© ARD/BR/Christian Hattesen
Das Hoff zum Sonntag

Ein Kreuzfahrt-Werbefilmchen im Nachmittagsprogramm

 

Unzählige An- und Ablegemanöver hat er schon gesehen. So wie Hans Hoff geht es vielen Zuschauern, die täglich bei "Verrückt nach Meer" im Ersten einschalten. Dass die Doku-Reihe erstaunlich nah rankommt an Kreuzfahrt-PR, scheint kaum einen zu stören.

von Hans Hoff
08.09.2019 - 08:15 Uhr

Bin ein bisschen verrückt nach Meer? Ich unternehme auf jeden Fall zurzeit eine televisionäre Kreuzfahrt nach der anderen. Scheiß auf Schwerölverbrennung und miese Behandlung des Unterdeckpersonals, who cares about Overtourism und Steuervermeidung durch Ausflaggung. Ich gebe mir alles, werktäglich. Immer wieder. 16:10 Uhr. Im Ersten. "Verrückt nach Meer".

Ich sehe dort die Welt und bin umgeben von lauter Leuten, die mir als superinteressant verkauft werden, die in jedem Hafen am laufenden Band entdecken, genießen und erkunden. Sie wollen immer das Ursprüngliche im jeweiligen Land kennenlernen. Doch, so sagen sie das in dieser Reihe, die brav und liebesdienerisch dem Kreuzfahrtboom hinterherschippert, also dem clever vermarkteten Drang älterer Menschen, ihren Urlaub in schwimmenden Hochhäusern zu verbringen.

Jeden Tag sendet die ARD am Nachmittag eine Folge, und es ist komplett wurscht, dass gerade steinalte Folgen von 2017 laufen, weil eh alle Folgen in der Struktur gleich sind. Im Prinzip könnte man auch eine einzige Folge täglich wiederholen, die wenigsten der Zuschauer würden es merken, weil die Abläufe sich ähneln, egal, wo das Schiff gerade fest macht.

Das verdient schon fast wieder Respekt, eine Reihe zu konzipieren, die so nah an der Kreuzfahrt-PR entlangschrammt, dass man manchmal meinen könnte, die einzelnen Folgen würden von einer Reederei bezahlt. Oder von Reiseprospektherstellern, die alle Texte aus den Sendungen problemlos in ihre Kataloge übernehmen könnten.

In "Verrückt nach Meer" ist eine Kreuzfahrt übrigens immer eine höchst individuelle Angelegenheit. Meist sieht man Menschen, die allein oder zu zweit mit einem Guide auf Entdeckertour gehen und bei irgendeinem Eingeborenen das Töpfern zu erlernen versuchen. Natürlich in einem Crashkurs, der meist genau so lange dauert wie das Kamerateam gerade Zeit hat.

Man sieht keine Busflotten, die all die vom Schiff herabströmenden Touristenmassen aufsaugen und zur nächsten Attraktion verklappen, man sieht keine Menschengruppen, die von Nummernstöckchen tragenden Anführern durch überfüllte Altstädte getrieben werden, man sieht bei "Verrückt nach Meer" beinahe ausschließlich nur Einzelne oder Pärchen, die durch die Landschaft stolpern und sich aufgrund der Jochen-Schweizer-artig inszenierten Events, deren Preis man fast nie erfährt, dauergeflasht geben. "So schön", sagen sie gerne oder "Schon toll hier." Ist ja Urlaub, und da darf ruhig ein Klischee das nächste überholen. "Hier kommt man zur Ruhe", behaupten die Ausgeschifften allen Ernstes, und man fragt sich prompt, wie sie daheim wohl leben, wenn dieser touristische Rummel sie derart zur Ruhe kommen lässt.

Dazu hört man naheliegende Musik, also irgendwelches Pianogeklimpere aus der Richard-Clayderman-Klasse oder Geigengesülze, das selbst André Rieu als zu kitschig aussondern würde. Die Off-Stimme kommentiert dabei in just jenem betulichen Onkelton, den man sonst nur aus den Zoo-Pseudodokus kennt, was zur These führt, dass auch diese televisionären Schiffereien irgendwie Zoo-Dokus sind. Nur halt mit Menschen und auf dem Meer, wo alles schön ist, fast immer. Aber manchmal ist es auch ganz dolle schlimm.

Einmal auf den Malediven hat jemand tatsächlich auch einen Umweltschützer besucht, der sich Sorgen macht um die Zukunft der Natur. Alle haben sie da zustimmend genickt, als er seine Sorgen formuliert hat. Von den Abgasen, die das in der Nähe dümpelnde Kreuzfahrtschiff derweil absonderte, war natürlich keine Rede. Auch nicht von den prekären Arbeitsverhältnissen an Bord.

Es wird stets im Subtext die Botschaft vermittelt, dass die Arbeit an Bord schwer ist, aber zu schaffen. Meist sind es Deutsch sprechende Mitarbeiter, die als Protagonisten kleiner Rührstücke ausersehen sind. Jene, die für Drecksarbeiten eingeteilt sind, kommen nur am Rande vor und bleiben meist unsichtbar in der Tiefe des Schiffsrumpfes, was man mit viel gutem Willen durchaus als realistische Darstellung durchgehen lassen könnte, denn schließlich sind die schlecht bezahlten Reinigungskräfte auch für die normalen Passagiere unsichtbar.

Ich weiß nicht, wie viele An- und Ablegemanöver ich schon bei „Verrückt nach Meer“ gesehen habe. Ich weiß jetzt, dass es nie einfach ist, das riesige Schiff am winzigen Kai festzumachen. Aber der tapfere Kapitän und seine Crew schaffen es dann immer wieder. Diese tollen Hechte.

Wäre ich Kreuzfahrtveranstalter, ich würde mir umgehend die Rechte an dieser Reihe sichern. Besseres Werbematerial gibt es nicht. So kritikloses, so blutleeres, so profilloses Fernsehen mit einem derartigen Werbepotenzial muss man sonst lange suchen.

Kaum vorstellbar, dass die ARD für diese Kreuzfahrt-Werbefilmchen tatsächlich Geld bezahlt haben soll. Folgt man den Bildern und klopft sie ab auf Relevanz, auf eine Botschaft jenseits von "Mach doch auch mal eine Kreuzfahrt", dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass die ARD eigentlich Geld bekommen müsste für diese Meer-Märchen. Um es mal ganz klar zu sagen. Gegen jede "Verrückt nach Meer"-Folge geht eine "Traumschiff"-Episode als knallhart investigatives Format durch.

Ich schaue das trotzdem sehr gerne. Weil es so komplett unterfordernd ist, so einfältig, so billig, so seicht. Das lädt immer wieder ein, sich vom nicht vorhandenen Inhalt abzukoppeln und zu meditieren, einen Bewusstseinszustand zu erreichen, der an Schwerelosigkeit erinnern sollte, sich treiben zu lassen von dieser Belanglosigkeit.

Und, um es ganz ehrlich zu sagen, "Verrückt nach Meer" ist auch ein großer Beitrag zum Umweltschutz. Wer das ein paar Mal wachen Auges angeschaut hat, kann nur zu dem Schluss kommen, dass er künftig besser zu Hause bleibt. Weil er schon alles kennt. Und wenn es denn doch mal in die Ferne gehen muss, dann nur zu Fuß, mit der Bahn oder mit dem Auto. Notfalls auch mit dem Flugzeug. Nur nie, und ich sage sonst niemals nie, nie, nie, nie mit einem Kreuzfahrtschiff. Nie, nie, nie. Greta Thunberg steh mir bei!

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

Teilen