© Filiz Serinyel Photography
Das Hoff zum Sonntag

Ich möchte so sein wie der Mann von Charlotte Roche

 

Unser Kolumnist Hans Hoff hat einen neuen Helden: Er hört auf den Namen Martin Keß und ist der Mann von Charlotte Roche. Gemeinsam betreiben sie den Spotify-Podcast "Paardiologie", der spannende Einblicke bietet - und eine Botschaft übersendet.

von Hans Hoff
01.12.2019 - 00:01 Uhr

Kann ich jemanden für den Friedensnobelpreis nominieren? Doch bestimmt, das geht. Das muss gehen, denn ich habe einen Kandidaten, der übertrifft die friedensstiftenden Qualitäten von Mutter Teresa, Gandhi und Nelson Mandela um Längen. Er ist quasi der personifizierte Friedensengel, ein Seelenkapitän, der auch in der stürmischsten See die Ruhe bewahrt und immer ein Auge auf den Kompass hat.

Die Rede ist von Martin Keß. Der war früher mal bei Brainpool unter anderem verantwortlich für die Produktion von Stefan Raab und allerlei sonst. Heute betreibt er eine Kaffeerösterei in Köln und gilt allgemein als erfolgreicher Unternehmer.

Nebenbei hat er auch einen Podcast. Den betreibt er bei Spotify mit seiner Ehefrau, und die heißt Charlotte Roche. „Paardiologie“ lautet der Titel dieses Audioprodukts, das sich im Prinzip um nichts anderes dreht als die Beziehung zwischen Keß und Roche. Meist sitzen die beiden sich in einem Kabuff ihres Hauses gegenüber und bekakeln eine runde Stunde lang, was in ihrem Gefühlshaushalt in Ordnung ist und was nicht stimmt. Sie lassen die Hosen sehr weit runter und machen sich damit öffentlich nackig. Aber, und das ist wichtig, nach allem, was bisher von den beiden zu vernehmen war, meinen sie es wirklich ehrlich.

Nachdem ich 23 Folgen dieses offenbar sehr erfolgreichen Podcasts aufmerksam gehört habe, fühle ich mich aufgrund der mir verabreichten Intimität quasi als passives Mitglied dieser Kleinfamilie. Ich kenne mich aus im Duett von Keß und Roche, ich weiß vom Hören, wann wer von den beiden rot anläuft, sich aufregt, traurig wird, oder wann es an der Zeit ist, die beinahe hauseigene Psychologin Dr. Amalfi zu konsultieren.

Man tut Charlotte Roche wahrscheinlich nicht unrecht, wenn man sie als ein wenig überdreht bezeichnet. Man kennt sie als eine, die gerne mindestens die volle Dosis braucht, gerne aber auch mal das Übermaß genussvoll bestellt und dann dumm aus der Wäsche schaut, wenn es ihr zu viel wird.

Dann kommt Martin Keß ins Spiel, oder Marty, wie sie den Gatten ab und an nennt. Marty ist der personifizierte Geduldsfaden, aus Stahl gestrickt. Da kann nichts reißen. 

Wie dieser Mann mit seiner Frau umgeht, wie er sie immer erst einmal aushält, ihr freien Lauf lässt, wie er schluckt, was sich nicht mehr ausspucken lässt, das hat all meine Bewunderung. Diese stoische Ruhe, die er ausstrahlt, wenn seine Liebste gerade mal wieder heftig einen an der Klatsche hat, das ist unfassbar. Wie kann ein Mann das aushalten mit dieser Frau, wie kann er sie dabei noch liebbehalten?

Wer Roche jüngst bei Joko und Klaas gesehen hat und darüber staunen durfte, dass sie sich Fleischerhaken durch die Rückenhaut treiben ließ, um derart „gesichert“ einen Bungeesprung zu absolvieren, der hat keinen falschen Eindruck von ihrer unbedingten Abenteuerlust.

Im Prinzip ist Roche wie ein hibbeliges Kind, das sich nichts verbieten lässt. Sagt jemand dem Kind, dass die Herdplatte sehr heiß ist und dass es möglichst davon fernbleiben soll, dann geht das Kind gerade zum Herd und legt seine Hand auf die glühende Fläche.

Das Schöne an Roche ist, dass sie immer bereit ist, die Folgen ihres Tuns zu tragen, sich auch einzugestehen, dass sie falsch liegt oder lag. Gerade hat sie dem Drang nachgegeben, sich unbedingt bei Tinder anzumelden. Sie wusste nicht wirklich, was sie dort wollte, aber sie wusste, dass sie dahin musste, denn eine Welt, in der Charlotte Roche nicht selbst die Hand auf die Herdplatte gelegt hat, ist keine Welt. Martin Keß hat das mitangesehen. Er hat hörbar geschluckt, aber er hat das ausgehalten.

Man kann vorsichtig formulieren und sagen, dass Roche eine komplizierte Person mit einem zu schwach ausgebildeten Selbstwertgefühl ist, dass sie ständig Bestätigung sucht und braucht.

Genau da kommt Keß ins Spiel. Er liebt Charlotte Roche, und sie liebt ihn, so gut sie das halt hinkriegt. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Keß es schwerer hat mit Roche als Roche mit Keß. Aber vielleicht schreibe ich das nur, weil ich ein Mann bin.

Ich bin aber nicht nur ein Mann, sondern gleichzeitig auch der erste Vorsitzende des Martin-Keß-Fanclubs. Ich bewundere diesen Mann für seine Engelsgeduld, für seine Buddha-haftigkeit, für sein stoisches Wesen. Was der auszuhalten in der Lage ist! Ich möchte auch so sein. Ich möchte auch derart in mir ruhen, niemals so explodieren, wie ich das leider viel zu oft tue. Ich möchte so gerne Keß sein. 

Ich glaube, dass die beiden sehr viel Gutes getan haben für Menschen, die sich lieben, aber immer glauben, sie kriegten es nicht hin miteinander. Denen haben Keß und Roche eine Botschaft übersandt. Ihr kriegt es hin, wenn ihr euch so liebt, dass ihr bereit seid, den anderen so auszuhalten wie er ist. Und wenn ihr euch so aushaltet wie ihr seid, dann liebt ihr euch auch. 

Ich selbst habe da durchaus Parallelen zu meinen Erfahrungen entdeckt. Ich habe viel gelernt von den beiden und habe oft einen neuen Standpunkt entdeckt, selbst wenn es manchmal nur die Tatsache war, dass ich es so wie die beiden auf keinen Fall machen will.

Und natürlich habe ich inzwischen auch erkannt, dass Keß so eine Wilde, Wirre, Irre wie die Roche braucht, weil sie sein Leben, das sonst sehr eremitisch verliefe, immer wieder auf links krempelt. Dass es dabei ab und an auf die Fresse gibt – geschenkt. Das gehört dazu in einer guten Beziehung. 

Ich stelle also hiermit offiziell den Antrag für die nächste Verleihung des Friedensnobelpreises. Mein Kandidat heißt Martin Keß, und ein bisschen nominiere ich auch Charlotte Roche mit, weil sie diejenige ist, die ihm die Ruhe abverlangt. Was wäre er ohne sie? Was wäre sie ohne ihn? Die Wechselwirkung der Liebe. Schön erzählt. Das ist „Paardiologie“. 

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

Teilen