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Das Hoff zum Sonntag

Die ARD-Dritten sind ein Abbild von brutaler Spießigkeit

 

Hans Hoff kann nicht mehr. Er findet, die Dritten der ARD nehmen ihre Zuschauer nicht ernst und so sieht das Programm auch aus. Unser Kolumnist hat aber auch einen radikalen Reformvorschlag zur Güte im Gepäck.

von Hans Hoff
15.12.2019 - 08:46 Uhr

Es ist so schwer zu ertragen. Diese Tantigkeit, dieses televisionäre Biedermeier, diese Abwesenheit von jeglichem Belang.

Die Rede ist natürlich von den Dritten. Nicht von den Zähnen, sondern von den Vollprogrammen, die sich die ARD fürs Regionale leistet, diesen stets nach der Quotensonne der Geriatrie-Galaxis ausgerichteten TV-Satellitenstationen, auf denen all der mit Nichtsnutzigkeit kontaminierte Müll endgelagert wird, den man anderswo nicht brauchen kann.

Angeblich sind die Dritten ja dazu ausersehen, den Menschen ein Fernsehprogramm zu bieten, in dem sich das abspielt, was sich im näheren und etwas weiteren Kreis um sie herum abspielt. Das soll den Föderalismus stärken und verhindern, dass von Berlin aus in alle Länder durchregiert wird.

Nirgends steht allerdings im Auftrag, dass sich die Dritten volllaufen lassen sollen mit einem finsteren Abbild von allerbrutalster Spießigkeit. Sie tun es aber im Über-Akkord, als könnten sie sich nicht satt saufen am ewig Gleichen. Sie sind gut in der Bespaßung von anspruchslosen Rentnern, womit das Schicksal dieser Kanäle auf Dauer besiegelt ist. Sie werden austrocknen, weil das alte Publikum absehbar wegstirbt und sich junge Zuschauer eher einen Rave mit Norbert Walter-Borjans vorstellen können als auch nur drei Minuten im Schlamm dieses medialen Verwesens zu verweilen.

Überall in den Dritten kochen beschwipste Landfrauen, die man umgehend zum Patent anmelden möchte, weil sie auf hochglänzenden Bildern, in antiken Omnibussen und ach so perfekt eingerichteten Bauernküchen so furchterregend patent agieren; überall entdecken irgendwelche Nie-Denker-Gestalten das Land, in dem sie leben, neu; überall werden Interviews geführt, bei denen die Frager sich für nix interessieren oder schon Wochen vor ihrer Frage wissen, was die Antwort sein wird. Zudem wird ständig der einfache Mensch auf der Straße gefragt und auf die Vox-populi-Presse gepackt. Dort wird er dann verhört. „Finden Sie es gut, dass es im Winter so kalt und nass ist?“ Unschwer sind die Antworten zu erraten.

Sollten diese Dritten jemals dazu gedacht worden seien, irgendwie an der Bildungsschraube der Zuseher zu drehen, dann ist dieser Anspruch lange schon auf der Strecke verloren gegangen oder höchstens noch als Restbestand in geschwungenen Reden von Intendanten nachweisbar, die mehrheitlich so tun, als würden sie hohes Kulturgut verwalten, aber in Wahrheit genau wissen, dass sie mit ihrem Dritten nur eine Art Resterampe verwalten. Wenigstens hat Kai Gniffke als neuer Intendant im Südwesten jetzt mal im SZ-Interview angedeutet, das SWR-Dritte ein bisschen aufzugeben, weil man da niemanden mehr aus der Generation U60 erreicht.

Alles in diesen Dritten ist darauf abgestellt, dass sich in der geistigen Provinz, die sie abbilden, nur ja nichts ändern möge. Ständig wird der heimelige Status Quo mit Affirmationskleister überzogen. So soll es sein, so kann es bleiben. So wie es ist, ist es schön. Da geht es den Dritten wie dem deutschen Popsong. Alles Elend.

Dabei ist gar nichts schön in diesen wurscht gewordenen Sendungsansammlungen. Diese Dritten transportieren ein Menschenbild, das schon vor Jahrzehnten in Langeweile erstarrt ist, das nichts so sehr fürchtet wie Ungewissheit, weil die halt immer so wirkt, als breche gleich irgendwer ins Wohnzimmer ein und versuche, die Sofakissen, die den Staub von Generationen in sich tragen, neu zu ordnen.

In den meisten Dritten moderieren vornehmlich Gestalten, die anderswo nicht einmal zum Umkippen von Milchkannen engagiert würden. Penetrant morgenmagazinig gutgelaunt plaudern sie sich heiter durch ihre an Verkaufssendershows erinnernden Daytime-Magazine und geben vor, Wissenswertes zu verbreiten, den Zuschauer klüger zu machen. Einen Dreck tun sie.

Sie produzieren Tantenfernsehen der schlimmsten Sorte. Sie wirken wie Altenpfleger auf Ecstasy, die längst aufgegeben haben, ihre Klientel noch am Leben erhalten zu wollen. Ich wohne im Sendebereich des WDR, ich weiß, woran ich leide.

Natürlich wird in den Dritten alle naselang gekocht. Irgendein Dödel oder irgendeine Dödelin geht da immer rum und erklärt mir, dass Gemüse besser schmeckt, wenn es frisch ist. Und dann findet sich immer jemand, der „Mmmh, lecker“ sagt. Ohne „Mmmh, lecker“ ist eine Kochsendung im Dritten quasi ungültig. Danach rollen dann noch irgendwelche Haushaltsberatungs-Susen  und Suseriche an und erklären, dass man Kleinkinder besser nicht in der Spülmaschine wäscht. Sie sagen das nicht nur, sie sehen meistens auch noch so aus, als hätten sie das höchstpersönlich getestet.

