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Das Hoff zum Sonntag

"Locker Room": Die Auferstehung des "Tagesschaums"

 

Lange hat man von Friedrich Küppersbuschs "Tagesschaum" nichts gehört. Jetzt ist das Format zurück, trägt aber den neuen Titel "Locker Room". Das ist gutes Fernsehen und gleichzeitig eine Bankrotterklärung des WDR, findet Hans Hoff.

von Hans Hoff
19.04.2020 - 08:45 Uhr

Das ZDF macht in Sachen Volksbelustigung gerade eine Menge richtig. Nicht nur haben die Mainzer Sebastian Pufpaff schon vor Ostern jeden Vorabend bei 3sat mit "Noch nicht Schicht" auf Sendung geschickt und lassen ihn dort seitdem in wunderbar kompakter und perfekt getimter Art und Weise die Lage der gestressten Nation sezieren. Sie haben jetzt auch noch erkannt, was für ein Kleinod sie sich da ins Dreiländernest gelegt haben und lassen die werktägliche Satire-Brüterei nun sogar auch im Hauptprogramm stattfinden. Zwar in der Regel erst nach Mitternacht, wenn der durchschnittliche ZDF-Zuschauer schon fast wieder ans Aufstehen denkt oder gerade zur dritten Prostata-Entlastung raus muss, aber immerhin: Hauptprogramm. Wie lange musste Jan Böhmermann darum kämpfen?

Es macht also ein Sender vor, wie das geht mit der schnellen unkonventionellen Reaktion auf besondere Umstände. Ratzfatz entschieden, Protagonisten gefunden, fertig war die Laube, und dem Zuschauer wird nun am Tag wenigstens einmal ein kleines Minutenfenster geöffnet, aus dem er auf was anderes als pure Corona-Tristesse blicken kann. Das ist doch mal ein schönes Beispiel für das, was das öffentlich-rechtliche System kann, wenn es nur will, wenn es sich traut, wenn es mal macht wie es eigentlich immer machen sollte.

Und was macht die ARD? Gute Frage, nächste Frage. Und was macht die ARD? Nun ja, sie macht, sie macht, sie macht… Und was macht die ARD? Die hat doch immerhin ihr komödiantisches Programm durchdieternuhrisiert und den Rest verextradreit. Muss doch reichen in diesen Zeiten. Und was macht die ARD? Nun gut, um es ehrlich zu sagen und dabei alles Belanglose auszublenden: Nichts.

Der Riesendampfer ARD macht nichts. Also nichts, was irgendwie der Erwähnung wert wäre. Das wäre nicht weiter aufgefallen, hätte sich nicht unweit einer bedeutenden ARD-Schaltzentrale ein televisionäres Fossil aus dem matschigen Boden des medialen Einheitsbreis erhoben und laut "Tagesschaum" geschrien.

Wie erinnern uns: "Tagesschaum" war ein kleines Viertelstundenformat, mit dem der WDR vor der Bundestagswahl 2013 mal von sich reden machte. Eine kleine Truppe Einfallsreicher, die sich um den Fernsehproduzenten Friedrich Küppersbusch scharte (der seit Jahrzehnten erfolglos gegen die Erwähnung ankämpft, dass er in grauer Vorzeit mal der talentierteste und keckste Politikerbefrager ("ZAK") der Nation war), sorgte in "Tagesschaum" für – Achtung Eigenbeschreibung - "Haltung, Erbauung und Trost. Die Tagesschau auf Koks, also."

Stefan Niggemeier und Lukas Heinser gehörten damals zum Autorenteam, das Geschichte schrieb, weil der WDR tat, was er schon ewig nicht mehr getan hatte: Er hatte sich was getraut, das nicht dem entsprach, was man von ihm erwartet hatte. "Ich hoffe, dass wir das wieder mal sehen", hat Jörg Schönenborn 2014 über "Tagesschaum" gesagt. Das war kurz nach seinem Amtsantritt als WDR-Fernsehdirektor, und der Bürokratenspruch klang in trainierten Ohren schon damals wie das von der Kanzlerin und Vereinsvorständen gewohnte Todesurteil "Wir stehen voll und ganz hinter dem Minister, Trainer etc."

Tatsächlich hörte man nie wieder etwas vom "Tagesschaum" im WDR-Programm. Zu beschäftigt war man damit, das hauseigene Dritte auf eine grundsolide volkstümliche Basis zu stellen, die von lauter Programmen bewirtschaftet wird, in denen patente Haushaltshelferinnen, Nachrichten simulierende Wichtigtuer und Ernstblicker und die immer gleichen "Ach, lecker"-Köche dafür sorgen, dass das Fernsehleben sich wie die immer gleich zähe Soße der Beliebigkeit anfühlt.

