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Das Hoff zum Sonntag

"Switch Reloaded": Soll man lachen oder weinen?

 

Sat.1 zeigt jede Woche ein Stück exzellente Medienkritik - und zwar in Form von Wiederholungen von "Switch Reloaded". Die einst mit so viel Liebe zum Detail gemachte Sendung entlarvt auch, wie behäbig das Fernsehen unserer Tage ist.

von Hans Hoff
08.12.2019 - 10:01 Uhr

Mist, schon wieder verpasst! In der Nacht von Freitag auf Samstag liefen sie, die Wiederholungen von "Switch reloaded". Aber keine Angst, es kommen neue alte Folgen. Nächsten Freitag irgendwann zwischen kurz vor Mitternacht und vier Uhr morgens. Dann läuft das beste ProSieben-Programm, das Sat.1 derzeit zu bieten hat.

Natürlich kann man die alten Folgen von "Switch reloaded" auch online schauen, aber das hat dann halt nicht den Reiz des Echten, das riecht nach Retorte. Am besten ist es doch, man gerät da zufällig rein, weil man halt vom Freitagsnachtklubeinsatz spät nach Hause kommt und schaut, was da noch läuft, und prompt steht man mitten drin in einem Stück Weltkulturerbe, im alternativen deutschen Fernsehmuseum.

Sat.1 tut sich damit allerdings keinen Gefallen, weil das, was die Sendergruppe dieser Tage so absondert, im Vergleich eher bescheiden ausfällt. Es ist daher sehr verständlich, dass der Sender die Wiederholungen im nächtlichen Abseits versteckt. Ja, er versteckt sie nicht nur, er flankiert sie auch noch regelmäßig mit möglichst schlechtem Programm, also mit Wiederholungen von "Die dreisten Drei" und dem abgrunddämlichen "Sechserpack", beides Produktionen, die sehr deutlich belegen, dass humortechnisch früher keineswegs alles gut war, dass manches sogar so schlecht geriet, dass man sich heute noch fragt, wie so etwas jemals das Sendelicht erblicken konnte.

Aber geschenkt, vielleicht haben sie bei Sat.1 ja gedacht, dass der hochkarätige Diamant "Switch reloaded" noch mehr Strahlkraft erhält als er ohnehin schon hat, wenn man ihn nur auf Mist bettet. Andererseits sind diese Wiederholungen von bis zu zwölf Jahre altem Programm aber auch ein bitterer Beleg für die These, dass das aktuelle deutsche Linearfernsehen nicht mehr mithalten kann mit dem, was es einst noch spielend schaffte. Wo ist heute eine Sendung, die es mit "Switch reloaded" aufnehmen könnte?

Bernhard Hoëcker, Michael Kessler, Max Giermann und Martina Hill hießen damals die Stars der Show, und sie waren alle auf der Höhe ihres kreativen Schaffens. Sie waren es, die Maßstäbe setzten, denen sie als etablierte Stars selbst heute nur noch selten genügen. Natürlich hatte Martina Hill inzwischen großen Erfolg bei der "heute-show", mit ihren "Knallerfrauen" und der nach ihr benannten Show; natürlich ist Bernhard Hoëcker bei "Wer weiß denn sowas?" extrem sendungsdienlich; natürlich hat Michael Kessler immer wieder mal den einen oder anderen bemerkenswerten Auftritt, und natürlich ist auch Max Giermann in "Sketch History" oder bei "Extra 3" ein Pfund, mit dem es sich zu wuchern lohnt. Aber was ist das alles im Vergleich zu "Switch reloaded"?

Es muss damals im Studio eine gewisse Magie geherrscht haben. Die Schauspieler waren ihrer eigenen Genialität auf die Spur gekommen und wurden befeuert von Autoren, die offenbar eine irre Freude hatten, nicht nur die Oberfläche zu bespielen, sondern auch im Detail für Sensationen zu sorgen. Dazu kam eine Regie, die sehr genau wusste, was wichtig war und was nicht.

Die Vorstellung, dass so etwas heute noch einmal zustande kommen könnte, erscheint extrem aberwitzig und klingt ein bisschen, als sei sie in einem Science-Fiction-Labor entstanden. Dabei sind ja die Vorlagen besser denn je. All die Manierismen, dieses künstlich Aufgescheuchte, dieses penetrant Überkandidelte, all das liegt ja immer noch täglich und stündlich auf dem Elfmeterpunkt und schreit nach Verwandlung.

Es sendet ja immer noch Markus Lanz, dessen Affektiertheit erst richtig deutlich wird, wenn man die Parodie von Max Giermann sieht. Auch die Eigenheiten eines Harald Lesch hat Bernhard Hoëcker bereits 2012 perfekt auf den Punkt gebracht. Michael Kessler ist als Hitler nachäffender Stromberg ein fettes Pfund, und allein der Move, den Führer-Stromberg am Schluss in die Auswanderer-Pseudo-Doku "Goodbye Großdeutschland" zu verpflanzen, ist noch heute preisverdächtig, weil er so prima zeigt, wie wenig sich an dem parodierten Format in den vergangenen Jahren verändert hat.

Auf sehr besondere Art sind die Wiederholungen von "Switch reloaded" ein Paradebeispiel für exzellente Medienkritik, quasi eine Art aktueller Fernseh-TÜV. Sie entlarven an vielen Stellen, wie behäbig das Programm dieser Tage ist, wie wenig sich bewegt hat, wie sehr etwa die Geissens immer noch genau die Geissens sind, die sie damals schon waren.

Und dann die Kleinigkeiten. Wenn man sieht, wie Martina Hill die "Welt"-Chefmoderatorin Tatjana Ohm in ihrem damaligen Schnellsprech parodiert, dann ist nicht nur das pure Sprechtempo ein Grund, der Schauspielerin zu Füßen zu liegen, es sind auch die kleinen Details am Rande, die immer wieder Freude machen, weil sie zeigen, dass die Macher damals auch an jene Zuschauer gedacht haben, die mehr als nur das Offensichtliche suchen. Während nämlich die Vokalartistin die News runterrasselt, als gelte es den Silbenrekord im Buch der Rekorde zu brechen, sind unten rechts im Bild die Börsenkurse zu lesen. Aufwärts geht es da für Etepetete (+201 %), auch "Rohrverstopfung" hat zugelegt (0,2 %), ebenso wie ROFL LOL OMFG (+2,5 %). Und wenn Hill als ARD-Börsenexpertin Anja Kohl antritt ("Willkommen zur Pörse im Ersten."), dann sieht man im Laufband die Werte für JUXX (-1,5%), Flachs (+3,5%) und Gecks (-15,6%).

Hat man das gesehen, weiß man regelmäßig nicht, ob man lachen oder weinen soll. Weinen wäre angebracht, weil "Switch reloaded" auch zeigt, wer alles nicht mehr dabei ist. Kein Stefan Raab mehr, kein Walter Freiwald mehr, und auch Lafer und Lichter haben sich auseinandergelebt. Vor allem aber gibt der Mangel an ähnlich hochwertigen Programmen Grund zur Trauer. Vielleicht sollte man mal einen Kranz kaufen und an der Sendezentrale von ProSiebenSat.1 ablegen. Gute witzige Ideen für die Beschriftung der Kranzschleife werden gerne entgegen genommen. Notfalls auch vom Ortsverein der SPD.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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