Brasilien Olympia © ZDF/Philippe Guinet
Das Hoff zum Sonntag

Egal ist egal: Ohne Olympia durch den Sommer

 

Die Olympischen Spiele neigen sich dem Ende entgegen und Hans Hoff ist es tatsächlich gelungen, nichts davon zu sehen. Das war gar nicht so schwer wie erwartet, schreibt er in seiner ersten Kolumne nach der Sommerpause.

von Hans Hoff
21.08.2016 - 09:30 Uhr

Ich habe es geschafft. Ich habe nichts von Olympia gesehen. Gar nichts. Null. Niente. Ich habe mich komplett verweigert, und es war gar nicht einmal so schwer wie ich vorher dachte. Immer wenn das Wörtchen Rio fiel, habe ich blitzschnell umgeschaltet. Ich wollte einfach mal ausprobieren, ob das geht, so eine televisionäre Totalverweigerung.

Ich verfolge keinerlei politische Absicht mit solchem Tun. Ich bilde mir nicht ein, dass ich damit die an innerer Korruption leidenden Funktionäre der Marke Thomas Bach oder Michael Vesper irgendwie beeindruckt habe. Nein, die werden ihr mieses Geschäft fein weiter betreiben, ungeachtet der aufgedeckten Doping-Skandale, ungeachtet der Verhältnisse in den die Athleten entsendenden Staaten. Alles Einzelfälle. Das werden sie sagen, wenn doch noch im Nachhinein irgendetwas unangenehm aufstößt. Das sagen sie immer. Alles Einzelfälle.

Alles so absehbar. Auch die Bilanz der ausstrahlenden Sender. Die kann ich vorbeten, ohne irgendetwas gesehen zu haben. Olympia 2016 war ein Erfolg für ARD und ZDF. Ganz sicher. Der Erfolg wohnt schließlich dem System inne, muss dem System innewohnen, denn wenn Rio 2016 kein Erfolg geworden wäre, hätte es ja wenig Sinn gemacht, Hundertschaften an Reportern und Technikern nach Rio zu schicken. Ich sende, also ist es ein Erfolg, lautet das Credo des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Würde ich nicht senden, wäre es auch kein Erfolg.

Insofern darf man es im System als finstere Schmach empfind, wenn ein Olympiasieger die Aussage verweigert und einfach am fragenden Reporter vorbeirauscht. Ja, das habe ich über andere Medien mitbekommen, obwohl ich auch dort sämtliche Sportseiten konsequent gemieden habe. Ich nehme mal an, dass dort extensiv das weitergetrieben wird, was ARD und ZDF vorlegen. Es wird für wichtig erklärt, worüber man berichtet. Oder ist es wichtig, weil man darüber berichtet?

Kann es sein, dass der olympische Sport nur eine solche Dimension angenommen hat, weil es mittlerweile so viele Berichterstatter gibt, die über den Sommer ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, den Sport für wichtig zu erklären? Ich habe dahingehend keine wirkliche Meinung, nur das Gefühl, dass da irgendetwas aus dem Ruder gelaufen ist. Man kommt auf solche Gedanken, wenn man sich eine Weile den Ritualen verweigert.

Möglicherweise kann man ja demnächst sehen, wie wichtig dies, was sie bei Olympia Sport nennen, wirklich ist, wenn ARD und ZDF ausnahmsweise mal auf die Übertragungsrechte verzichten. Verzichten müssen? Weil sie zu teuer kämen? Und wenn sie zu teuer wären, dann schätzt man sie möglicherweise gar nicht mehr so wichtig ein wie sie gerade erklärt werden?

Katrin Müller-Hohenstein und Rudi Cerne© ZDF/Jan Haeselich

Mich würde interessieren, wie ARD und ZDF über Olympia berichten würden, wenn sie außen vor blieben und möglicherweise ein Konkurrenzprogramm zu den Olympiaübertragungen auf irgendeinem Spartensender auf die Beine stellen müssten. Was dann wohl in ihren Fokus geriete? Wie dann wohl Olympia betrachtet würde?

