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Das Hoff zum Sonntag

Wir sind Gold: Die nationale Besoffenheit bei Olympia

 

Die Übertragung der Olympischen Spiele findet vor allem aus nationaler Brille statt - und führt dank der zahlreichen Medaillen zu einer nationalen "Wir-sind-wieder-wer"-Besoffenheit. Wäre bei einem Wettstreit der Besten nicht die Würdigung unabhängig der Nationalität angebrachter?

von Hans Hoff
18.02.2018 - 09:59 Uhr

Am ganz frühen Donnerstag war ich ganz nah dran am olympischen Gold. Ich sah den fabelhaften Eistanz von Aljona Savchenko und Bruno Massot. Ich sah fünf Minuten lang eine ungeheure Anmut, traumhaft fließende Bewegungen, eine unglaubliche Körperbeherrschung und atemberaubende Sprünge. Danach war ich Olympiasieger, weil die Deutschen Aljona Savchenko und Bruno Massot als Olympiasieger geehrt wurden. Ich stand auf der Couch und rief mit erhobenen Armen aus: Wir sind Gold.

Dann schaute ich auf den Medaillenspiegel und sah Deutschland ganz vorne, vor Norwegen und den Niederlanden, vor den USA. Wir sind Gold, dachte ich erneut. Schon jetzt mehr Goldmedaillen als in Sotschi 2014. Yeah. Umpf Umpf. Yeah. Wir sind Gold.

Um Gold geht es ja in Pyeongchang. Vor allem um deutsches Gold. Wir sind wieder wer. Yeah. Umpf Umpf. Yeah. Wir sind Gold.

Sind wir nicht. Ich bin ebenso wenig Gold wie die meisten Leser da draußen. Aus Gold ist die Medaille, die Aljona Savchenko und Bruno Massot nun auf der Brust tragen dürfen. Allein die dürfen sagen: Yeah. Umpf Umpf. Yeah. Wir sind Gold.

Wenn es einen Satz gibt, der richtiger wäre, dann: Wir sind reingefallen. Reingefallen auf die Inszenierung des IOC, das fest darauf gesetzt hat, dass das Gerede von Doping und mafiösen Strukturen schon aufhören wird, wenn die Spiele erst einmal begonnen haben, wenn die tollen Bilder die Fakten übertünchen.

Wir sind wieder reingefallen auf die Inszenierung, die uns die übertragenden Sender bieten. Sie zeigen die Spiele viel zu oft und viel zu lang aus deutscher Sicht. Wichtig ist da immer, wo wir im Wettbewerb stehen, ob wir auf eine Medaille hoffen können. Dabei stellt sich eine nationale Besoffenheit ein, die nicht mehr so ganz in die Zeit passen möchte. Da ist nicht wichtig, wer sportlich die beste Leistung bringt, sondern wo wir im Ranking landen, wir, wir, wir, Deutschlaaaaaand.

Man darf da keinen bösen Willen unterstellen, denn jene, die übertragen, haben es noch nie anders gemacht. Wenn solche Spiele beginnen, setzen sie die nationale Brille auf, weil die Konzentration auf die deutschen Aspekte Zuschauerzahlen generiert, Da lässt sich immer wieder neu ein Krimi inszenieren, der im Idealfall mit dem nationalen Showdown endet und der Hymne: Yeah. Umpf Umpf. Yeah. Wir sind Gold.

Ja, es geht auch mal um Probleme. Die extreme Kälte, die leeren Zuschauerränge, ja, Mann, das sind Probleme, das wird öfter mal abgesprochen. Und das mit dem Doping? Ja, ne, is klar, das haben die Sender vorher alles gründlich abgehandelt, das ist jetzt allenfalls noch Randaspekt. Damit will man jetzt die Zuschauer nicht belästigen. Es muss auch mal Ruhe sein.

So etwas passt zu einem Land, in dem die ARD erst einmal extrem lange nachdenken muss, wie sie die Zukunft des Doping-Experten Hajo Seppelt sichert, und etwas braucht, bis sie zu dem Schluss kommt, dass es irgendwie doof aussieht, wenn ihre Sportmoderatoren gleichzeitig auch Ausrichter von Sport-Events sind. Am Schluss des langen Nachdenkens steht dann die Erkenntnis, dass so etwas zu Missverständnissen führen kann. Echt jetzt? Missverständnisse? Mehr nicht? So rasch wieder vergessen die Zeiten, als ein ARD-Sportkoordinator und Tour-de-France-Berichterstatter zu enge wirtschaftliche Beziehungen zu einem Rennstall pflegte?

Jetzt lasst uns doch mal in Ruhe mit dieser ewigen Mäkelei, heißt es dann gerne als Replik auf vermeintlich blöde Fragen. Man solle doch jetzt mal die Bilder sprechen lassen.

Wenn es denn nur die Bilder wären. Es sind auch die Begleitumstände. Fast wie im Nebensatz wird da transportiert, dass sich das IOC durchaus einen Friedensnobelpreis vorstellen kann, weil es die Eishockeymannschaften von Nord- und Südkorea zusammengebracht hat. Man stelle sich das nur mal vor. Ein Friedensnobelpreis für Thomas Bach und seine korrupten Komparsen. Warum nicht gleich Donald Trump vorschlagen und Kim Jong Un?

Aber das sind ja nur Randaspekte. Wichtig ist vor allem die nationale Selbstbesoffenheit. Stand Olympia nicht einst für den Wettstreit der Besten? Schiene es da nicht angebracht, die Besten auch angemessen zu würdigen, unabhängig von ihrer Nationalität? Und nicht nur, wenn Deutsche keine Rolle spielen? Was wird stattdessen gewürdigt? Jeder deutsche Pups. Hauptsache, wir liegen vorne. Yeah. Umpf Umpf. Yeah. Wir sind Gold.

Dabei wäre doch gerade das Beispiel von Aljona Savchenko und Bruno Massot eine wunderbare Möglichkeit, die nationalen Scheuklappen einmal demonstrativ abzulegen. Aljona Savchenko siedelte erst Anfang des Jahrtausends aus der Ukraine nach Deutschland über, und der Franzose Bruno Massot hat erst seit 2017 einen deutschen Pass. Das sind keine deutschen Sieger, das sind sportliche Sieger, die zu den Besten in ihrem Fach gehören. Guter olympischer Sport ist vom Grundgedanken her immer schon international gewesen. Vielleicht könnte man dem auch in der hiesigen Berichterstattung mal ein bisschen mehr Rechnung tragen. Damit solche Wettkämpfe mehr vereinen als sie trennen. Damit wir am Schluss sagen können. Yeah. Umpf Umpf. Yeah. Sport ist Gold.

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