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Das Hoff zum Sonntag

Sibylle Weischenberg: Mit der Glaskugel im Kopf der Stars

 

Sibylle Weischenberg hat besondere Fähigkeiten: Sie weiß alles über über Stars und muss dafür nicht mal mit ihnen sprechen. Bewundern lässt sich ihre Expertise regelmäßig im ARD-Magazin "Brisant". Hans Hoff hat hingeschaut und zugehört...

von Hans Hoff
21.04.2019 - 10:02 Uhr

Sibylle Weischenberg weiß alles. Sibylle Weischenberg sieht alles. Es ist ein bisschen wie bei Muttern damals. Man missachtet da draußen in großer Heimlichkeit ein Verbot, und wenn man heim kommt, dann kriegt man die Heimlichkeit vorbuchstabiert, bevor man sich überhaupt fragen kann, wie diese Grenzüberschreitung jemals auffliegen könne. Mütter wissen halt alles. Auch Sibylle Weischenberg weiß alles. Aber Sibylle Weischenberg weiß noch mehr.

So muss das zumindest den Stars vorkommen, über die Sibylle Weischenberg so gerne spricht. Sie tut das regelmäßig in „Brisant“, also in jenem Magazin, mit dem die ARD am Nachmittag die Quote ihrer Informationssendungen hochhält. Dort teilt Sibylle Weischenberg ihr Wissen über die Verhaltensauffälligen in dieser Welt mit den Zuschauern. Sie sitzt dann meistens schwer schmuckbehangen in der Pastellkulisse ihrer Wohnung auf einem hellen Sofa, durchforstet mit tiefdunkel gefärbten Fingerspitzen ihr Tablet und plaudert aus, was sie daraus an Erkenntnis gesaugt hat.

Davor zittern Prominente, denn Sibylle Weischenberg wird wahlweise als Society-Expertin oder Society-Kennerin vorgestellt. In dieser Woche mussten Sylvie Meis und Britney Spears zittern und staunen über die Allwissenheit von Sibylle Weischenberg. Die eine wurde mal wieder ohne Mann gesichtet, die andere hatte sich angeblich in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen. Zu beiden hatte Sibylle Weischenberg etwas zu sagen, ja man kann fast sagen, zu diagnostizieren.

Im Fall von Britney Spears schrieb Sibylle Weischenberg der 37-jährigen Sängerin Anzeichen einer im Ausschleichen begriffenen retardierten Adoleszenz in die Akte: „Da merkt man auch, dass sie erwachsener geworden ist, dass sie eben doch merkt, ich muss auf mich aufpassen, sonst wird mein Leben ein Desaster.“

Im Fall von Sylvie Meis stellte sie glasklar einen klaren Fall von physischer Overperformance fest. „Diese Frau hat ein Problem: Sie ist zu perfekt“, urteilte sie über das Unterwäschemodel. Ihr ganzer Körper sei makellos. Ihr Problem sei eben nur, dass sie, einen Mann dazu brauche. „Der hält das ja gar nicht aus.“ Und dann setzte die mit einem gewissen Hang zu überkommenen Rollenklischees ausgestattete Sibylle Weischenberg noch zum Mäandern an, ließ also ihre Wortflüsse ein Delta bilden. „Diese kleine zierliche, so perfekte, so körperliche, so wahnsinnig präsente Frau, die ist einfach zu viel für diese Männerwelt“, sagte sie, und man spürte, dass sie das nicht vorbereitet hatte, dass die Worte just in diesem Moment aus ihr entsprangen.

Wie herrlich Sibylle Weischenberg mäandern kann, durfte man erleben, als sie am 19. März über Gottschalks Trennung kurz nach dem Brand seiner Malibu-Villa sinnierte. Das sollte man sich mal ganz zuführen, denn im Verlauf ihres Sermons über den großen Thomas merkt Sibylle Weischenberg, dass ihr die Worte irgendwie entgleiten und komplett im Unverständlichen zu versanden drohen. Sie „übersetzt“ deshalb das gerade Gesagte noch einmal, mäandert dabei aber gleich wieder herum und erfindet somit etwas, das Sprachexperten der Universität Kyritz an der Knatter inzwischen als Weischenbergsche Unschärferelation bezeichnen. Achtung, Originalton: „Er hatte vor kurzem ein Interview gegeben und hatte gesagt, dass eben dieses entsetzliche Ende all dessen, was es ausgemacht hat, das gemeinsame Leben, ihn dazu gebracht hat, wohl darüber nachzudenken, was er beenden sollte, wozu er sich aber bisher nicht bekannte. Ich würde das jetzt mal übersetzen: Er hat vermutlich da schon andere Lebenspläne für sich gehabt und hat jetzt die Situation vorgefunden, rein äußerlich ist auch alles kaputt, und vielleicht hat man dann die Sprache gefunden, zu gucken: Wie sieht’s eigentlich mit uns aus, wie leben wir eigentlich. Ist es eigentlich das, was wir wollen?“

