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Das Hoff zum Sonntag

ARD und ZDF - Karstadt und Kaufhof der medialen Welt

 

Nachdem die Rundfunkkommission mal wieder ohne wirklich wegweisende Beschlüsse hinsichtlich der Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sender ausgekommen ist, stellt sich ziemlich dringlich die Frage, wo das mit ARD und ZDF auf Dauer hingehen soll.

von Hans Hoff
28.10.2018 - 10:10 Uhr

Für die Findung einer Antwort ist es hilfreich, wenn man mal in eine mittelgroße Stadt geht und sich dort die großen Kaufhäuser anschaut. Meistens heißen die Karstadt oder Kaufhof. Manche dieser Häuser funktionieren noch ganz passabel, andere darben mehr oder weniger trostlos dem Ende ihres Daseins entgegen und werden langfristig wohl auch durch die Fusion der beiden Marken nicht mehr vor dem Schlund des Vergessens zu retten sein. Das könnte daran liegen, dass sie sich als klassischer Gemischtwarenladen nicht rechtzeitig neu aufgestellt haben. Sie haben mal hier und da ein bisschen renoviert, ihre Kollektionen überarbeitet, aber zu oft nur bis zur eigenen Tür gedacht. Dass davor inzwischen ganz andere Player den Ton im Spiel angeben, haben sie nicht wirklich wahrhaben wollen. Nun stehen sie da, machen immer noch Umsatz, aber das Ende ihres Daseins kann man auch ohne Brille am Horizont aufziehen sehen.

ARD und ZDF sind in der medialen Welt so etwas wie Karstadt und Kaufhof. Noch läuft ihr Geschäft, aber es ist absehbar, dass das so nicht mehr lange funktioniert, dass es mit ein paar Renovierungen und Kollektionsänderungen nicht getan ist. Aber das wollen sie nicht wahrhaben in den Sendeanstalten. Wie blöde basteln sie an Räumlichkeiten und kreieren Newsrooms und Campus-Einheiten. Sie blubbern von crossmedialen Redaktionen und mahnen ein Umdenken bei der Wahl der Verwertungswege an. Dabei vergessen sie, dass sie eigentlich erst einmal an ihren Inhalten arbeiten und ihr Grundkonzept überdenken sollten. Der stationäre Gemischtwarenladen von heute ist nämlich der Friedhof von morgen.

Zum Überdenken gehört vorab eine Bestandsaufnahme. Es muss festgestellt werden, was man braucht, was man kann, was man muss, was andere möglicherweise besser hinkriegen.

Dringend gebraucht werden Nachrichten, Reportagen, Dokumentationen, beeindruckende Filme. Das können sie bei ARD und ZDF, das ist ihr Unique Selling Point. Auch wenn sich Sender wie RTL wacker bemühen, hier und da ein bisschen Relevanz ins Programm zu packen und schwierige Dokumentationen in populären Slots zu platzieren, so bleiben letztlich doch ARD und ZDF als erste Adresse, wenn es um ernsthafte Informationen geht, um beeindruckende Filme in erwähnenswerter Anzahl.

Gerade läuft „Babylon Berlin“, und selbst wenn man zwischendrin auch mal den Kritikern zustimmen möchte, die in der Serie nichts weiter als sterile Kulissenschieberei sehen, bleibt doch festzustellen, dass die ARD hier ein großes Projekt stemmt. Dass das nicht in allen Nuancen gelungen sein kann, liegt in der Natur der Sache und hat natürlich auch mit der Tatsache zu tun, dass viel zu selten solch große Projekte gestemmt werden. Festzuhalten bleibt aber: Sie können es, wenn sie sich denn trauen.

Sie kriegen auch das hin mit den Nachrichten. Sie machen das gut und vor allem umfassend, auch wenn es immer wieder mal etwas zu bekritteln gibt. Gäbe es nichts zu bekritteln, käme das dem Beweis gleich, dass die Anbieter ihre Grenzen nicht ausgereizt haben.

Sie können auch politische Magazine. Natürlich könnte man da die Kräfte besser bündeln, aber wenn der Gesetzgeber nun mal beschlossen hat, dass das mit dem Föderalismus eine dufte Sache ist, dann ist das eben so.

Sie können auch Dokumentationen. Meistens jedenfalls. Aber auch wenn sie sich zwischendrin in irgendwelche Doku-Dramen verirren und aus toller Recherche Quark mit Soße destillieren, überwiegt letztlich der Erkenntnisgewinn.

Tolle Filme, Nachrichten, Magazine und Dokumentationen, all das können ARD und ZDF. Und genau das sollten sie zu ihrem Markenkern machen. Wenn sich die Sender in erster Linie als erste Adresse für präzise Information und niveauvolle Unterhaltung begreifen, haben sie auf Dauer eine Chance.

