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Das Hoff zum Sonntag

So reagiert Andrea Kiewel auf Lug und Trug

 

Oft halten Überschriften nicht das, was sie versprechen. Achtung: In diesem Fall könnte das genauso sein. Hans Hoff beschäftigt sich in dieser Woche mit einem Virus, der inzwischen zunehmend auch seriöse Medien ergreift. Über die Sucht nach Klicks...

von Hans Hoff
15.09.2019 - 10:28 Uhr

Und, heute schon betrogen worden? Schon auf falsche Versprechungen reingefallen? Oder einfacher gefragt: Heute schon irgendwo reingeklickt? Lautet die Antwort ja, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass der oder die Ja-Sager/in bereits einmal, wenn nicht gar mehrere Male belogen wurde. Nicht gravierend, aber hier ein bisschen und dort ein bisschen. Einzeln nicht schlimm, in der Masse eine Seuche. 

Es ist die Rede von Überschriften, Vorspännen und Teasern, die etwas behaupten, das dann im Text selber nicht eingelöst oder gar entkräftet wird. Es geht um Inhalte, von denen findige Redakteure meinen, dass diese, also die Texte, nicht die Redakteure, dringend mal ordentlich durchgeklickt gehören.

So war kürzlich in der Headline einer Regionalzeitschrift zu lesen, dass Passagiere unkontrolliert in den Sicherheitsbereich des Düsseldorfer Flughafens gelangt waren. Weiter unten erfuhr man, dass das keineswegs so wie lauthals beschrieben abgelaufen ist, dass die Passagiere vielmehr lediglich einen besonders abgeschirmten Bereich betreten durften, dass also die Überschrift grundfalsch war. „Wenn die Queen das sieht. Peinliche Sex-Szene von Meghan Markle aufgetaucht“, lautete ein weiterer Teaser, mit dem der User tiefer in die Klick-Hölle gelockt werden sollte. Diesmal in einer Boulevardpostille. Dahinter verbarg sich eine Uraltszene von 2008, in der angedeutet wurde, dass eine Schauspielerin in ihrer Rolle so getan hatte, als würde sie einem Kollegen in dessen Rolle einen blasen. Sie hat also getan, was eine Schauspielerin allgemein tut. Sie hat so getan als ob.

„Doch eine Frage bleibt offen“, steht nun oft im Vorspann eines Textes. Antwort nach dem nächsten Klick. Oder man stößt auf eine Schlagzeile mit Bild, auf der behauptet wird: „So sieht XY heute nicht mehr aus.“

Dies sind nur einige schnell herbeigeklickte Beispiele für die von der Yellowpress herübergeschwappte Unkultur der halb oder komplett falschen Versprechungen. Bei den Drecksblättern aus dem Regenbogenwald ist man ja gewohnt, dass sie mit Lug, Trug und bewusstem Verschweigen arbeiten, dass in der Regel das Gegenteil dessen, was sie vollmundig in die Welt posaunen, wahr ist. Die Übermedien-Rubrik „Topf voll Gold“ listet regelmäßig die übelsten Beispiele auf und sieht sich beim unermüdlichen Aufdecken der traurigen Tatsache gegenüber, dass sich auch durch jahrelanges Benennen der Missstände exakt nichts ändert.

Mehr Sorge bereitet nun das massive Herüberschwappen dieser üblen Praxis in die einst als seriös geltende Zeitungswelt, die digital nach Entfaltungsmöglichkeiten sucht. Es geht nicht unbedingt nur um die naheliegende Infizierung der einschlägigen Boulevardblätter. Bei denen erwartet man ja kaum noch, dass die Meldungen mit irgendeiner Wahrheit irgendetwas zu tun haben könnten. Nein, auch in Angeboten, die einst als durchweg seriös galten, tauchen immer häufiger Überschriften auf, die Informationen bewusst weglassen, um den geneigten Kunden zum Weiterklicken zu bewegen.

Eine gute Zeile sage, worum es gehe, verrate aber nicht alles, was der Text hergebe, hieß es kürzlich in einer Podiumsdiskussion mit Chefredakteuren einst als seriös anzusehender Blätter. Man dürfe nur nichts versprechen, was der Text dann nicht hergebe. Das Zuspitzen indes sei aber durchaus etwas, das sich auch im normalen Journalismus bewährt und dort seine Berechtigung habe. So, so, das Zuspitzen. So heißt das jetzt, wenn man Leser hinters Licht führt. 

