The Big Bang Theory © Warner Bros. Television
Eigene Kategorie für Multicamera-Sitcoms?

Der vergessene Abschied: Kein Farewell für die Nerds

 

"Game of Thrones" hat schon abgeräumt, "Veep" noch begründete Hoffnung auf mehrere Emmys - "The Big Bang Theory" spielt hingegen auch im Abschiedsjahr keine Rolle, wie andere Multicamera Sitcoms auch. Braucht's eine eigene Kategorie?

von Uwe Mantel
21.09.2019 - 16:00 Uhr

Die diesjährige Emmy-Verleihung ist vor allem auch eine große Farewell-Show. "Game of Thrones" räumte allein bei den Creative Arts Emmys schon zehn Preise ab - ein neuer Rekord - und ist damit auf dem besten Weg dahin, denn Allzeit-Rekord von 13 Emmys in einem Jahr noch zu durchbrechen. "Veep" ging zwar bislang noch leer aus, hat am kommenden Sonntag aber noch Chancen in fünf Kategorien - und es wäre schon eine Überraschung, wenn der jahrelange Emmy-Liebling da nicht das ein oder andere Mal bedacht werden würde.

Gar keine Rolle spielt bei den Emmys hingegen, dass sich im Frühjahr noch eine weitere Serie verabschiedet hat, die zwölf Jahre lang aus Quotensicht das US-Fernsehen im Comedy-Bereich dominierte: "The Big Bang Theory". Nun kann man natürlich einwenden, dass die Sitcom über die Nerds ihren Zenit aus inhaltlicher Sicht nun wirklich schon lange überschritten, die Geschichte der Charaktere lange auserzählt war - allerdings dürften auch bei "Game of Thrones" die Wenigsten die letzte Staffel für die bislang stärkste halten.

Und es is ja auch kein neues Phänomen: In den zwölf Jahren ihres Bestehens bringt es "The Big Bang Theory" auf zusammengenommen nur zehn Emmys, vier davon für Hauptdarsteller Jim Parsons, dessen letzte Auszeichnung aber auch schon fünf Jahre zurückliegt. Die sogenannten Multicamera-Sitcoms, die auf der Bühne vor Publikum gespielt werden und die Urform der Comedy-Serien im US-Fernsehen darstellen, spielen allgemein bei den Emmys schon lange keine Rolle mehr. 2014 war auch das letzte Jahr, als es mit "The Big Bang Theory" eine solche Multicamera-Sitcom überhaupt auf die Nominierungsliste in der Kategorie "Outstanding Comedy Series" schaffte. Die letzte Auszeichnung für einen Vertreter dieses Genres datiert gar aus dem Jahr 2005 und hieß "Everybody Loves Raymond".

In früheren Jahrzehnten war das anders, da spiegelten die Emmys im Comedybereich die damalige Dominanz der klassischen Sitcoms wider. Doch spätestens in den 2000er Jahren hat sich das geändert, das Fernsehen hat sich immer mehr auf Single-Camera-Sitcoms verlagert - die zwar häufiger sogar weniger Zuschauerzuspruch ernteten, aber hochwertigere Optik und ausgefeiltere Storylines ermöglichte und damit auch die Herzen der Academy-Mitglieder eroberte. Seither gibt es allerdings auch die Diskussion, ob hier in der Comedy-Kategorie nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden. Denn ohne Frage gehört auch ein besonderes Können dazu, Geschichten auf der Bühne bei einer Sitcom so zu erzählen, dass sie ein Millionen-Publikum unterhalten und zum Lachen bringen. Ob es gerechtfertigt ist, dass dieser Bereich bei einem Fernsehpreis, der sich immerhin 124 Kategorien leistet, fast komplett hintenüber fällt, ist durchaus eine Diskussion wert.

Allerdings ist es für diese Überlegungen, die im Zuge des "Big-Bang"-Abschieds in diesem Jahr nochmal hochkochten, womöglich auch schon zu spät. Denn in diesem Jahr waren von 108 Serien, die für die Comedykategorie eingereicht wurden, gerade mal noch 13 aus dem Segment der Multicamera-Sitcoms. Das waren neben "The Big Bang Theory" noch "The Conners", "The Cool Kids", "Fam", "Last Man Standing", "Man with a Plan", "Mom", "Murphy Brown", "The Neighborhood", "One Day at a Time", "The Ranch", "Rel" und "Will & Grace". Es gibt bei den Emmys allerdings die "Rule of 14" - es braucht also mindestens 14 Einreichungen, damit überhaupt eine eigene Kategorie geschaffen werden kann.

Das wird nicht leichter, denn fünf der dieses jahr eingereichten Produktionen wird es in der kommenden Saison gar nicht mehr geben. Doch auch wenn selbst Sitcom-Meister Chuck Lorre inzwischen verstärkt im Single-Camera-Bereich mitmitscht und beispielsweise mit "The Kominsky Method" endlich auch Kritikerlob bekommt: Ganz aufgegeben haben die Sender dieses Genre noch nicht. Auch Lorre selbst mischt mit "Bob Hearts Abishola" weiter mit, die Networks haben außerdem unter anderem "United We Fall", "Carol's Second Act", "Outmatched" und "Indebted" angekündigt. Sie müssen den Beweis antreten, dass das Publikum dieses von manchen als aus der Zeit gefallen wahrgenommene Genre doch noch nicht abgeschrieben hat. Auf Ruhm bei den Preisverleihungen sollten sie unter den aktuellen Umständen aber nicht hoffen.

Über den Autor

Uwe Mantel ist stellvertretender Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Schaut seit den 80ern Fernsehen und schreibt seit 2004 auch darüber. Kann sich sowohl in gute Serien als auch trockene Zahlen vertiefen. Und seine fränkische Herkunft nicht verleugnen.

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