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Das Hoff zum Sonntag

Neues "Brisant"-Studio: Willkommen in der Hölle

 

"Brisant" sendet seit dieser Woche aus einem neuen, virtuellen Studio. Hans Hoff meint: Das ist die Hölle, denn schlimmer kann es nirgendwo sonst aussehen. Das vermeintliche Highlight ist die größte Lachnummer: die Wendeltreppe.

von Hans Hoff
10.11.2019 - 10:00 Uhr

Die katholische Kirche hat es ja mit den Abgründen, in die sie Gläubige stürzen lässt, die vom rechten Weg abgekommen sind. Dazu gab es über die Jahre immer wieder wunderbare Illustrationen. Der niederländische Maler Hieronymus Bosch hat das während der Renaissance wunderbar hinbekommen und in opulenten Gemälden jenen heißen Ort illustriert, der denen vorbehalten bleibt, die nicht so funktionieren, wie es die Kirche gerne hätte. Nun aber ist es Zeit, den Meister Bosch abzulösen, denn es gibt eine neue Illustration der Hölle. Sie heißt nicht so, aber sie kann nicht anders gemeint sein. Es handelt sich um die neue virtuelle Studio-Deko von "Brisant".

In die kann man seit Beginn der Woche jeden Werktag ab 17.15 Uhr eintauchen, und schon nach einer Woche ausgiebiger Testung kann man sagen: Das ist die Hölle, denn schlimmer kann es nirgendwo sonst aussehen.

Nun ist es nicht so, als wäre "Brisant" bislang allzu weit von der Hölle angesiedelt gewesen. Mit einer höchst obszönen Mischung aus blutrünstigem Gaffer-TV und sabberndem Klatsch-Gewäsch und der Dreistigkeit, diesen Mix als Boulevardmagazin anzudienen, entwertet diese Sendung seit Jahren schon den öffentlich-rechtlichen Auftrag und füttert genau jene, die sich fragen, warum sie für so etwas Beitrag entrichten sollen.

Nun ist es müßig, über das zu reden, was da inhaltlich abgesondert wird, aber es ist natürlich bemerkenswert, wenn sich eine Sendung nun auch visuell in das verwandelt, was sie schon immer war: Die Hölle.

Seit Montag stehen die Moderatorinnen in einem Studio mit grünen Wänden und reden ins Leere. Von der sieht man auf dem Bildschirm aber nichts, denn das, was sich auf dem Bildschirm präsentiert ist ein aus dem Rechner gegossenes Übermaß an Farbe, Bewegung und Künstlichkeit. Es wirkt, als habe da jemand einen virtuellen Tuschkasten geschenkt bekommen und darauf den Entschluss gefasst, alle Farben und Formen auf einmal auszutesten. Das Ergebnis hätte wahrscheinlich dem US-Psychologen Timothy Leary große Freude gemacht. Der hat in den 60er Jahren mit bewusstseinserweiternden Drogen wie LSD experimentiert, und es ist davon auszugehen, dass er damals auf Trip ungefähr das gesehen haben dürfte, was "Brisant" seit Montag bietet.

Kern des neuen Designs ist eine Wendeltreppe, die sich am Rand der Moderationsfläche befindet. Sie ähnelt, je nach Perspektive, entweder einer DNA-Helix oder einem sich aufbäumenden Drachen. Als wäre das nicht genug, hat man die Wände übersät mit wabernden Linien, die ein bisschen an die Isobaren erinnern, die man von der Wetterkarte kennt. Mit dem Unterschied, dass sich diese Isobaren bewegen und über die Wände wabern, was mehrfach den Eindruck hinterlässt, man befinde sich im Behandlungsraum eines Hypnotiseurs.

Einmal haben sie auf die Wände auch die Niagarafälle projiziert, und kurz war man versucht, der Moderatorin einen Schwimmreifen zuzuwerfen und zu rufen "Rette dich", aber dann erinnerte man sich, dass die Frau bei "Brisant" arbeitet und ihre Seele ohnehin schon an der Pforte abgegeben haben dürfte.

Ein anderes Mal stand sie direkt neben einem verkohlten und zerschossenen Autowrack, in dem in Mexiko mehrere Menschen erschossen worden waren. Das sollte wohl signalisieren, dass man bei "Brisant" ganz nah dran ist an den aufregenden Sachen, die in der Welt des Verbrechens passieren. Wahrscheinlich stimmt das sogar, nur eben ganz anders als es die Macher dieses Fernsehverbrechens wohl annehmen.

Der große Höllenhit ist aber letztlich doch die Wendeltreppe und das, was sie mit ihr angestellt haben. Zum Start gab es nämlich regelmäßig ungefähr in der Mitte der Sendung jenen Augenblick, da sich die Moderatorin neben der Treppe von der eben lustvoll zelebrierten Blaulichtberichterstattung verabschiedete und "Jetzt geht es die Treppe hoch" sagte, also ankündigte, dass es nun hinauf in die Welt von "Brisant Prominent" gehen sollte.

Ein kurzer Trennerjingle mit Bildern von Heidi Klum und George Clooney lief dann, und, huppps, sollte man denken, die Moderateuse stehe nun auf einer anderen Ebene. Man ahnte, was die Macher damit bezwecken wollten, aber man war jedes Mal wieder ergriffen, wie gnadenlos schlecht dieser Fake funktionierte. Man muss da gar nicht erst die Frage erörtern, ob man mit Promi-Klatsch und dem ganzen Society-Gekröse nun einen Stock höher als der sonst übliche Unfall-Schicksal-Blut-Voyeurismus rangiert, oder ob man nicht doch besser gleich im Keller moderieren sollte, um die Niveauabsenkung zu bebildern. Man kann auch so sagen, dass dieses Getue nicht funktioniert hat, nichts weiter war als albernes Geklimper mit den Juwelen aus dem virtuellen Tuschkasten.

Noch in der Vorwoche hatten sie bei "Brisant" das neue Studio groß angekündigt und von "großen Bildmöglichkeiten" geschwärmt. "Wir sind sehr mutig", hatte es geheißen. Beides ist sehr wahr, denn es gehört schon sehr viel Mut dazu, neue technische Möglichkeiten mit dem größtmöglichen Dilettantismus anzugehen und derart grandios zu scheitern. Man sollte sich das jetzt schon Mal merken, wenn es zum Jahresschluss darum geht, die besten Fernsehunfälle zu summieren.

Immerhin keimte am Donnerstag und Freitag ein bisschen Hoffnung, als sich die Moderatorin den Passus sparte, bei dem sie so tut, als gehe sie die virtuelle Treppe rauf. Sollten sie tatsächlich gelernt haben bei "Brisant"? Möglich wäre es ja. Aber dieses Learning mindert trotzdem nicht den katastrophalen Gesamteindruck.

Gerne moderiert man bei "Brisant" Beiträge betont locker an. "Aus der Rubrik: Na, das hätte aber mal richtig ins Auge gehen können", heißt es dann. Das möchte man nach einer erlittenen Woche Sendungsverfolgung glatt umdichten. Tataaaaaa! Tusch! "Ladies and Gentlemen. Aus der Rubrik: Das ging aber mal so richtig ins Auge." Und in die Hölle sowieso.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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