Ist es das, was wir wollen? Große Wortschwallkunst. Ohne Frage. Auf Platz zwei der großen Ferndiagnosen der Sibylle Weischenberg in 2019 landet Mitte April dann ihr Kommentar zu Kim Kardashians angeblichen Ambitionen, Anwältin zu werden: „Es ist ein bisschen: Hallo, hier bin ich, beschäftigt euch wieder mit mir, jetzt mache ich mal die ernste Schiene, nur, dass ihr’s wisst. Schauen wir doch mal, was daraus wird. Ich denke aber, es ist der Knaller der Saison, dass wir uns darüber unterhalten, dass Kim Kardashian Juristin wird.“

Nun gibt es böse Zungen, die Sibylle Weischenberg unterstellen, sie könne all das, was sie da von sich gebe, gar nicht wissen, weil die jeweiligen Stars nicht mit ihr geredet hätten, dass sie vielmehr immer dann zum Einsatz komme, wenn „Brisant“ der direkte Zugang zu den Prominenten versperrt bleibe und die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich presserechtlich gegen breitgetretenen Quark zur Wehr setzen, eher gering ausfällt. Die verkennen natürlich, dass Sibylle Weischenberg nicht mit jemandem reden muss, um zu wissen, was sie weiß. Sie weiß das einfach, und als Top-Journalistin, die sie natürlich ist, hält sie ihre bisweilen auch telepathisch angezapften Quellen natürlich geheim.

Wer Sibylle Weischenberg deshalb eine Boulevardschranze nennt oder sie mit früher über Jahrmärkte tingelnden Wahrsagerinnen vergleicht, die aus einer Glaskugel herauslasen, was andere hören wollten, der ist nicht auf der Höhe der Zeit, der würde Sibylle Weischenberg möglicherweise auch nach ihrem Äußeren auf einem Foto beurteilen und sagen: „Sie war immer überschlank, aber jetzt ist sie ausgezehrt. Sie ist hager. Wir sehen sogar bei der Brust hier, alles nur noch knochig. Wenn man ihre Klamotten sieht, die Kleider tragen sie, sie trägt die nicht. Sie füllt sie nicht mehr aus.“

Verzeihung. Fehler. Das ist keine Beurteilung über Sibylle Weischenberg. Das ist eine Beurteilung von Sibylle Weischenberg, ihr Kommentar zu einem Mager-Foto von Celine Dion, das Ende Januar kursierte. Wie keine andere vermochte sich Sibylle Weischenberg damals ins Innere der Sängerin hineinzuversetzen und zu erklären, wie genau es dort aussieht: „Ganz sicher kommt sie über den Tod ihres Mannes nicht hinweg. Der ist jetzt drei Jahre her, aber sie, die 28 Jahre eben mit ihm zusammen war, davon 22 verheiratet. Und jetzt sie muss das alleine raffen. Ich habe schon immer gedacht: Wie will sie das schaffen?“

Wie will sie das schaffen, diese wunderbare Sibylle Weischenberg? Wird es ihr nicht irgendwann zu viel werden, ständig die Psyche von Prominenten erforschen zu müssen? Man weiß doch, dass es dort selten so aufgeräumt ist wie in der einem Geschenkeladen ähnelnden Wohnung, in der Sibylle Weischenberg residiert und sich filmen lässt. Kann so etwas eine sensible Seele nicht auch überlasten?

Aber nein, diese Frau weiß, was sie tut. Sie ist der beinharte Fels, der aus dem Seichten herausragt und all jenen Halt gibt, die zweifeln, ob das, was sie da tut, mit Beitragsgeldern finanziert werden muss. Natürlich muss es. Eine muss doch alles wissen in diesen unsicheren Zeiten. Eine muss doch nach vorne blicken. Sibylle Weischenberg hat das Rezept dazu sehr fein zusammengefasst in einem Kommentar zum Tod von Karl Lagerfeld. „Er war nie jemand, der zurück guckt, er war jemand, der nach vorne guckt, aber ganz bewusst im Hier und Jetzt gelebt hat“, wusste sie damals zu sagen.

Sie weiß halt, was sie weiß, und das ist mehr als andere jemals wissen werden. Ehrlich gesagt fürchte ich mich nicht vor dem Tod, aber ein bisschen fürchte ich mich davor, dass Sibylle Weischenberg mich überleben könnte und nach meinem Ableben allen verrät, wie ich wirklich war. Deshalb vorsichtshalber mal: Kniefall vor einer ganz großen des bunten Gewerbes.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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