Dem Vernehmen nach soll es bei der Erstausstrahlung sogar Bedenkenträger innerhalb der ARD gegeben haben, die befürchteten, der Name "Tagesschaum" könne dem Image der altehrwürdigen Tante "Tagesschau" schaden. Was man halt so sagt, wenn man in der ARD-Hierarchie keine Phantasie aber was zu sagen hat und verkennt, dass es nach dieser Logik die "heute show" niemals hätte geben dürfen. Aber das ist eine andere Tasse Tee. Die trinken wir nächstes Mal, wenn es noch ein nächstes Mal gibt.

Nun hätte weiter eitle Ruhe in der ARD und auch im WDR herrschen können, wäre da nicht der Impuls von Pufpaffs "Noch nicht Schicht" gekommen. Nur mal so nebenbei bemerkt: Der überaus talentierte Herr Pufpaff wohnt in Bonn, könnte also quasi mit der Straßenbahn zum WDR fahren und dort als Hauskünstler agieren. Aber das nur nebenbei.

Nein, die Ruhe im WDR wird gestört von einer kleinen Produktionsfirma, die sich in Steinwurfweite zum Verwaltungsgebäude des Senders befindet. Die heißt probono, wird von Friedrich Küppersbusch geführt und hat veritabel erfolgreiche Aufschläge geschafft mit Talkshows wie "So! Muncu!", "Klamroths Konter" oder der gerade erst Grimme-bepreisten Show "Chez Krömer".

Natürlich herrscht auch bei probono krisenbedingt große Ebbe, was aber offensichtlich nur auf die Kassenlage ausstrahlt, nicht auf den Ideenreichtum, denn aus dem Zwang des großen Nichts haben Küppersbusch und seine Konsorten einfach mal was gemacht: die Auferstehung des Tagesschaums.

Natürlich heißt "Tagesschaum" nicht mehr "Tagesschaum". Der Titel wurde der Krise angepasst und der Attitüde der Sendung, die stark geprägt wird vom wortspielverliebten Chef der Kompanie. "Locker Room – Schaumschlägerei zur Coronakrise" heißt die Minishow nun und beleuchtet in ein paar kurzweiligen Minuten, was den Machern gerade so quer kommt. Da werden Praktikanten und verirrte Drohnen erschossen, lümmelt der Moderator mindestens einmal pro Show auf dem Tisch herum, und wenn die Rede von RTL die Rede ist, heißt es auch schon mal "der Kirmesdampfer vom Picassoplatz". Es dreht sich in den ersten Folgen um Hitler und die Frage, was Helmut Schmidt einst zu den Notstandsgesetzen zu sagen hatte und was das heute bedeutet in NRW, "dem luschig lauen Laschet Land".

Küppersbusch dichtet frei und ohne Rücksicht auf Verluste bei Sinn und Verstand: "Wer ohne Mundschutz sündigt, wird liebevoll entmündigt." Dazu gibt es auf die Nase für all jene, die sich mit Corona-Charity gerade eine ebensolche goldene zu verdienen versuchen. Originalton: "Irgendwelche Medienhackfressen nutzen schamlos das Virus, das Leiden, die Angst, das Siechen, nur um selber im Gespräch zu bleiben. Das ist ekelhaft, bigott, widerlich und vor allem fahrlässig – dass ich selber erst so spät auf die Idee gekommen bin."

Dann spielt Küppersbusch noch Gitarre und droht "Liken Sie diese Show, oder ich erhöhe mir selbst das Gehalt", was witzig ist, weil man der Show ansieht, dass sie derzeit wenig bis gar nichts kostet und vor allem dazu dient, die Moral der noch am Werk Tätigen aufrecht zu erhalten.

Natürlich ist es dieser gnadenlose Hang zu Anarchie, die den Entscheidern im WDR nebenan Pickel in Legionsstärke wachsen lässt. Dort stellt man lieber wahllos Comedian-Beiträge ins Netz, die unter dem Label "Weiterlachen".

belanglos vor sich hinschimmeln und nichts mitgeben, was man mit in den Tag nehmen könnte. Gleichzeitig stellen sie das Kulturmagazin "Westart" vorübergehend stumm, als passiere Kultur nur, wenn man auch hingehen kann. Mehr intellektuelle Bankrotterklärung geht kaum.

Nein, ungeordnete Kreativität oder gar spontanen Humor mag man nicht im Buhrow-Sender, denn seit der Oma-Sau tragen die Kreativen dort mehrheitlich geistigen Mundschutz. Und die Augen halten sie auch geschlossen. Wozu braucht man auch Augen? Ist ja nur Fernsehen.

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