© ZDF/Matthias Wohlrab
Das Hoff zum Sonntag

"Fernsehgarten" - das Schiff der verlorenen Seelen

 

Es ist Sonntag - und damit wieder "Fernsehgarten"-Tag. Gewiss kein Festtag für Fernsehkritiker Hans Hoff. Er betrachtet die Show als "teuflischen Cocktail", den das ZDF seinen Zuschauern verabreicht. Seine Beobachtungen...

von Hans Hoff
01.09.2013 - 09:46 Uhr

Die Hölle stellt man sich gemeinhin als höchst unwirtlichen Ort vor. Es ist heiß, und die Besatzung erinnert ein bisschen an das Personal, mit dem es Brad Pitt kürzlich in „World War Z“ zu tun hatte. Betreut wird es von einer Wuchtbrumme, der bei ihrer Herstellung in einem volkseigenen Betrieb sehr offensichtlich zwei Motoren statt einem eingesetzt wurden. Wer sich je fragte, für wen die Stones ihre Songzeile „If you start me up I’ll never stop“ verfasst haben, der schaue sich nur einmal diese „Super Illu“-Version eines Perpetuum Mobile an. Es heißt Andrea Kiewel. Freunde nennen es kurz Kiwi, und da es praktisch nur Freunde hat, fällt der richtige Name kurzerhand unter den Tisch.

Kluge Leser haben die eingangs angeführte Situation natürlich längst dechiffriert. Es handelt sich nicht um die Hölle. Es ist schlimmer. Es ist der ZDF-Fernsehgarten. Sonntag für Sonntag öffnet er seine Tore auf dem Mainzer Lerchenberg, und Sonntag für Sonntag geschehen unfassbare Dinge. Man bekommt das als durchschnittlich alter Mensch nicht oft mit, weil im Sommer halt die Chancen, mit einer Grippe ans Krankenbett gefesselt zu werden und vor lauter Schwäche nicht mehr den Druck auf die Fernbedienung zu schaffen, extrem gering sind. Aber wer wären wir, würden wir nicht auch an unsere betagten Mitmenschen denken.

Wie oft ist die Rede vom Pflegenotstand in deutschen Heimen, aber niemand redet davon, was wehrlosen Insassen sonntagsmittags angetan wird. Da schneit der Pfleger herein, drückt aufs ZDF, und dann geht er wieder. Zurück bleiben Wehrlose, die über zwei Stunden einem Geschehen ausgesetzt werden, das grausam zu nennen einem Euphemismus gleichkäme.

Wenn Fassungslosigkeit einen Namen suchte, dann fände sie einen bei Menschen, die zufällig in diese Ansammlung von amtlich anerkannten Ekelerregern hineingeraten. Schließlich moderiert dort nicht nur das Kiwi, es köchelt immer wieder mal der mit lüsternem Sabber angereicherte Schnurrbart von Johann Lafer, und ab und an wird nicht nur Jürgen Drews aufgetaut, sondern oft auch das gesamte deutsche Schlagerpersonal, das man leichtsinnig in der Mottenkiste gelagert wähnte.

Dazu spricht zwischendrin auch einer wie Matze Knop. Matze Knop ist jene Witzfigur, die Mario Barth in ein nachgerade intellektuelles Umfeld katapultiert. Nicht so schlecht, was der Mario da auf der Bühne abzieht. Man muss halt nur erst mal länger als zehn Minuten diesen Ballermannkomiker Knop ertragen haben, dann weiß man, was man am offiziellen deutschen Stadionbefüller Barth hat.

Wie so oft in der Körperchemie sind es nicht einzelne Stoffe, die eine toxische Wirkung entfalten, es kommt auf die Mischung an. Da kommt das eine zum anderen, und am Ende steht ein hochexplosiver Cocktail auf dem Tresen, nach dessen Einnahme das Leben nie wieder das sein wird, was es einmal war.

Der Fernsehgarten ist genau dieser teuflische Cocktail, und genau diesen teuflischen Cocktail verabreicht das ZDF Millionen von Menschen, die man bislang nicht kannte, von denen man sich aber prima ein Bild machen kann, wenn man schaut, wer sich da als Publikum so in die Phantasialand-ähnliche Kulisse auf dem Lerchenberg verirrt hat. Es wirkt ein bisschen, als habe die Werkstatt für betreutes Denken einen Ausflug ausgelobt. Man schalte als Zuschauer daheim nur ab und zu mal während der Fernsehgarten-Übertragung auf Standbild und betrachte dann ganz in Ruhe, wer da so sitzt und seine Extremitäten im Takt oder auch daneben gegeneinander schlägt. Mit solchen Bildern bekommt man jeden Härtefallantrag auf geistiges Hartz IV durch.

Ja, ich weiß, den Fernsehgarten nimmt niemand ernst, der ist abgestempelt als amtlich beglaubigtes Narrenschiff, das immer wieder sonntags von der Leine gelassen wird in der stillen Hoffnung, es möge in der Weite des Ozeans verloren gehen. Doch das Schiff der verlorenen Seelen kehrt immer wieder.

Das wäre nicht weiter dramatisch, flößen nicht erkleckliche Anteile des jedem Zuschauer abgeknöpften Gebührengeldes in dieses Szenario. Insofern gehört natürlich auch der Fernsehgarten beaufsichtigt. Fürsorgepflicht nennt man so etwas.

Die gilt auch für das Kiwi, dieses unbarmherzige Naturwunder der televisionären Brabbelkultur. Das Kiwi sagt zwischendrin, dass es ja auch ein bisschen eine Frau ist. Doch. Das sagt es allen Ernstes. Und niemand hilft. Brad Pitt hat noch viel zu tun.

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