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Das Hoff zum Sonntag

Skype-Allergie: Gebt mir mein Fernsehen zurück!

 

Als Reaktion auf die Corona-Krise brachten zahlreiche Sender eilig zusammengebastelte Shows in Videokonferenz-Qualität an den Start. Doch das bekommt der Zuschauer schon im Internet. Fernsehen muss mehr bieten, meint Hans Hoff.

von Hans Hoff
29.03.2020 - 10:01 Uhr

Ich möchte mein Fernsehen zurück. In HD bitte. Ich möchte fette Bilder. Gimme back my shiny Floor. Gebt mir irgendetwas, für das ich mir meinen Superduper-Flatscreen angeschafft habe. Satte Farben, klare Konturen und Eleganz im Schnitt. Gebt mir mein Fernsehen zurück.

Ich rede nicht vom Informationsfernsehen. Das macht einen tollen Job in diesen Tagen, das erfüllt meine Ansprüche weitgehend. Ich wüsste nur wenig, was ich mir da noch wünschen sollte.

Nun ist aber Fernsehen nicht nur Information. Fernsehen ist auch Zerstreuung, Unterhaltung, schuldiges Vergnügen. Genau das haben mir sehr viele Sender in der vergangenen Woche nicht geliefert. Vielmehr haben sie versucht, das Internet zu kopieren und sind dabei grandios auf der Nase gelandet.

Ich habe inzwischen die Nase gestrichen voll von vergrisselten Skype-Konferenz-Schalten, die jeden Beteiligten ausschauen lassen, als müsse er direkt nach der Sendung den Löffel abgeben und sich dann als Walking Dead rekrutieren lassen. Man kann mit diesem Skype-Kram arbeiten, wenn man mal einen Experten in eine Informationssendung schalten möchte und den sonst nicht kriegt. Das ist verkraftbar. Man kriegt damit aber keine Show zusammen.

Man wird doch nochmal etwas probieren dürfen, höre ich jetzt raunen. Ja, man darf etwas probieren, man darf etwas testen, aber doch bitte nichts, wo selbst ich als professioneller Laie schon vorab hätte sagen können, wie das ausgeht. Was sitzen da für Nasen in den Sendern, die sich Unterhaltungsexperten nennen und dann bei einem Grottenquatsch wie der Quarantäne-WG drei Tage brauchen, um zu merken, dass das alles eine Riesengrütze ist, für die man den im Bild Beteiligten eigentlich Schmerzensgeld zahlen müsste, wüsste man nicht, dass diese öffentlich siechenden Musketiere der Gottschalk-Jauch-und-Pocher-Brigade auch so schon ihren Schnitt machen werden. Alles an diesem Format war falsch, von der ersten Sekunde an. Schlechte Zeiten, schlechte Zeiten. Es war so falsch, dass es falscher nicht sein konnte. Wieso hat das bei RTL niemand kommen sehen?

Ich hätte auch schon vorher sagen können, dass es keine gute Idee ist, Mark Forster flachgesichtig und hilflos in die Vox-Kamera grienen und zu diversen Freunden schalten zu lassen, die mehrheitlich aussahen, als hätten sie gerade bei "Germany‘s Next Top Duckface" gewonnen.

Ich will auch keine Comedians sehen, die ausdruckslos in die Sat.1-Kamera starren und auf Hugo Egon Balders Ansage versuchen, lustig zu sein, was nie, nie, nie klappt, weil zu jeder Show eben immer auch ein Setting gehört, und wenn man das wegnimmt, dann sind all die strahlenden Lustigmacher, die gestern noch auf der virtuellen Showtreppe zu glänzen wussten, auf einmal nur noch um Kleingeld bettelnde Parkplatzeinweiser auf dem Lidl-Gelände.

Und ja, es ist Krise. Aber die Krise kann nicht Anlass sein, eine Notlösung zum neuen Standard aufzublasen. Wahrscheinlich haben sich vor allem die Controller die Hände gerieben, weil für ein paar Skype-Schalten ja nicht viel Personal gebraucht wird, weil die Vervielfältigung von Nichtigkeit lange nicht die Kosten versucht, die eine ordentliche Show braucht.

Möglicherweise liege ich mit meiner Beschwerde auch ganz falsch. Möglicherweise steckt hinter dem ganzen Frosch-Duckface-Fernsehen ja auch die Absicht, meine Gegenwehr sturmreif zu schießen und mich auszuliefern an Nichtsnutz-Programme wie "Promis unter Palmen", die im Vergleich mit dem Grissel-TV nachgerade optischen Genuss liefern. Ich hege auch den Verdacht, dass mein Eindruck von dem guten Job, den Marco Schreyl gerade als RTL-Talker am Nachmittag macht, mitgeprägt ist von den institutionellen Minderleistungen, die mir ansonsten die Schaulust verderben.

Nun sind die genannten Sender leider nicht alleine mit ihren Wischiwaschibildern und ihrem Froschton. Vielerorten wird gerade daran gearbeitet, die bereits begangenen Fehler noch einmal nachzumachen. Da dokumentiert sich entweder komplette Unfähigkeit oder die Hybris, es besser hinzukriegen zu wollen als all die Konkurrenten, was erneut die Frage aufwirft, wofür die Unterhaltungschefs eigentlich bezahlt werden.

Vielleicht ist es an der Zeit, sich an das Wesen des Fernsehens zu erinnern. Fernsehen ist ein Bildermedium, Fernsehen lebt auch von der Klarheit, von all den nicht hässlichen Menschen, die in diesem Medium überproportional vertreten sind. Das mag man mit Fug und Recht ungerecht finden, aber das ändert die Verhältnisse erst einmal nicht. Fernsehen lebt als Unterhaltungsmedium halt von der Illusionsvermittlung, von den großen Bildern. Große Bilder in schlechten Zeiten sind wichtiger denn je.

Wenn ich kleine Bilder will, wenn ich die Welt als Thumbnail vermittelt bekommen möchte, dann gehe ich ins Internet. Das ist kein schlechter Ort. Das ist sehr oft ein sehr wunderbarer Ort, weil ich dort beispielsweise auf engagierte Kulturmacher treffe, die mir helfen, meine erzwungene Heimzeit rumzubringen, notfalls mit der Übertragung eines zweistündigen Triangelkonzerts. Kann man alles machen, ist ja Internet. Ist aber kein Fernsehen.

Um es nochmal ganz klar zu sagen: Fernsehen ist Fernsehen, und Internet ist Internet. Wenn ihr im Fernsehen keine Bilder habt, dann verpisst euch ins Internet, dann macht euren Scheiß dort. Schaltet von mir aus euer Programm ab. Der Letzte macht das Licht aus. Vielleicht wäre das besser, weil sonst mangels toller Bühnen und glänzender Böden sehr bald auch der letzte Dummdepp erkennen wird, wie wenig Substanz in euren Darbietungen steckt. Das konnte ich als halbwegs aufgeklärter Menschen zwar schon immer ahnen, aber ich bin halt einen Deal mit euch eingegangen. Ihr bietet mir schöne Märchen, und ich glaube sie.

Gebt mir also endlich wieder Illusion oder macht den Laden zu.

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