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Eine harte Tour / Winterherz / Frau Jordan stellt gleich © WDR/ZDF/Joyn/ProSieben
Nominierte Autoren im Gespräch

"Drehbücher sind wie Virologie: Es geht viel um Vertrauen"

 

Der Deutsche Fernsehpreis und die Drehbuchautoren – das ist eine ganz besondere Beziehung. 2018 kam es zum Knall, seither hat sich manches an der Stellung der Autoren verbessert. Jedenfalls ziehen die diesjährigen Nominierten eine optimistische Zwischenbilanz.

von Torsten Zarges
14.06.2020 - 10:53 Uhr

Der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war für die Zunft der Drehbuchautoren der Deutsche Fernsehpreis 2018. Damals entzündete sich Empörung über die geringe Wertschätzung seitens der Branche an den fehlenden Einladungen für Autorinnen und Autoren der nominierten Produktionen in den fiktionalen Werkkategorien. Letztlich stand Kristin Derfler, die usrprünglich nicht zur Gala eingeladen war, als Siegerin auf der Bühne und wurde fünf Monate später zu einer der Speerspitzen der Autoren-Initiative "Kontrakt 18".

Nach vielen übereinstimmenden Erfahrungen hat sich der Umgang mit den Schöpfern von Stoffen und Büchern über die vergangenen zwei Jahre deutlich verändert. Ganz abgesehen davon, dass der Fernsehpreis inzwischen zahlreiche Einzelleistungen quer durch die Gewerke berücksichtigt, die vorher oft vergessen wurden. Von den drei Nominierten in der Kategorie "Bestes Buch Fiktion" wollte das Medienmagazin DWDL.de daher wissen, wie sie – über die akute Freude hinaus – ihre Situation beurteilen. Die Antworten fallen überwiegend positiv aus.

"Es hat sich dank Kontrakt 18 endlich vieles zum Besseren verändert", sagt Susanne Schneider, die für den ZDF-Film "Winterherz – Tod in einer kalten Nacht" nominiert ist. "Man muss um Selbstverständlichkeiten, zum Beispiel die Mitsprache bei der Regie, die Teilnahme an Leseproben, das Sichten des Rohschnitts, nicht mehr jedes Mal kämpfen. Die Arbeit der Autoren wird als das geschätzt, was sie auch ist: nämlich Ausgangspunkt und Fundament für einen Film." Durch die neuen Player auf dem Markt, insbesondere die Streaming-Plattformen, seien neue Möglichkeiten entstanden, das Arbeitsfeld der Autoren habe sich erweitert. "Aber", fügt Schneider hinzu, "es gibt immer noch viel zu tun, um die Wichtigkeit der Autorenarbeit in der DNA der Branche zu verankern."

Dominique LorenzÄhnlich fallen die Erfahrungen ihrer Kollegin Dominique Lorenz (Foto) aus, die den ARD-Film "Eine harte Tour" geschrieben hat. "Ich hatte das Glück, in den letzten Jahren hauptsächlich mit Produzent/innen, Redakteur/innen und Regisseur/innen zu arbeiten, für die es eine Selbstverständlichkeit ist, Autoren/innen an Entscheidungs- und Produktionsprozessen zu beteiligen", gibt Lorenz zu Protokoll. "Seit 2018 und der Aktivität von Kontrakt 18 ist meiner Meinung nach viel in die richtige Richtung passiert. Ich glaube, dass man das volle kreative Potenzial eines Projekts nur durch die Synergie aller Beteiligten ausschöpfen kann."