Dazu leistet sich jede Anstalt, wenn sie nicht gerade das Abendprogramm mit „Tatort“-Wiederholungen und das Tagesprogramm mit Re-Runs von „In aller Freundschaft“ und „Sturm der Liebe“ vollkleistert, einen oder mehrere so genannte Comedians, die in ihrer Mehrheit etwa so lustig sind wie ein glühender Nagel, den man sich durch die Fingerkuppe rammt. Da gibt es auch Reaktion, aber hallo.

Die Comedians zeichnen sich weniger durch ihre Witzigkeit aus, sondern vielmehr durch ihre Dauerpräsenz. Hat ein Sender mehrere Comedians unter Vertrag, vor allem welche aus dem originären Sendegebiet, so sind diese verpflichtet, sich andauernd gegenseitig zu besuchen und sich dabei gegenseitig ihrer großartigen Witzigkeit zu versichern. Schaltet man den WDR ein, stößt man spätestens nach drei Minuten auf Torsten Sträter, und im SWR taucht schon nach wenigen Millisekunden Guido Cantz auf.

Zur Standardausrüstung eines gepflegt uninspirierten Dritten gehören neben regelmäßig fahrlässiger Berichterstattung über esoterischen Hokuspokus auch und vor allem Sendung gewordene Reiseprospekte. In denen ist Kritik am Anderswo oder am Reisegewerbe unerwünscht, denn anderswo ist es meist wunderschön, allerdings nur dann, wenn es diese Fremden in Ganzweitweg nicht wagen, höhere Preise als daheim zu verlangen. Im schlimmsten Fall kommen in einer Art interner Crosspromotion dann die Haushaltsberatungs-Susen vorbei und beraten die Reiseprospekt-Trantüten bei der Einschätzung von Speisekarten in Nichtmeinland.

Dümmliches Quiz muss man im Dritten selbstredend auch vorrätig haben, am besten eines mit Jörg Pilawa. Da der aber nicht überall ran kann, müssen die Fragen oft gestellt werden von Typen, die in Sachen Charisma noch unterhalb von Pilawa rangieren. Nur mal auf der Zunge zergehen lassen: Unterhalb von Pilawa.

Eine Talkshow ist gleichfalls wichtig fürs Nichtprofil eines Dritten, weil ansonsten marodierende Promis, die dringend noch ihr Buch oder ihren neuen Film vorstellen müssen, die Gegend um die Funkhäuser unsicher machten. Natürlich bringen die Promis gerne irgendein bitteres Schicksal mit, eines, das Mitgefühl triggert. Oder sie mögen Katzen. Wie süß! Danach darf dann aber auch gerne mal ein Witzchen ausgepackt werden. Man lacht ja gern in Gemeinschaft. Launig, launig. Trallalala. Um es mal klar zu sagen: Die Talkshows in den Dritten sind die Eierliköre unter den Fernsehangeboten. Braucht keiner, machen aber faule Couchkartoffeln satt und fett.

Streng verboten ist in den Dritten überall, in jedem Bundesland, den Zuschauer als vollwertige Persönlichkeit, als freidenkenden Geist oder gar als Intellektuellen zu begreifen. Nein, der Zuschauer ist genau das Dööfchen, das er sein soll. Er ist doof, weil er das guckt, was die da anbieten, und die bieten das natürlich nur an, weil sie den Zuschauer für so doof halten, wie er möglicherweise ist. Henne. Ei. Henne. Problem.

Man könnte die wenigen bemerkenswerten und deshalb erhaltenswerten Sendungen der Dritten ohne Probleme in zwei Stunden am Tag über die Sender bringen. Und weil die ARD gerade wieder jammert, dass sie doch ach so wenig Geld obendrauf kriegt, kommt hier zum zigsten Mal mein Vorschlag zur Güte: Alle Dritten werden als Vollprogramme abgeschafft. Stattdessen unterbricht das Erste täglich zwischen 18 und 20 Uhr sein Programm und schaltet in die Funkhäuser der Länder. Dort stünden dann komprimiert die Qualitäten der jeweiligen Anstalten zur Schau. Der Zwang zur Kürze würde ratzfatz all jene vom Sender verscheuchen, die nur Sendefläche füllen und nichts zu sagen haben.

Natürlich kommen jetzt all die handelsüblichen Transusen an und plärren. „Da gibt es aber doch die und die Sendung, die ist doch...“ Und „Es gibt doch Unterschiede zwischen den Dritten. Nicht alles ist so übel wie der MDR…“ Mimimi. Heult doch, ihr Gelegenheitsdenker! Natürlich gibt es Qualität. Aber die ist nur noch als Resthauch in der DNA der jeweiligen Anstalten nachzuweisen. Anspruch kennt man dort nur noch von den regelmäßigen Tarifverhandlungen und vom Protest, der laut wird, wenn mal wieder jemand wegen gelebter Unkreativität ins Dritte abgeschoben werden soll. „Aber ich habe doch Anspruch auf einen menschenwürdigen Arbeitsplatz“, jammern sie dann. Man möchte dann in Clint-Eastwood-Coolness sagen: „Nein, hast du nicht. Du bist so schlecht, du taugst nur fürs Dritte.“

All diese Pauschalurteile sind natürlich ungerecht und ein bisschen beleidigend, ich weiß. Aber wie soll man denn sonst Aufmerksamkeit für die Missstände in diesen Fernsehen gewordenen Meisenknödeln erreichen? Es tut so weh. Es ist zum Schreien. Ich bin soweit. Edvard Munch kann mich malen.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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