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Das Hoff zum Sonntag

Rezo und die neue Dimension: Die Zerstörung der Idylle

 

Mehr als zehn Millionen Aufrufe zählt mittlerweile das Video, in dem der Youtuber Rezo fast eine Stunde lang mit der CDU abrechnet. Seither lässt er die etablierten Medien so alt aussehen wie sie wohl schon lange sind, findet Hans Hoff.

von Hans Hoff
26.05.2019 - 07:00 Uhr

Vielleicht werden sich die Menschen irgendwann mal an dieses Maiwochende vor der Europawahl 2019 erinnern und sagen: Da ging es los. An einem Samstag war es, da hat Rezo sein „Die Zerstörung der CDU“-Video hochgeladen, nach eigenen Angaben das Ergebnis von Hunderten Stunden Recherche. Erst hat das niemand bemerkt, weil die Welt gerade mit anderen Videos beschäftigt war. Das Strache-Video ließ nicht nur Österreich beben, und die mangelhafte Madonna-Performance erschütterte die ESC-Gemeinde nicht nur in Tel Aviv. Da half es nicht, dass Straches Kumpanen von Fälschung sprachen und Madonna bei YouTube eine nachgebesserte Version ihres erbärmlichen Auftritts nachschob. Beide Stories waren in der Welt, und beide Stories haben eben diese Welt verändert. Vielleicht nicht viel, aber sie haben den Lauf der Dinge ein kleines bisschen in eine andere Richtung gelenkt.

Dass Rezos Video die Welt verändern würde, war zum Wochenbeginn noch nicht absehbar, aber dann, als die Aufmerksamkeit um Strache und Madonna abebbte, türmte sich die Rezo-Welle auf, und sie türmte sich sehr hoch auf. Am Freitagmorgen hat das Video die Sieben-Millionen-Marke durchbrochen, und heute Morgen waren es schon mehr als zehn Millionen.


Das ist eine Dimension, die vorab kaum jemand für möglich gehalten hätte, und mehrere Dinge sind in diesem Zusammenhang höchst bemerkenswert.

Da ist zum einen die Recherchetiefe, mit der ein bislang politisch eher unauffälliger YouTuber aufwartete. Mit 13 Seiten voller Links belegt Rezo das, was er sagt. Natürlich stimmt nicht alles, was er da behauptet, aber Rezos Belege bieten eine gute Grundlage für eine weitergehende Recherche, die in manchen Fällen auch zu der Erkenntnis führen kann, dass er manche Dinge schon sehr einseitig darstellt.

Zum anderen ist es die pure Länge und die Geschwindigkeit, mit der Rezo hier auftrumpft. 55 Minuten sind in Videozeiten eine sehr epische Länge, erst recht, wenn sie in einer Geschwindigkeit präsentiert werden, die manchen Formel-1-Fahrer als Schnecke demaskiert. Wie viele der Millionen Klicks auf den vollständigen Konsum des Videos hinweisen, lässt sich schwer sagen, aber selbst wenn nur zehn Prozent der Klicker bis zum Schluss durchgehalten haben, ist das immer noch eine imponierende Zahl.

Zum dritten ist da die Wucht, mit der dieses Video auf den Zuschauer einprasselt. Wer diese 55 Minuten am Stück gesehen hat, braucht danach erst einmal Wellness-Urlaub und muss sich erholen. Das mindert natürlich die Aufnahmebereitschaft für Gegenargumente. Diese Taktik der Überwältigung ist ein rhetorisches Standardwerkzeug, man kann das beispielsweise bewundern bei Pressekonferenzen, wo die anwesenden Journalisten so lange mit Unmengen von Infos und Statements zugeschüttet werden, bis ihnen jegliche Kraft zum Formulieren eigener Fragen entzogen ist.

Zum vierten stellt sich die bange Frage, was denn wohl wäre, wenn Rezo nicht zu den Guten gehörte. Was, wenn irgendein Neurechter mit genau dieser Wucht und genau dieser Recherchetiefe angetreten wäre und genau diese Welle ausgelöst hätte? Wo stünden wir dann? Würden wir in solch einem Fall genauso bewundernd auf den Macher gucken und auf die Hilflosigkeit seiner Opfer?