Ich unterstelle niemandem eine bewusst falsche Einschätzung der Lage, nur weil er für ein System arbeitet. Ich glaube aber, dass die Verhältnisse immer ihre eigenen, ihre ganz speziellen Kinder gebären.

Die Wichtigkeit von Sportübertragungen, auch wenn sie formidable Quoten bringen, relativiert sich rasch, wenn man das sonstige Weltgeschehen in den Blick nimmt. Es passieren halt auch andere wichtige Sachen, die medial aufbereitet werden wollen. Manche kriegt man sogar mit, ohne Übertragungsrechte einzukaufen. Marco Reus hat seinen Führerschein gemacht, ein Flixbus hat sich verfahren und Sigmar Gabriel irgendwelchen Dumpfbacken den Stinkefinger gezeigt. Wer will da noch Usain Bolt sehen?

Natürlich hat er bei Olympia gewonnen. Wusste ich aber schon vorher. Wozu hätte ich also gucken sollen? Zum reinen Zeitvertreib? Um einen öden Sommer erträglich zu machen? Mmmh, ja, vielleicht.

Dabei bin ich normalerweise ein leichtes Opfer für Sportübertragungen, vor allem für solche mit einem gewissen Fluss, die so wirken, als würden sie nie enden. Für mein Leben gerne schaue ich Formel 1. Das ist so schön dumm, dass ich nie überfordert werde. Niemals. Ich muss dabei nicht denken, ich kann das Geschehen vorbeirauschen lassen, kann dem Fluss beim Fließen zuschauen. Sehr beruhigend. Und wenn es ausnahmsweise mal spannend wird, sagen mir das die Moderatoren. Das tun sie zwar alle 30 Sekunden, aber ich kenne inzwischen ihren Tonfall und weiß, wann sie selbst es wirklich spannend finden.

Auch die Tour de France mag ich. Wegen der Gleichförmigkeit der Bilder. Ein Land fließt an meinem Auge vorbei, ich kann Urlaub machen, ohne wegzufahren. Dass da mittendrin ein paar Männer herumradeln, ist mir doch wurscht. Doping? Ach, geh weg! Natürlich wird da gedopt. Das ist die Tour de France. Das ist Sportindustrie par excellence. Wenn da keiner beim Doping erwischt wird, dann nur deshalb, weil sich keiner hat erwischen lassen.

Egal ist aber auch dieser Sport. Man muss nur mal eine Tour auslassen und hinterher fragen, was man verpasst hat. Die Antwort wird in 99 Prozent der Fälle „nichts“ lauten.

Genauso funktioniert es mit Olympia. Ich habe durchaus intelligente Kumpels, die sich die Nächte um die Ohren geschlagen haben, gefragt, was ich verpasst habe. Sie haben lange nachgedacht und natürlich „Usain Bolt“ gesagt. Dann haben sie noch von zu wenig Gold und vom Skandal erzählt, dass ein Olympiasieger einem ZDF-Reporter nicht Rede und Antwort stehen wollte. Dann hatte eine Reiterin angeblich braune Streifen in der Hose, und ein Turner bekommt nun sein Reck geschenkt.

Ich habe dann ganz lässig „come on“ gesagt und noch einmal gefragt, was wirklich wichtig war. Die Antwort blieb aus. Stattdessen kam ein Schulterzucken. Es war halt was. Irgendwas.

Ich habe also nichts verpasst bei den Olympischen Spielen, deren Bedeutung mir aus der externen Perspektive ein wenig vorkam wie ein auf Wochenlänge gestreckter ZDF-Fernsehgarten. Nur dass man versehentlich statt Andrea Kiewel Katrin Müller-Hohenstein aufgezogen hatte. Letztlich ist alles geblieben wie es vorher war. Nach den Spielen ist vor den Spielen. Egal ist egal.

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Sie haben einen Text aus dem Archiv des Medienmagazins DWDL.de aufgerufen, das bis ins Jahr 2001 zurückreicht und mehrere Zehntausend Artikel umfasst.



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