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Das Hoff zum Sonntag

"Tatort" ohne Ton: Keine Überraschungen an der Krimi-Front

 

Wie vorhersehbar ist das deutsche Fernsehen mittlerweile geworden? Hans Hoff wagt den Selbstversuch und gibt sich den neuesten "Tatort" - allerdings ohne Ton. Doch schon nach zehn Minuten ahnt er, wohin der Krimi dieses Mal steuert.

von Hans Hoff
11.03.2018 - 10:15 Uhr

Es heißt ja immer, dass das deutsche Fernsehen so furchtbar vorhersehbar ist, dass immer alles überdeutlich gezeigt werden muss, damit man quasi nach wenigen Szenen schon riechen kann, worum es geht. Ich wollte das lange nicht glauben, aber dann habe ich "Bad Banks" gesehen und mich prompt gefragt, warum die Überraschungsqualität dieser Serie nicht Standard ist. Ich habe dann den natürlich keineswegs repräsentativen Versuch gewagt, das bestehende Dilemma zu sezieren und mir den heutigen "Tatort" vorab ohne Ton anzusehen. Ich wollte herausfinden, wie lange ich trotz akustischer Enthaltsamkeit schauen muss, um erraten zu können, worum es geht. Meine einzige Vorinformation bei diesem Experiment war, dass der "Tatort" in Bremen spielt, weshalb die Kommissare Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) gesetzt waren. Und dann kannte ich noch den Titel "Im toten Winkel". Mehr wusste ich nicht. Das sollte sich rasch ändern.

Fürs Protokoll der Start des Films: Eine triste Wohnsiedlung, ein altertümliches Wohnzimmer, ein Rollstuhl, ein alter Mann mit leerem Blick, ein wartender Hund. Noch mehr leerer Blick. Der alte Mann steht auf, geht durch den Flur, öffnet die Tür zum Schlafzimmer, lässt den Hund zurück. Im Schlafzimmer liegt seine Frau im Bett. Er geht zu ihr, schaut sie an, atmet offenbar schwer. Sie schläft weiter. Er nimmt ein Kissen und drückt es auf ihr Gesicht. Er erstickt sie. Sie wehrt sich, er wirkt verzweifelt. Im Flur springt der Hund gegen die Tür. Sie ist tot. Der Alte nimmt das Kissen weg und schaut sie fassungslos an. Er setzt sich auf die Bettkante.

Als nächstes fährt ein Wagen vor. Ein Mann mit Aktentasche steigt aus. Dann wieder der alte Mann. Er schluckt viele Tabletten. Der Mann aus dem Auto klingelt, doch der alte Mann macht nicht auf. Stattdessen telefoniert er. Der Mann aus dem Auto versucht es nochmal. Der Hund im Flur schaut und bellt. Der alte Mann telefoniert weiter. Er redet sich ganz offensichtlich etwas von der Seele. Schließlich geht der Mann aus dem Auto weg. Der alte Mann bricht neben dem Bett zusammen. Die Wohnung ist leer, Bilder von glücklicheren Zeiten sind zu sehen.

Schnitt. Ein ziviler Polizeiwagen mit Blaulicht rauscht heran. Mit Blaulicht. Vor dem Haus stehen schon zwei Wagen mit blinkendem Blaulicht. Warum haben im Fernsehen immer alle Polizeiwagen Blaulicht?

Lürsen und Stedefreund steigen aus. Lürsen schaut, wie der alte Mann in einen Rettungswagen verfrachtet wird. Lürsen schaut ihm lange und betroffen hinterher. Dann gehen die Ermittler in die Wohnung und streifen sich Einmalhandschuhe über. Im Schlafzimmer ist schon der ins Ganzkörperkondom gepackte Rechtsmediziner aktiv. Er schaut die Kommissare an, und dann sagt er was. Lürsen nimmt die Hand der Toten, Stedefreund guckt lange und ratlos. Dann nimmt Lürsen ein Bild aus besseren Tagen in die Hand. Stedefreund telefoniert.

