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Das Hoff zum Sonntag

Beipackzettel: Was "House of Cards" anrichten kann

 

Hans Hoff ist über den Sommer süchtig geworden - süchtig nach "House of Cards". Und er hat entsetzt festgestellt, welche Seiten das an ihm zum Vorschein brachte. Zum Glück gibt es ein Gegenmittel. Seine Erlebnisse verarbeitet er im "Hoff zum Sonntag"

von Hans Hoff
31.08.2014 - 10:12 Uhr

Ich war eine Weile verschwunden, weg vom Fenster. Also zumindest hier nicht aktiv. Niemand wird mich vermisst haben. Da gebe ich mich keinen Illusionen hin. Erstens gibt es über den Sommer genügend andere Sachen zu tun an einem Sonntag, und zweitens ist das Internet ein bisschen wie Kochkäse. Aus dem hebt man an einem Tag eine gehörige Portion heraus, gräbt also ein sehr tiefes Loch, aber am nächsten Morgen ist davon nichts mehr zu sehen ist. Der Streichkäse glänzt wieder mit makelloser Oberfläche, so als sei nichts gewesen. Er hat sich einfach zusammengezogen und die tiefe Verletzung ausgeglichen. Genau so funktioniert das Internet. Was gestern noch für tiefe Einschläge sorgte, ist morgen schon vergessen, und still ruht der See. Ach, könnten wir Menschen doch genau so schnell verzeihen.

Aber ich schweife ab. Ich will natürlich erzählen, wo ich drei Monate war. Selbst auf die Gefahr hin, dass es niemanden interessiert. Nun ja, hier kommt ein Geständnis, für das ich eigentlich zu Markus Lanz müsste. Dort würde mich ein alerter Redakteur vorab ausquetschen wie eine Zitrone, damit der Chef hinterher in der Sendung naseweis den Finger heben und abfragen kann, was er längst weiß. „Sie waren die drei Monate doch nicht nur im Urlaub“, würde er heucheln und damit bewusst harmlos tun. Man kennt das von Hyänen. Die beißen aus ihren wehrlosen Opfern auch immer erst ein kleines Stück heraus, um später zum Todesstoß anzusetzen. Tun Hyänen das wirklich? Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung und entschuldige mich vorsorglich bei allen Hyänen. Aber das Beispiel klingt einfach so gut, dass ich es hier mal gebrauchen musste.

Nachdem Lanz also ein Bröckchen aus meiner Haut gerissen hat, kommt er von einer anderen Seite. „Man erzählt sich da so einiges“, würde er sagen, und wieder würde ich ausweichend antworten. „Ach, Herr Lanz“, würde ich sagen, aber das wäre für ihn das Signal, zum finalen Angriff anzusetzen. „Sie waren nicht ganz bei sich, sagt man.“ Es klänge genauso so, wie es sich liest. Ich würde mich noch ein wenig zieren, dann aber mit der Wahrheit herausrücken.

„Ja, ich war drei Monate in der Betty-Ford-Klinik, Suchtproblematik, sie verstehen.“ So würde ich ansetzen, und dann käme alles aus mir heraus. Dass meine Frau mich bei strahlendem Sommerwetter in meinem abgedunkelten Büro aufgefunden und sich ernste Sorgen gemacht habe, dass sie mit Robbie Williams in Kontakt getreten sei und der gesagt habe, dass in solch einem Fall die Betty-Ford-Klinik das Beste wäre. „Bei so einer Sucht muss er zu Betty“, hat Robbie gesagt. Hat er das wirklich gesagt, oder habe ich mir das nur eingebildet? Keine Ahnung.

Auf jeden Fall stimmt es, dass meine Frau mich aufgefunden hat in einem abgedunkelten Raum, bibbernd, fröstelnd und verzweifelt. Um es gleich mal vorwegzunehmen. Es lag keine leer gepumpte Spritze neben mir. Es wurden auch keine Pillendöschen um mich herum gefunden. Nur auf dem Bildschirm flimmerte noch der Auslöser meiner Sucht, das Standbild der letzten Szene von „House Of Cards“.

