© Dennis Skley / Flickr (CC BY-ND 2.0)
Das Hoff zum Sonntag

Die DSGVO hat mein Internet kaputt gemacht

 

Die Datenschutzgrundverordnung - kurz DSGVO - ist seit einigen Tagen in aller Munde. Das anfangs gute Gefühl ist bei Hans Hoff längst verschwunden. Stattdessen dominiert Verunsicherung und alles fühlt sich plötzlich ziemlich falsch an.

von Hans Hoff
03.06.2018 - 08:40 Uhr

Ich kapituliere. Ich will nicht mehr. Die DSGVO hat mein Internet kaputt gemacht, und wer auch immer sich für dieses zerstörerische Monstrum verantwortlich zeichnet, ist entweder ein Arschloch oder sich nicht bewusst, was seine Taten für Folgen haben können. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. 

Ich meine jetzt nicht das, was sich aufgrund der Datenschutzgrundverordnung rechtlich ändern musste, ich meine auch nicht die Hindernisse, die es insbesondere freien Journalisten in den Weg legt, was Daniel Bouhs sehr fein recherchiert hat. Ich meine vor allem das, was es aus manchen Menschen und ihrem Verhältnis zum Netz gemacht hat. Auf einmal scheint verloren gegangen, was in diesen Zeiten ein nicht hoch genug einzuschätzendes Gut ist: Vertrauen in ein System, das trotz einiger Stolpereien doch ganz passabel funktioniert. Dieses Vertrauen ist futsch, weg, versickert in irgendwelchen in bester Absicht verfassten Gesetzestexten. Die DSGVO wollte alles richtig werden lassen, aber warum in Dreiteufelsnamen fühlt sich dann jetzt alles so falsch an?

Anfangs war ich ja noch erfreut, weil ich plötzlich ganz viel Post bekam von all jenen Institutionen, in deren Newsletter-Verteilerstrudel ich mal geraten war. Bei 90 Prozent dieser Newsletter hatte ich in der Vergangenheit bei jeder zweiten Lieferung darüber nachgedacht, sie abzubestellen, aber dann war mir das zu kompliziert, zu aufwändig. Rasches Wegklicken ging schneller. Nun aber sagte man mir in den meisten Fällen, dass ich den Newsletter nicht länger beziehen könne, wenn ich mich nicht neu registrieren würde. Andere wollten nur einen Klick und versprachen, danach würde alles wieder so sein wie vorher. Ich dachte eine Weile nach - und tat nichts. Es fühlte sich wunderbar an. Wie abnehmen im Schlaf. Einfach nichts tun und schlanker werden. Ein Traum.

Ein Traum mit Folgen, denn in meiner Weightwatchers-Euphorie malte ich mir aus, wie es wäre, gar keine Newsletter mehr zu beziehen, mich also auf elektronische Null-Diät zu setzen. Ich klickte also bei denen, die mein Nichttun als Zustimmung werten wollten, auf unsubscribe. Das war komplizierter als nichts zu tun, aber es beförderte jedes Mal ein sehr befriedigendes Gefühl in mir. Ich spürte einen Hauch von großer Reinheit. Ich fühlte mich wie die Speerspitze der Aktion Sauberes Postfach. Anfangs.

Etwas später habe ich dann öfter mal mein Smartphone geschüttelt, weil ich dachte, irgendetwas mit meinem E-Mail-Account sei defekt. So wenig Post war ich gar nicht mehr gewohnt. Ich fühlte mich ein bisschen einsam. Aber das Glück, so schnell so schlank geworden zu sein, überwog dann doch. So viel zur guten Seite der DSGVO.

Die schlechte Seite ist das, was die DSGVO bei unglaublich vielen Nutzern, also bei mir und meinen Freunden, ausgelöst hat. Es herrscht nun eine unglaubliche Hysterie. Aus Angst, irgendetwas falsch zu machen und dann Opfer von Abmahnanwälten zu werden, schalteten reihenweise Menschen ihre Seiten ab. Lokale Bands deaktivierten ihre Konzertvideos, weil da auch Zuschauer zu sehen waren und sie vor Jahren nicht deren Einwilligung zur Veröffentlichung eingeholt hatten und sich auch nicht in der Lage sahen, diese noch irgendwie nachträglich zu beschaffen.

