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Das Hoff zum Sonntag

Mediale Halbwertszeit: Nicht live, nicht bedeutend?

 

Hans Hoff ist ratlos: Manchmal freut er sich auf Filme, die ihm empfohlen wurde, ist geradezu elektrisiert. Doch wenn er es nicht schafft, sie zum Zeitpunkt der Ausstrahlung zu sehen, verstauben sie plötzlich auf der Festplatte, ohne dass sie noch wichtig erscheinen. Warum?

von Hans Hoff
14.01.2018 - 10:15 Uhr

Ich brauche mal psychologische Hilfe. Ich habe ein Problem, das ich mir nicht erklären kann. Es geht um zeitversetztes Fernsehen, ums Abrufen von Sendungen und um die Frage, wie wichtig mir etwas erscheint, wenn es nicht mehr live, sondern nur noch als Konserve vorrätig ist.

Häufiger schon ist es mir passiert, dass ich einen Film unbedingt sehen wollte. Sagen wir mal, es handelt sich um einen Mittwochsfilm im Ersten, 20.15 Uhr. Über den habe ich etwas Positives gelesen und bin daher sehr gespannt, ob sich das, was in den Zeilen angedeutet wird, im Film wiederfindet. Ich richte also, altmodischer Mensch, der ich bin, meinen abendlichen Zeitplan nach der Anfangszeit des Filmes aus. Im Idealfall sitze ich dann um 20.15 Uhr gespannt vor der Glotze und schaue fern.

Nun gelingt es mir nicht immer, pünktlich zu sein und live zu schauen. Deshalb programmiere ich solche Sendungen gerne, damit ich später Zugriff auf den Film habe. Wenn sich meine üblichen Abendverrichtungen aber bis 22 Uhr ziehen, weiß ich, dass ich dann den Film auch noch begutachten kann. Allerdings passiert in der Folge etwas höchst Seltsames.

Das Produkt, das mich um kurz vor acht noch hochgradig elektrisiert hat, das ich unbedingt live erleben wollte, verliert schlagartig an Bedeutung, wenn es in meinem Besitz ist. Plötzlich fallen mir ganz viele Dinge ein, die ich unbedingt noch tun wollte, und sehr oft ist der Mittwochsfilm nicht dabei. Irgendwann bin ich dann so müde, dass ich ins Bett will und den Film auf meiner Festplatte Film sein lasse. Ich habe ihn ja im Sack. Ich kann ihn immer noch sehen.

Sehr häufig passiert es dann, dass ich beim Ordnen der Festplatte noch oft auf ihn stoße, ihm aber längst nicht mehr die Wichtigkeit zuordne, die er an besagtem Mittwoch um 20.15 Uhr hatte. Es folgt gar der Punkt, an dem ich Platz schaffen muss auf meiner Speichereinheit. Auf einmal ist der Film im Weg, eher lästig, abgestiegen aus meiner To-Do-Bundesliga. Spannend? Elektrisierend? Ach, geh weg. Das war gestern oder vorgestern. Steinzeit quasi.

Ich frage mich, was in mir passiert, dass ich ein einst heiß begehrtes Produkt plötzlich so gering schätze. Der Film ist ja derselbe geblieben, nur eben nicht mehr live. Wie funktioniert mein hauseigenes Bewertungssystem? Sitzt da ein Controller in meinem Kopf, der darauf achtet, dass ich mein Hirn nicht vollmülle mit Lagerware?

Ähnlich geht es mir mit Kinofilmen, die ich unbedingt sehen will, weil sie mir von Kritikern, die ich schätze, wärmstens ans Herz gelegt wurden. Ich will die nicht sehen. Ich muss sie sehen. Ganz dringend. Eine Woche lang, vielleicht noch zwei. Schaffe ich es bis dahin aus irgendwelchen Gründen nicht ins Kino, wird die Ware offensichtlich sauer. Längst hat irgendein neuer heißer Scheiß meine Synapsen gekapert. Die Erinnerung an den gerade noch schwer begehrten Film? Ach, geh weg damit.

Was geht beim Menschen vor, dass sich sein Wertigkeitsgefühl derart rasch ändert? Muss ich mir Sorgen machen?

Zumindest bin ich mir bewusst, dass dies kein neues Phänomen darstellt. Früher schon habe ich, ich gestehe freimütig, sehr gerne „Wetten, dass…?“ geguckt. Samstagsabends saß ich über Stunden auf der Couch und verdaddelte meine Zeit mit Gottschalk und anderen Baggern und hatte jede Menge billigen Spaß. Drei Stunden Show waren ja nichts Außergewöhnliches. So etwas wurde locker weggeglotzt.

Musste ich aber solch eine Show aus beruflichen Gründen am Sonntagvormittag nachsehen, mutierte die Erledigung zur Herkulesaufgabe. Drei Stunden „Wetten, dass…?“ am Samstagabend = guilty pleasure. Drei Stunden „Wetten, dass…?“ am Sonntag = Hölle.

Ich könnte noch etliche Beispiele anführen, wie mediale Ware mit der Zeit ihrer Bedeutung verlustig geht, da muss ich nicht mal an meine geliebte Tageszeitung erinnern, die ich morgens dringender als meinen Kaffee brauche, die ich aber als Zumutung erachte, wenn sie sich mir nach zwei Wochen Urlaub als abzuarbeitender Stapel präsentiert.

Komischerweise stellt sich das Phänomen nicht ein bei Streamingdiensten, weil es da ja quasi kein „live“ gibt, weil dort live immer der Zeitpunkt ist, an dem man abruft. Da verfängt dann das Kinophänomen wieder. Was vor einem Monat noch Must-See war, ist auf einmal eher Ach-egal.

Ich wäre sehr verbunden, wenn ich da mal fachkundige Hilfe oder wenigstens ein paar Tipps bekäme, was mein Hirn denn da bewegt.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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