Die zweite Staffel anzuschauen war für mich eher eine Pflichtübung. Sie läuft am 5. und 6. September für Binge-Watcher bei ProSieben Maxx, und da will man ja vorher wissen, wie die so ist. Ich hatte die erste Staffel gesehen, hatte mitbekommen, wie Kevin Spacey sich als Frank Underwood zum Vizepräsidenten der USA intrigiert hatte. Das war großes Theater gewesen. Netflix hat da zweifelsohne einen prima Job erledigt. Ich erwartete also von der zweiten Staffel wieder ordentliche Unterhaltung, aber auch nicht viel mehr.

Es kam alles anders. Diese Serie hat mich verändert. Wenn sie mich nicht verändert hat, dann hat sie zumindest sehr düstere Seiten meiner Seele aufgeblättert. Seiten, von denen ich lieber nichts gewusst hätte. Ich habe mich tatsächlich auf die Seite dieses Frank Underwood geschlagen, dieses Machtpolitikers, der Menschen nur als Stufen auf einer Trittleiter sieht, die ihn zum Erfolg führt. Ich habe mit einem Mann gefühlt, der im wahrsten Wortsinne über Leichen geht.

Das erfährt schon gleich zu Beginn der Staffel eine weitere Person, die ihr Leben lassen muss. Ich war entsetzt. Das viel größere Entsetzen setzte aber ein, als ich feststellte, dass ich nicht entsetzt war über die Untat, sondern über die Möglichkeit, dass man einen wie Underwood nun für dieses Verbrechen zur Rechenschaft ziehen und damit die Serie beenden würde. Ich wollte, dass er damit durchkommt, dass er nicht auffliegt. Ich wollte, dass er immer weitermacht. Ich war bereit über Leichen zu gehen, wenn nur diese Serie weitergeht, wenn ich nur immer wieder diesen endlos wirkenden 90-sekündigen Vorspann sehen darf, in dem die Wolken über Washington rasen, in dem bedrohliche Schatten das Bild verdunkeln, in dem alles schneller geht als ich schauen kann. Und im Gegensatz zu der ganzen Zeitrafferei dann der Luxus ausgedehnter Szenen, gefeilter Dialoge, großartiger Lichtsetzung, perfekter Schnitte und außerordentlicher Leistung der Schauspieler.

Man hat mir in der Betty-Ford-Klinik dann sehr schnell deutlich gemacht, dass es wohl kaum deutlichere Zeichen für eine Sucht gebe als solch eine asoziale Einstellung. Ich konnte es nicht fassen. So etwas macht Fernsehen mit Menschen, wenn es richtig gut ist. Es erzeugt durch geschickte Inszenierung Emotionen, und diese Emotionen können größer werden als es der Mensch, der zuschaut, erwartet. Insofern plädiere ich für einen Beipackzettel bei „House Of Cards“. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen sie bitte ihr zuständiges Medienmagazin oder ihren Fernsehkritiker. So sollte es dort stehen. Damit nicht noch mehr Menschen in die Klinik müssen, nur weil sie mal wirklich gutes Fernsehen geschaut haben.

Man hat mich in der Klinik dann wieder zurückgeholt in die wahre Fernsehwelt. Man hat mir drei Tage lang Markus-Lanz-Shows und deutsche Serien vorgeführt, von „Lindenstraße“ bis „Soko Kleinkleckersdorf“. Ich bin dann ziemlich schnell wieder runter gekommen. Anfangs hatte ich noch die typischen Symptome eines Turkeys. Ich schwitzte grundlos, meine Glieder knirschten, und meine Qualitätssensoren schmerzten bei der Rückbildung auf bundesrepublikanisches Normalniveau. Puh, geschafft. Ich bin wieder offen für deutsches Fernsehen. „Wetten, dass...?“ kann kommen.

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