War das Netz nicht einst das Medium, das sich rühmen durfte, keinerlei Platzbeschränkung mehr zu unterliegen? Wie hat man über die Papierzeitungen gelästert, die sich eine kurze Überschrift basteln mussten und in der Unterzeile knapp erklärten, worum es im Text geht. Das wurde als Dinosaurierkultur gebrandmarkt, weil die Verknappung angeblich im Netz keinen Sinn mehr mache. Dort könne man so viel schreiben, wie man wolle, wenn man es denn für nötig erachte.

Nun ja, eine Weile funktionierte das vielleicht so lala, aber inzwischen hat sich der Trend offensichtlich umgekehrt. Nun dominieren im Netz die aphrodisischen Lockstoffe, dargestellt durch bewusste Informationsverknappung, die Minimierung von Überschriften-, Unterzeilen- und Vorspanninformation. Um den Kunden zum nächsten Klick zu bewegen, muss inzwischen zwingend mindestens eine Frage offen bleiben, muss unbedingt ein Rätsel im Ungelösten verharren. „Kehrt er zum politischen Talk zurück, oder bleibt es beim Weinanbau?“, fragte Ende August die einst ehrwürdige FAZ im Lockvorspann eines Günther-Jauch-Interviews. Die Antworten im Gespräch waren so ernüchternd wie man sich denken konnte: Erstens: Man weiß es nicht so genau. Zweitens: Nein.

Umfassende und ehrliche Information wird so zu einer immer knapperen Ware, weil halt Klicks die Onlinebesuchszeit verlängern und hinter dem nächsten Klick neue Rätsel lauern.

Das hat verdächtige Ähnlichkeit mit einem Schneeballsystem, das nur so lange funktioniert, wie noch genügend Abhang vorhanden ist, den man hinabrollen kann. Es führt dazu, dass in Überschriften immer größere Versprechungen gemacht werden, dass aber im Gegenzug die Einlösung dieser Versprechungen immer magerer ausfällt. Da von Lug und Trug zu reden, liegt nahe.

Fragen sind dabei lediglich billige Verführungsmittel, mit denen man so tut, als folgten auch Antworten. Natürlich verspricht die Erwähnung einer Frage niemals zwingend eine Antwort, weshalb meist just jenes Gefühl keimt, das einen früher beschlich, wenn man merkte, dass einen der Mobilfunkvertragsverkäufer doch reingelegt hatte.

Eine Variante der kalkulierten Vortäuschung sind die „So“-Überschriften. „So hat XY seine Frau betrogen.“ „So lief der Krach in der Koalition.“ „So will XY die Krise in den Griff bekommen.“ Dazu kommt der Missbrauch der klassischen W-Fragen wer, wie, was, wo, warum, die fast nie beantwortet werden, gepaart mit dreisten „Darum“-Versprechungen. Und dann darf natürlich auch der Klartext nicht fehlen. Wenn man „XY redet Klartext“ liest, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass danach alles folgt, nur kein Klartext. Ein klarer Text dazu hier.

In der an klugen Texten in jüngster Zeit nicht mehr so arg reichen NZZ stand kürzlich doch mal wieder ein kluger Text, einer von Reiner Stadler. Der schrieb treffend über die Mode mit dem „So“: „Gewiss, kein von Aktualitäten getriebenes Medienhaus ist immun gegen Ticks und Moden. Angesichts der Beschleunigung der Nachrichtenzirkulation wächst allerdings die Anfälligkeit gegenüber journalistischen Viren. Die digitalen Messsysteme, welche den Redaktionen den Besucherverkehr laufend vorrechnen, üben ihrerseits einen homogenisierenden Effekt aus.“ 

Stadler prophezeit damit, dass wir über kurz oder lang alle gleich werden, dass wir alle den gleichen Scheiß absondern werden. Dem gilt es entgegenzuwirken. All die Lügen, all die falschen Versprechungen, all die vermeintlichen Rätsel und all die Zuspitzungen weisen letztlich nur in die Irre. Wer so etwas exzessiv gebraucht und sich dann noch Journalist nennt, fügt seinem eigenen Gewerbe großen Schaden zu. Oder wie Andrea Kiewel im hippen Fernsehgartensprech sagen würde: Shame On You.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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