ständig Handlungsdirektiven ein. Meistens, um mit Chuzpe, Charme und Schmeicheleien neue Geldgeber zu ködern. „Er liebt das Wort garantiert“, sagt Ferch für alle anderen unsichtbar mal durch die vierte Wand zu uns, also dem Publikum: „Keiner glaubt es, jeder will es hören“.
Wenn dazu immerfort Originalaufnahmen von Benko plus Komplizen im Hintergrund laufen, reißt Ley aber auch die anderen drei Wände gespielter Handlungsräume ein. Sein magischer Realismus vermischt Dichtung und Wahrheit auf dem Weg zum Einsturz von Benkos Kartenhaus so konsequent, dass die Kunstfreiheit über das Persönlichkeitsrecht triumphiert – hierzulande ein relativ seltener Sieg. Im angloamerikanischen Raum ist es völlig normal, lebende Personen der Zeitgeschichte baugleich nachzustellen. Und zwar selbst dann, wenn sie so mies wegkommen wie Mark Zuckerberg 2010 in „The Social Network“, Elton John zwei Jahre drauf als „Rocketman“ oder in sechs Staffeln „The Crown“ sämtliche Windsors.
Auch in Deutschland, betont Redakteur Brasse, setzt die „fiktionale Darstellung realer Personen grundsätzlich keine vorherige Zustimmung voraus“. Dennoch lassen sich hiesige Promis lieber dann fremdverkörpern, wenn sie am kreativen Prozess beteiligt sind. Hape Kerkelings Kindheitsversion „Der Junge muss an die frische Luft“ oder Udo Lindenbergs „Mach dein Ding“ setzen die Originale folglich in sehr warmes Licht. Aus Angst vor Klagen nannte Uwe Janson den gestürzten Karl-Theodor zu Guttenberg in „Der Minister“ aber doch lieber Franz-Ferdinand von und zu Donnersberg.
Das könnte erklären, warum die zwei involvierten Ex-Kanzler Olaf Scholz und Sebastian Kurz bei „Benko“ nur nachrichtlich vorkommen. Das ist womöglich weniger Gegenwind ist zu erwarten, wenn sich Politiker so diskreditiert haben wie FPÖ-Chef Hans-Christian Strache, der im Sky-Vierteiler „Die Ibiza-Affäre“ 2021 auch so heißen durfte. Als Raymond und Hannah Ley parallel dazu ihre „WireCard-Story“ für RTL entwickelt haben, waren hingegen zwei der drei Hauptfiguren auf der Flucht oder im Knast. Gute Voraussetzungen für personalisiertes Historytainment, das Marc Brasse weder als „Dokumentation noch Reenactment, sondern einen Spielfilm“ bezeichnet. Mit all seiner Freiheit zur kreativen Ausgestaltung.
Das Reporterduo Hofer (Harald Schrott) und Bark (Renate Regel) ist daher ebenso wie Lisa Wagners Staatsanwältin oder zwei entlassene Kaufhof-Angestellte als Kronzeuginnen für Benkos skrupellose Eitelkeit reine Fantasie. Ihr dramaturgisches Umfeld jedoch erhebt durchaus Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Selbst viele der freierfundenen Dialoge basieren schließlich auf Martin Noés Skandal-Chronologie „Luftschloss“. Und natürlich habe die UFA im Rahmen ihrer Recherchen Interviews mit allen Abgebildeten inklusive Benko „angefragt und teilweise auch geführt“, betont Brasse.
„Bei Stoffen, die auf wahren Begebenheiten basieren“, fügt Nico Hofmanns Co-Produzent Marc Lepetit hinzu, brauche es schließlich „einen besonders sorgfältigen Umgang mit den tatsächlichen Ereignissen“. Umso interessanter, dass Familie Ley einen besonders originellen Umgang damit gefunden hat. Episches Fernsehtheater zwischen Wirtschaftskrimi, Kapitalismusgroteske und Psychogramm eines überwältigenden Betrügers. Alles in allem perfekter Unterhaltungsstoff.
"Benko - Size Does Matter" läuft am heutigen Montag, 2. November um 20:15 Uhr im Ersten und steht dann auch in der ARD-Mediathek zum Abruf bereit.
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