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Das Hoff zum Sonntag

"Call the Midwife"! Hans Hoff hat Wehen

 

Hans Hoff hat sich immer für einen harten Kerl gehalten - bis er die britische Serie "Call the Midwife" für sich entdeckt hat. Seitdem fließen die Tränen regelmäßig. Über die Faszination des Wohlfühlfernsehens, bei dem man noch etwas fürs Leben lernen kann

von Hans Hoff
07.05.2017 - 10:25 Uhr

Ich bin schwanger. Ganz sicher. Mein geschwollener Bauch lässt keinen Zweifel. Und jetzt ist da noch solch ein Schmerz, der nach Linderung schreit. Da will was raus. Ich hab Wehen. Ruft die Hebamme!

Leider blöd, dass ich ein Mann bin und deshalb das Gerede von der Schwangerschaft nicht wirklich als Ausrede für meinen Bauch durchgeht, aber eine Hebamme hätte ich bei den Presswehen zu diesem Text trotzdem gerne an meiner Seite. Eine von denen, die in der britischen Serie „Call The Midwife“ ihren täglichen Dienst im London von 1962 tun und mich immer wieder mit der intelligent verpackten Weisheit versorgen, dass Güte eine wunderbare Tugend ist, eine Qualität von Menschen, die ein Herz haben für ihre Nächsten, für sehr arme Menschen, die ansonsten nicht viel mehr haben mögen als die Gewissheit einander zu haben.

Normalerweise ist auf diesen Seiten ja die Kollegin Ulrike Klode mit ihrer zauberhaften Kolumne für Serien zuständig. Ich halte mich da raus und befasse mich vorwiegend mit Old-School-TV. Aber bei „Call The Midwife“ ist alles anders. Ich bin da irgendwie reingeraten und habe Ulrike gefragt, ob ich ausnahmsweise mal in ihrem Revier wildern darf. Ich glaube, die Geschichte, die ich ihr dazu erzählt habe, hat sie überzeugt.

Ich habe nämlich berichtet, dass ich bei fast jeder „Call The Midwife“-Folge weinen muss. Im Verlauf der sechsten Staffel ist das beinahe schon zum Automatismus geworden. Meine Frau schließt schon kleine Wetten ab, wie lange es wohl dauern wird. Wenn ich dann beginne, ganz tief zu atmen, spüre ich, wie sie neben mir triumphiert, weil mal wieder eine ihrer Voraussagen eingetroffen ist. Neulich habe ich aber mal triumphiert, als es mir gelang, meine Tränen, drei Minuten festzuhalten und den obligaten Feuchtigkeitsausstoß heraus zu zögern.

Man muss dazu sagen, dass ich ein Rührungsheuler bin. Der Rührungsheuler ist streng zu trennen vom Trauerheuler. Trauerheuler heulen, wenn auf dem Bildschirm die Menschen reihenweise dahin gemeuchelt werden. Da bleibe ich cool. Aber wenn sich Menschen versöhnen oder nach unendlich wirkenden Strapazen endlich zueinander finden, wenn mal wieder ein Kind geboren wird und ich dabei sein darf, wie die Mutter ihr Baby auf den Bauch gelegt bekommt, dann bin ich ein williges Opfer. Her mit den Tränen dieser Welt, ich weine sie alle, und ich weine sie gerne.

Ich lasse mich halt gerne verführen von tollem Fernsehen, von Fernsehen, das meinen kritischen Geist auf so kuschelige Weise betäubt und mich wehrlos macht. Selbst wenn ich sehe, mit welchen technischen Mitteln sie mich rumkriegen, komme ich nicht umhin, nachzugeben. Es muss nur wirklich clever angestellt werden und mich nicht für blöd verkaufen. So wie bei „Call The Midwife“. Da bin ich ein williges Opfer.

Nun gibt es Menschen, die „Call The Midwife“ für pilcheresken Quark halten, die den hemmungslosen Einsatz von grundguten Menschen auf lauwarm temperierten, mit kuschelweicher Soundsoße übergossenen Bildabfolgen verabscheuen und dann noch auf die miserablen Quoten verweisen, die der Serie beim kurzzeitigen Einsatz auf ZDFneo beschieden waren.