Schnitt auf Hände, die einen Ordner durchforsten. Man sieht den Mann aus dem Auto wieder. Er sitzt in einem sehr altertümlichen Ambiente zwei Personen gegenüber, einer alten Frau und einer jungen Frau, die offensichtlich deren Tochter ist und ihm ein Dokument übergibt. Die jüngere Frau nimmt die Hand der Alten und erklärt ihr was. Der Mann aus dem Auto hört mit gefalteten Händen zu. Er strahlt irgendetwas aus zwischen gleichgültiger Routine und Selbstzufriedenheit. Ein Teller mit Keksen steht auf dem Tisch. Der Mann aus dem Auto erklärt was, die Alte schaut betroffen. Dann sagt sie etwas, das ihre Tochter offenbar schockiert.

Die alte Frau verlässt den Raum. Das wirkt abrupt. Die Tochter eilt ihr nach. Die Kamera geht zurück in den Raum zum Mann aus dem Auto, der ruhig etwas in sein Notebook tippt. Gespielt wird er von Peter Heinrich Brix, den man aus diversen nordischen Serien kennt. Das macht schon mal deutlich, dass dieser Typ nicht gleich aus dem Film verschwinden wird. Dafür ist Brix zu prominent.

Zu dem Zeitpunkt sind ungefähr zehn Minuten rum, und ich weiß schon jetzt, dass es um die Misere alter Menschen gehen wird, die irgendwie vom System alleingelassen werden, die im Zweifel von zwielichtigen Typen missbraucht werden. Der Mann aus dem Auto könnte so ein Missbraucher sein. Weiß man nicht. Auf jeden Fall wird es sehr, sehr trist werden, die nächsten 80 Minuten. Ich fürchte, irgendeine soziale Misere wird ganz hochkochen und den Zuschauer am Ende betroffen hinterlassen. In ruhigen Zeiten würde dann Anne Will das brisante "Tatort"-Thema aufgreifen. Da aber immer noch alle im Groko-Wahn sind, vermute ich mal glatt, dass dort die üblichen Peter Altmaiers und Katarina Barleys oder gleichwertige Meinungsschleudern sitzen werden.

Ich mag mich irren. Vielleicht handelt es sich ja bei diesem "Tatort" auch um feierwütige Drogendealer im Seniorenalter, und der verzweifelte Alte will nur eine lästige Konkurrentin loswerden, um es auf Bali so richtig krachen zu lassen. Das mit dem Selbstmordversuch hat er möglicherweise nur vorgetäuscht.

Könnte sein, aber ich halte die Wahrscheinlichkeit für so gering, dass ich sie allenfalls im Promillebereich verorten würde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es hier wieder um eine der handelsüblichen Trostlosigkeitsbeschreibungen handelt, die nur der Form halber als Krimi serviert werden, weil ja angeblich kein Mensch mehr eine Doku schauen will, wenn sie nicht gerade bei Netflix läuft.

Was läuft im deutschen Fernsehen falsch, wenn mir schon zehn Minuten ohne Ton reichen, um eine Wette auf den Fortgang der Handlung abzuschließen? Warum muss alles in solcher Überdeutlichkeit inszeniert werden? Ich fürchte, ich hätte neben dem Ton auch noch das Bild abstellen können und hätte trotzdem rasch erahnt, wohin die Reise geht. Weil es halt "Tatort" ist, also jene Reihe, die sich selbst zum Ritual gemausert hat, die aber immer seltener die Aufmerksamkeit, die man ihr widmet, rechtfertigt, weil jeder Blick ins Goldfischglas aufregender ist.

Ich mag mich täuschen, und ganz ehrlich gesagt, hätte ich sehr gerne unrecht. Aber ich fürchte, ich vertue mich bei meiner Prognose kein bisschen. "Tatort" und Überraschung scheinen sich in dieser Welt weitgehend auszuschließen. Ich schaue dann lieber wieder Lottozahlen.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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