Die Konzentration auf die Qualitäten bringt natürlich auch das Weglassen von Nichtigem mit sich. Jeder der Sender sollte sich bei jeder Sendung überlegen, ob das, was diese bringt, dem Zuschauer wirklich einen Erkenntnisgewinn verschafft oder lediglich dazu dient, Zerstreuung zu fördern und Quote zu jagen. Kein Mensch sollte behaupten, die Welt wäre eine ärmere, wenn das ZDF auf zwei Drittel seiner Krimis verzichtete. Kein Mensch braucht so viel Verbrechen, braucht so viele austauschbare Kommissare auf dem Schirm. Nichts dagegen, wenn es eine durchdachte Handlung gibt, einen erklärten Aufklärungswillen, eine Botschaft. Aber niemanden braucht die 384. Soko-Ausdünstung, die weder technisch noch inhaltlich irgendetwas Sinnvolles transportiert. Zu plädieren wäre daher für eine Krimi-Quote. Ein Drittel der bisher gesendeten Produktionen würde reichen, auch auf die Gefahr hin, dass der Quotenerfolg von ZDFneo ohne die Krimiwiederholungen zusammenfiele wie ein zu früh aus dem Ofen geholtes Soufflé.

In der ARD haben sie dagegen eher ein Problem mit der Unterhaltung. Die ist ein Trauerspiel. Sie haben dort offenbar nicht die Freiheit, sie haben nicht den Mut, sie haben nicht die Ideen. Es gibt keine Show im Abendprogramm, die erhaltenswert ist, deren Sinn sich nicht darin erschöpft, Pflegepersonal zu entlasten. Zuschauer werden missverstanden als Patienten, denen man mit homöopathischen Dosen von Sinn und Verstand die restliche Lebenszeit versüßen möchte.

Kürzlich saß beim so genannten „ARD Unterhaltungsgipfel“ die Unterhaltungselite der ARD auf einer Couch. Pilawa, Pflaume, Silbereisen, Cantz, Hirschhausen. Muss man mehr sagen, um ein Dilemma zu beschreiben? Wer solche Herren als das präsentiert, was einen auf dem Gipfel erwartet, hat im Prinzip aufgegeben. Der sendet nicht nur unterschwellig ein deutliches Signal: Ich will nicht mehr leben.

Kürzlich kursierte mal das Argument, dass man doch ganz froh sein könne, wenn die Oma „Rote Rosen“ oder „Verstehen Sie Spaß?“ schaue, weil dann sichergestellt sei, dass den Alten nichts Schlimmeres zustößt als öffentlich-rechtliches Unterhaltungsverständnis. Ja, man kann auch mit sehr wenig zufrieden sein, aber dann trägt man dazu bei, dass alles bleibt wie es ist und langsam schlechter wird.

In Wahrheit müssen bei ARD und ZDF dringend die Abrüstungsverhandlungen beginnen, was Krimi, Show und Sport angeht. Ja, Sport. Ja, Fußball. Es gibt kein Menschenrecht auf Übertragung jeder dusseligen Idee, mit der UEFA und FIFA Millionen generieren wollen. Das können die Privatsender unter sich ausmachen, und wer das alles sehen will, der kann gerne dafür bezahlen. In ARD und ZDF darf es ein paar wichtige Spiele von wichtigen Meisterschaften geben, der Rest sollte zurück auf den freien Markt, auch auf die Gefahr hin, dass sie dann bei den Sendern jammern, dass ihnen die Relevanz abhanden komme und die Quote in Gefahr ist.

Wie pervertiert in den Anstalten schon das Denken ist, offenbarte sich lange im ZDF, wo man als Rechtfertigung für teure Sportrechte anführte, dass man damit doch unheimlich viele Zuschauer zum in der Halbzeitpause stattfindenden „Heute-Journal“ locke. Dass das „Heute-Journal“ dann regelmäßig nur in verkürzter Form gesendet wurde, fand eher selten Erwähnung. Ebenso wenig wie die Überlegung, dass man angesichts der immensen Kosten für Sportrechte alternativ auch jedem Zuschauer zehn Euro fürs Gucken des „Heute-Journals“ in die Hand hätte drücken können.

Stärken stärken und Schwächen schwächen. Mit dem Rezept gäbe es einen Ausweg aus der absehbaren Misere. Aber es ist anzunehmen, dass die Rundfunkkommission in dieser Hinsicht wenig Entschlossenheit zeigt. Natürlich ist es vermessen, von einer Kommission, die in diesen Zeiten immer noch Rundfunkkommission heißt, mehr zu verlangen als nur die Klärung der Frage, wie man das bisherige System von ARD und ZDF weiter finanziert. Index oder nicht?

Es geht aber nicht nur um die Finanzierung, es geht darum, was man finanzieren will. Die Sender brauchen einen klaren Auftrag, was sie sollen und was sie lassen sollen. Aber den werden sie nicht bekommen. Stattdessen ist absehbar, dass man sie weiterwurschteln lässt wie bisher und lediglich hier und da mal an ein paar Stellschrauben dreht.

Wohin das führt, ist abzusehen. Ein Besuch der nächstliegenden Karstadt- oder Kaufhof-Filiale wird empfohlen.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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