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Das Hoff zum Sonntag

Sky News als Vorbild: Eine Filterblase fürs Fernsehen

 

Der englische Nachrichtensender Sky News bietet seinen Zuschauern neuerdings einen Ableger, der komplett ohne Brexit-Meldungen auskommt. Das könnte ein Vorbild für andere Sender sein, findet Hans Hoff und hat sich schon mal Gedanken gemacht.

von Hans Hoff
20.10.2019 - 10:05 Uhr

Die Meldung, dass es bei den britischen Sky News nun auch den Pop-Up-Channel Sky News Brexit-Free gibt, hat mich diese Woche elektrisiert. Alle wichtigen News gebe es dort weiter, heißt es, nur eben nichts mehr über den Brexit. Bevor nun irgendwer die Frage stellt, ob die wichtigen News noch wichtige News sind, wenn Meldungen über den Brexit völlig fehlen, möchte ich diese Entwicklung erst einmal vorbehaltlos begrüßen.

Warum soll sich meine Filterblase nur im Netz zusammenziehen, warum nicht auch im Fernsehen? Und warum nur für Nachrichten? Wenn man erst einmal damit angefangen hat, Dinge auszusortieren, kann das schnell zur Sucht werden. Dann will man auf einmal immer mehr Dinge wegräumen. Marie Kondō steh mir bei!

Das Mediale folgt damit ja ohnehin nur einem Trend im Lebensmittelhandel, wo inzwischen auf vielen Produkten mehr Stoffe verzeichnet sind, die nicht drin sind, als solche, die drin sind. Ich warte beinahe täglich auf zuckerfreies Salz und salzfreien Zucker. Muss einem doch gesagt werden, was alles nicht drin ist.

Natürlich lässt der Trend noch ganz andere Gedanken keimen. Ich hätte beispielsweise gerne einen ARD-Pop-Up-Channel, der „Hart aber fair“- und Maischberger-Free ist. Auch die Variante Telenovela-Free würde meinen nachmittäglichen Fernsehgenuss durchaus steigern.

Das ZDF hätte ich gerne in der Variante Soko-Free. Das Zweite frei von dümmlichen Fragen der „Wo waren Sie gestern zwischen…“-Klasse, das wäre ein Sender. Im Gegenzug bekämen dann die Soko-Fans die „Aspekte-Free“-Edition.

Eine DIY-Version des Ganzen habe ich mir ohnehin schon angelegt. Meine Favoritenliste enthält nur noch 25 Sender, und ich habe nicht das Gefühl, dass mir irgendetwas entgeht. So etwas kann Leben verändern.

Ich habe das selbst gespürt bei Twitter. Nachdem ich dort vor Monaten mal wieder durch meine Timeline gescrollt bin und mich wegen unglaublich vieler Verbalausdünstungen von Vollidioten alterweißermannmäßig aufgeregt habe, bin ich auf den Entfolgen-Knopf gestoßen. Und was soll ich sagen: Er funktioniert super. Seitdem gilt: Wer meine Mundwinkel gen Boden zieht, wird entfolgt. Nicht lange fackeln, entfolgen, lautet seitdem meine Devise. Twitter = Idiot-Free.

Um mal den großen Tenor Andrea Nahles aus der Band The Bundestag zu zitieren: „Ich mach' mir die Welt / Widdewidde wie sie mir gefällt ...“

Natürlich ist das individuelle Zuschneiden von Realitäten noch längst nicht ausgereizt. Nur setzt da jeder andere Prioritäten. Im Iran soll es einen Musikdienst geben, der von allen Covern die Frauengesichter entfernt. Ich frage mich, ob es die entsprechende Software nicht auch hierzulande gibt mit den Variationen AfD-Free und Trump-Free und Putin-Free.

Irgendwann stoße ich dann in die Königsklasse vor und nutze nur noch Produkte, die frei von allem sind, die also quasi gar nicht existieren. Free-Free müssten die dann heißen.

Bis es allerdings so weit ist, verändere ich mich aber erst einmal händisch. Auf einem Pferdeflohmarkt habe ich ein Paar prima Scheuklappen entdeckt. Die stehen mir ausgesprochen gut, und in der Einstellung „sehr eng“ ist mein Blick fast komplett Idiot-Free. Nur das mit dem Fernsehen ist schwierig geworden, weil Scheuklappen und das 16:9-Format nicht wirklich zusammenpassen.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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