Ralf HusmannDritter im Bunde ist Autor und Producer Ralf Husmann (Foto), nominiert für die ProSieben- und Joyn-Serie "Frau Jordan stellt gleich", dessen Konstellation sich von der etlicher Kollegen unterscheidet. "Ich arbeite seit 20 Jahren bei den meisten meiner Projekte auch als Showrunner. Wenn ich mit meiner Wertschätzung nicht zufrieden bin, muss ich mich also zuerst bei mir selbst beschweren", so Husmann. "Und meist höre ich mir dann zu. Selbst bei den Sendern kann ich nicht mehr meckern. Da ist über die Jahre das Vertrauen gewachsen, dass ich an guten Tagen weiß, was ich tue. Es ist bei Drehbüchern wie in der Virologie. Es geht viel um Vertrauen. Und ich würde in beiden Fällen denen vertrauen, die sich am meisten mit dem Thema beschäftigt haben."

Susanne SchneiderEines wiederum haben alle drei Nominierten gemeinsam: Es war ein ganz spezieller Reiz, der sie jeweils auf die Spur ihrer von der Jury belobigten Projekte setzte. Zu seiner "Frau Jordan", die auch als beste Comedy-Serie nominiert ist, merkt Husmann lapidar an: "Ich hab' versucht, aus klassischen Stimmungstötern wie 'Gleichstellung', 'Feminismus' oder 'Genderspielzeug' Comedy zu machen. Hat natürlich hohes Scheiterpotenzial, aber das macht eben den Reiz aus." An der Geschichte von "Winterherz" interessierte Susanne Schneider (Foto) nach eigenen Worten der "Prozess, wie Menschen sich schuldhaft verstricken und aus dieser Verstrickung ab einem bestimmten Punkt nicht mehr herausfinden". Keine ihrer Figuren habe böse Absichten, dennoch führe sie genau der Versuch, Unheil zu vermeiden, ins größtmögliche Unglück.

Bei "Eine harte Tour", auch als bester Fernsehfilm und für die beste Regie nominiert, lag der Reiz für Dominique Lorenz in der Frage, wie "der Tod eines engen Freundes einen eingeschworenen Freundeskreis erschüttert und provoziert". Ihr sei es wichtig gewesen, zu erzählen, dass echte Freundschaft dies aushalten könne, auch wenn Feindseligkeiten, Lebenslügen und peinliche Wahrheiten an die Oberfläche kämen. "Dabei das ganze Figurenensemble gleichwertig im Auge zu behalten, die Sichtweisen, Konflikte und Themen jeder Figur – das hat sich angefühlt wie einen Sack Flöhe hüten und großen Spaß gemacht", so Lorenz.

Dass die Drehbuchautoren auch 2020 keine Einladung zum Fernsehpreis erhalten haben, liegt diesmal bekanntlich daran, dass die Gala coronabedingt ausfallen muss. Nach ihren persönlichen Erfahrungen und Schlüssen aus der Zeit des 'social distancing' befragt, sagt Susanne Schneider, sie habe "diese Zeit, die natürlich für sehr viele Menschen enorm belastend war, sehr entspannt erlebt, habe die Stille, die Verlangsamung  und diesen kollektiven Ausnahmezustand genossen. Die Erkenntnis, was man alles nicht braucht und dennoch zufrieden sein kann, finde ich enorm tröstlich." Dominique Lorenz wiederum hofft, dass die Corona-Krise auch die Chance zu positiven Veränderungen berge: "Ich wünsche mir offene Diskussionen über verantwortungsvollen Fortschritt und die Frage, wie Verantwortung für Gesundheit, Wirtschaft, Grundrechte und Kultur am besten getragen werden kann. Ohne Kunst ist das Leben möglich, aber sinnlos!"

Eine Spur pragmatischer fällt die Antwort von Comedy-Spezialist Husmann aus: "Ich habe gemerkt, dass man aus allem im Kühlschrank im Zweifel Risotto machen kann. Und ich habe gemerkt, ich bin wie alle: Es gab die aktionistische Phase, die lethargische Phase und die Trotzphase. Ich habe auch gemerkt, selbst als sozial per se schon distanzierter Autor ist man gegen die Nebenwirkungen eines menschlichen Shutdowns nicht gefeit."

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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