Denen halte ich entgegen, dass das ZDF den Umgang mit Nichtkrimiserien nun mal nicht beherrscht. Sie können das einfach nicht in Mainz. Oder sie geben sich einfach keine Mühe, so etwas angemessen einzubetten. Ich sage nur: Sie haben es dort doch tatsächlich geschafft, auch „Downton Abbey“ zu versenken.

Ist mir eh wurscht, ist ja vom Denken her altes Fernsehen. Ich schaue ja nur noch englische und amerikanische Serien auf DVD oder im Stream. Stimmt zwar nicht, aber ich wollte diesen Satz, den so viele so gerne vor sich her blubbern, einfach auch mal aufschreiben.

Zurück zu „Call The Midwife“. Wenn mich da nun jemand fragt, warum er es sich antun sollte, Nonnen, Krankenschwestern und Hebammen im London der frühen Sechziger Jahre sechs Staffeln lang bei der Geburtshilfe zuzuschauen, dem komme ich mit grundlegenden Tugenden wie Empathie, Verantwortungsgefühl und Güte. Man lernt da was fürs Leben.

Das beste Beispiel ist für mich Schwester Julienne, die Obernonne. Die kontert jeden Schlag ins Gesicht mit einem Lächeln und wünscht auch ihren Feinden immer nur das Allerbeste. Sie ist so untadelig, dass einem schwindelig werden möchte. Nach drei Staffeln wollte ich auch sein wie Schwester Julienne. Ich habe dann vor vielen meiner sonst gerne mal eruptiven Reaktionen im Alltag (brüll brüll) einen Moment innegehalten und überlegt, wie Schwester Julienne wohl reagiert hätte. Ich wurde tatsächlich ein besserer Mensch durch dieses Fernsehen.

Nun hat das nicht immer geklappt, wie man sehen kann an meinem untauglichen Kurzzeit-Versuch, meine Frau mit der kratzbürstigen Schwester Evangelina zu vergleichen. Es muss ja nicht immer alles klappen, aber es hat zumindest in meinem kleinen Leben mehrfach funktioniert. Was kann Fernsehen mehr erreichen?

Ja, ich weiß, „Call The Midwife“ ist sehr voraussehbares Fernsehen. Es folgt klaren Strukturen, die man mit ein bisschen bösem Willen einfältig nennen könnte. Immer gibt es da den Alltag bei den Nonnen, und immer gibt es mindestens eine Problem-Schwangerschaft. Das Ganze wird zu Beginn und am Ende stets eingebunden durch die wunderbar beruhigende Off-Stimme von Vanessa Redgrave, deren deutsches Synchronisationspendant Judy Winter dem Original in nichts nachsteht.

Zur Verteidigung muss ich aber anführen, dass die Serie es schafft, fast alle ihre Figuren zu brechen, ihnen Tiefe zu verleihen. Nichts geschieht, wie bei deutschen Produktionen so oft zu bedauern, einfach so, weil es der Drehbuchschreiber will. Alles fügt sich in ein großes Ganzes, kleine Geschichtsstunden (von Contergan bis zur Kuba-Krise) inklusive. Auch das kleinste Teilchen wirkt mit bei der Magie des fertigen Mosaiks. Diese Sorgfalt ist es, die „Call The Midwife“ über so viele andere Produktionen erhebt.

Ja, ja: Es ist halt Wohlfühlfernsehen. Aber wenn Wohlfühlfernsehen so ausfällt wie diese wunderbare Serie, dann liebe ich Wohlfühlfernsehen sehr.

Das einzig Schlimme, bei dem mir ganz übel wird: Ich habe jetzt die sechste Staffel durch, also jene, die gerade erst in England gelaufen ist. Wann die nächste kommt, ist noch nicht ganz klar. Sicher ist nur, dass es weitergeht. Ich weiß, dass mir für den Rest des Jahres etwas fehlen wird. Ich werde zwangsläufig wieder der harte Kerl werden, für den ich mich bis zu dieser Serie immer gehalten habe. Ich werde nicht mehr weinen, und das mit meiner Schwangerschaft ist ja auch vom Tisch.

Ich wollte gerade schreibe, dass ich das scheiße finde, aber dann hat sich die Schwester Julienne in mir gemeldet und nun sage ich: Gut, dass ich noch nicht weiß, wann „Call The Midwife“ weitergeht. So habe ich mehr Zeit für meine Vorfreude. So geht Güte.

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