Zum fünften geht es um genau diese Opfer, und anders kann man die CDU in diesem Fall nicht bezeichnen, denn das Rezo-Video hat verblüffend vorgeführt, dass die großen Parteien keine Antworten auf die in dieser Form gestellten Fragen haben, dass sie regelrecht überrollt wurden. Mit Entgegnungen taten sie sich schwer. Wie die CDU erst rumeierte, dann mehrere Eigentore schoss (Ziemiak beschimpft Rezo, AKK brabbelt von sieben Plagen, Amthors Entgegnungsvideo wird angekündigt und nie gesendet, geklaute ARD-Videos finden sich auf der Homepage) und schließlich in großer Hilflosigkeit ein elfseitiges pdf-Dokument ins Netz stellte, das nur noch am Rande zur Kenntnis genommen wurde, zeigte, dass man eine gestandene Partei dieser Tage schlichtweg überrumpeln kann. Da halfen auch einige Videos von engagierten Jungmitgliedern von CDU- und mitangeklagten SPD-Angehörigen wenig.

Zum sechsten sind da die Auswirkungen auf die Europawahl. Nun sind jene, die zu Rezos Fans gehören, ziemlich wahrscheinlich ohnehin nicht in der Riege der CDU-Wähler zu finden. Trotzdem könnte das Video sich toxisch auf das Wahlergebnis der CDU auswirken, denn Rezo hat seine Zuschauer ausdrücklich gebeten, doch mal beim Papa und Mama und bei Oma und Opa anzuklopfen und dort deutlich zu machen, dass es nicht so glücklich ist, wenn man weiterhin die Altparteien wählt und junge Gruppierungen wie Die Partei oder Volt außen vorlässt. Niemand kann die ganze Welt auf einen Schlag verändern, aber wenn Enkelchen dem Opa klarmachen, dass er doch bitteschön daran mitwirken solle, die Welt für seine Nachkommen erlebbar zu erhalten und nicht Entscheidungen zu treffen, deren Folgen er selbst nicht mehr ausbaden muss, dann kann das Wirkung zeigen. Mehr dazu nach 18 Uhr.

Zum siebten wäre da das Aufheulen jener zu nennen, die sich immer noch als Gatekeeper gerieren. Das Aufheulen des FAZ-Leitartiklers spricht die Sprache des in der Seele verwundeten Machthabers, der sieht, wie ihm die Deutungshoheit aus den Händen gleitet. Die Wut, mit der er nun maximalempört austeilt, zeugt von einer Angst, die der in der CDU-Zentrale herrschenden mindestens ebenbürtig ist.

Zum achten und letzten ist da nochmal die große Verwunderung über die Wucht des Videos, diesmal allerdings gepaart mit der Frage, warum in Dreiteufelsnamen kein Fernsehsender auch nur ansatzweise etwas Ähnliches hinbekommt. Ich meine jetzt nicht die politische Botschaft, die muss es nicht zwingend sein. Ich meine wirklich die Wucht der Präsentation. Es muss ja nicht gleich ein 55-Minuten-Format sein, es reichte ja schon, wenn es hier und da eine Rubrik in einer Sendung gäbe, von der man aufgrund des gezeigten Engagements ähnlich angefasst würde wie von Rezos Video. Spätestens jetzt müssten doch in den Sendern die Glocken klingeln, müssten Redakteure wach werden und sagen: Das wollen wir auch, das können wir auch. Wo hatten wir nochmal unseren Ehrgeiz vergraben? 

Sollte dieses indes nicht geschehen, was sehr wahrscheinlich ist, dann könnte dieser Mai 2019 nachhaltig in die Geschichte eingehen als eine Zeit, in der Videos den Lauf der Geschichte drehten und die etablierten Medien so alt aussehen ließen wie sie wohl schon lange sind. Nicht weit gedreht, nur ein bisschen, aber manchmal reicht es halt schon, wenn ein Schneeball nur ins Rollen kommt. Der Rest wird dann auf dem Weg ins Tal erledigt.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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