Natürlich waren auch ein paar Bescheidwisser unterwegs, die vor eben dieser Hysterie warnten und sagten, die Reaktionen der Abschalter seien übertrieben. Ja, das waren sie wohl. Aber sie waren real, sie waren da, und sie zeugten von genau dem Misstrauen, das mein Internet kaputt gemacht hat.

Dazu ist alles komplizierter geworden. Seit einiger Zeit kann ich kaum noch eine Seite aufrufen, ohne, dass nicht irgendein Zustimmungsfenster aufploppt, in dem ich bestätigen soll, dass ich weiß, was ich tue und was der Anbieter mit meinen Daten tut. Man kannte das ja schon von den Hinweisen auf den Gebrauch von Cookies, die man hier und da wegklicken musste. Die haben so gut wie nichts genutzt und tauchten meist nur auf, weil sich ein Anbieter davor fürchtete, abgemahnt zu werden, falls er solch einen Hinweis nicht auf der Seite führt. Im Prinzip hätte man da auch den Rat „Gehen Sie bei Harndrang auf Klo“ hinschreiben können. Er wäre ähnlich sinnvoll gewesen, und ich hätte ohne zu lesen geklickt. Alles aufgrund der Devise: Lieber ein Hinweis mehr als eine teure Abmahnung. Hauptsache der Besucher hat was zu klicken, und möglicherweise verbessert ja dieser Klick auch noch die Besuchsstatistik.

Und wie viele Menschen aus meinem Bekanntenkreis (mich eingeschlossen) hätte ich schon abmahnen können, weil sie in einer Rundmail versehentlich oder in einem Anfall akuter Trotteligkeit alle Angeschriebenen mit voller Mailadresse in Cc und nicht in Bcc gesetzt haben? Kleine Unkonzentriertheit, und schon wissen alle von allen. Da hätte auch kein Anklicken und kein Ankreuzen unter irgendwelchen Hinweisen oder AGB-Auflistungen etwas genützt.

Natürlich lese ich das, was da steht ------ nicht. Vielleicht habe ich das beim ersten Mal getan, aber irgendwann war ich müde und habe einfach meinen Klick geliefert, so wie ich das immer mache, wenn ich bei Einkäufen bestätigen soll, dass ich die 1367 Seiten umfassenden AGB penibel studiert habe. Das hat bisher gut funktioniert. Ich bin noch nie betrogen worden, und wenn es mal passieren sollte, dann müsste ich mir eine gewisse Mitschuld zurechnen lassen. Allerdings fiele der Schaden dann wahrscheinlich vergleichsweise gering aus im Vergleich zu den vielen Malen, wo ich naiv und ohne Durchlesen geklickt habe und mir dann korrekt geliefert wurde, was ich wollte. Das Leben ist halt eine Mischkalkulation. Manchmal verliert man, aber meistens sitzt man doch auf der Gewinnerseite. Gilt für mich, kein Anspruch auf Verallgemeinerung. 

Aber nun ist es weg, dieses Vertrauen in das Funktionieren eines Systems, das seine Risiken hat, das aber beherrschbar erschien. Die vielen Warnschilder haben es zerstört. Inzwischen traut offenbar keiner keinem mehr. Jeder will nun von mir bestätigt haben, dass er mich über alles aufgeklärt hat. Das trägt schon beinahe wahnhafte Züge und wirkt so, als müsse der Förster demnächst an jeden Waldeingang ein Schild stellen, das auf herumstehende Bäume hinweist. Demnächst müssen wahrscheinlich auch noch junge Menschen vor dem ersten Kuss einen Zettel rausholen und sich gegenseitig versichern, dass sie die bei der beabsichtigten Mund-zu-Mund-Beatmung ausgetauschten Körperflüssigkeiten nur zum privaten Gebrauch zu verwenden gedenken und keinen Handel damit treiben wollen. Danke, liebe DSGVO. 

Ich bestreite nicht, dass dieses Gesetz in bester Absicht verfasst wurde, aber ich bin der Meinung, dass es die verdammte Pflicht eines Gesetzgebers ist, sich auch auszumalen, was ein Gesetz jenseits seiner intendierten Bedeutung auslösen kann. Im Falle der DSGVO ist das nunmal ein ungeheure Verunsicherung und der damit einhergehende Verlust von Vertrauen in ein eigentlich ganz passabel funktionierendes System. Besser hätten das russische Hacker auch nicht hinbekommen.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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