Etwas ist anders in diesem Jahr. Anders als in den zehn Jahren zuvor. Da war der Januar immer der Monat, in dem die Gemeinde der Fernsehsüchtigen nach der aktuellen Besetzungsliste des Dschungelcamps lechzte und sich verzehrte beim Abzählen der Tage bis zum Start der Show. Erhöhte Temperatur war vielfach zu konstatieren, weil man darauf hoffte, dass RTL aus der Konstellation von zwölf Verhaltensauffälligen schon einen feinen Konflikt- und Komödienstadl zimmern würde.

In diesem Jahr macht es hingegen den Eindruck, als werde das Norovirus in den nächsten Wochen wesentlich mehr Menschen befallen als das Dschungelfieber. Es will sich einfach keine rechte Vorfreude einstellen auf das Down-Under-Spektakel. Vielmehr keimt der Verdacht, dass etlichen Menschen der Ruf „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ an rückwärtigen Körperteilen vorbeigehen könnte, dass die wirklich wichtigen Ausscheidungsverfahren nicht unbedingt vor dem Flatscreen von statten gehen.

Das liegt nicht unbedingt nur am Ausrichter. Natürlich weiß man, dass RTL ein guter Verwalter des ewig Gleichen ist. Man variiert dort sehr clever bekannte Strukturen und wartet mit kleinen Überraschungen im Rahmen des Vertrauten auf. Beim Durchschnittszuschauer, der ja bekanntlich ein Gewohnheitstier ist, mag solch eine Strategie verfangen. Er schaltet ein, was er kennt und freut sich, wenn es der Sender schafft, ihn zu einem kleinen bisschen Neuem zu verführen.

Im Kern könnte das funktionieren. Es wird noch genügend Masse da sein, die für eine auskömmliche Quote reicht. Das Problem dürfte sich eher in den Randbereichen zeigen, wo die Trendsetter, Meinungsführer und Verhaltensvorbilder angesiedelt sind und als Seismographen wirken. Dort könnte es arg bröckeln, denn dort machen sich Veränderungen zu allererst bemerkbar.

Das liegt vor allem daran, dass sich die Fernsehlandschaft 2016 arg verändert hat. Nicht in ihrem Wesen, sondern durch das Drumherum. 2016 war ein Jahr, das global geprägt war von Brüchen, von massenhaften Todesmeldungen, vom Erstarken der Rechten, vom Brexit, von Trump. Dazu kamen verstärkt die vielfältigen und bezahlbaren Möglichkeiten der digitalen Verführungen, die nicht nur von Netflix bis Amazon reichen, die auch das Tun in sozialen Netzwerken umfassen. Kurzum: Man konnte noch nie so gut beschäftigt sein mit audiovisuellem Tun und zugehörigem Meinungsaustausch außerhalb des klassischen Fernsehens.

Der Dschungel ist aber nun mal klassisches Fernsehen und muss sich als solches der Konkurrenz stellen. Er muss die Fähigkeit beweisen, für zwei Wochen gut geübte Zeitverteilungen aufzubrechen und Menschen zurückzuholen in ein Medium, das auf immer mehr Menschen den Eindruck macht, als beherberge es just jene Dinosaurier, die von der Nachricht des Kometeneinschlags noch nicht erreicht wurden.

Noch bewegen sich die Zuschauerzahlen des linearen Fernsehens im gewohnten Rahmen. Sie bleiben stabil, weil die Republik überaltert, weil in der Durchschnittsrechnung die vielen Senioren für die wenigen jungen Menschen mitgucken. Dass das auf Dauer nicht so bleiben wird, müsste auch dem letzten bald einleuchten. Alte Menschen sterben, und vom Sarg aus kommt man nun mal sehr schlecht an die Fernbedienung. Wenn dann die jungen Zuschauer fehlen, wird es heikel.

Vielleicht geht aber in diesem Jahr noch einmal alles gut, vielleicht setzen sich bei RTL noch einmal jene Künstler durch, die das Dschungelcamp einst zur großen Fernsehkunst veredelten. Vielleicht birgt der aktuelle Cast ja auch feinere Konfliktkonstellationen als der vom Vorjahr, also der mit… Ähhhh? Verdammt, wer war da nochmal im Camp 2016? Schon vergessen.

Ein schlechtes Zeichen für das Dschungelcamp, wenn es schwerfällt, sich an die Besetzung von vor einem Jahr zu erinnern. Daran muss gearbeitet werden, schließlich handelt es sich bei dem Lagerfeuer, das nun im australischen Busch angezündet wird, um eines der letzten auf dem deutschen Fernsehschirm neben „Tatort“ und Fußball. Mehr vereinendes Programm ist da nicht mehr.

Genau deshalb werden Verlauf und Ausgang des aktuellen Camps ein schöner Gradmesser sein für die Revolution im Fernsehmarkt. Man wird sehen, ob es sich bei den Umwälzungen noch um Stürme im Wasserglas handelt oder ob die Deiche derart gefährdet sind, dass es immer schwerer wird, sie zu halten. Fest steht dagegen auf jeden Fall, dass der digitale Klimawandel Bestehendes bedroht. Wie weit er schon fortgeschritten ist, werden die nächsten Wochen zeigen.