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Das Hoff zum Sonntag

So müssen Sie nie mehr Meldungen über Heidi Klum lesen

 

Wer einen E-Mail-Account bei einem Billiganbieter besitzt, muss damit rechnen, nicht nur mit viel Werbung, sondern auch noch unnützen News konfrontiert zu werden. Unser Kolumnist Hans Hoff will ein Gegenmittel entwickeln. Wie er sich das vorstellt...

von Hans Hoff
17.05.2020 - 11:00 Uhr

Ich betreibe einen neuen Sport und biete demnächst wahrscheinlich auch Kurse dazu an. Noch suche ich nach einem passenden Namen, aber es wird irgendetwas sein mit Eye und De-Focussing. Ich denke, dass ich damit einen irrsinnigen Erfolg einfahren und Jeff Bezos bald in der Rangliste der Milliardäre erniedrigen werde. Es geht um eine Kunst, die sehr alltagstauglich ist. Im Journalistenschwätz würde man wahrscheinlich nutzwertig sagen. 

Anwendbar ist die Kunst, wenn man beispielsweise einen seiner E-Mail-Accounts bei einem Billiganbieter unterhält und im Gegenzug für dessen Leistung mit nichtsnutzigen Meldungen vollgeballert wird. Man erfährt dann beispielsweise, dass Heidi Klum mit einem Parasiten im Bett liegt oder dass Willi Herren mal wieder eine Ehekrise hat. Um es mal kurz zu sagen: Das Leben wäre auch in Abwesenheit dieser beiden Meldungen ohne merkbaren Substanzverlust weitergegangen.

Die ganze Seite rund um das winzige Einlogg-Fenster wimmelt wie ein auf Droge komponiertes Kinderbuch; sie ist komplett voll mit nichtsnutzigen Meldungen der Will-ich-gar nicht-wissen-Klasse. Das verwirrt mich, weil ich das dahinter stehende Geschäftsmodell nicht ganz kapiere. Wieso haut man mir nicht Werbung um die Ohren, so wie es sich gehört?

Doch, ich hätte bitte lieber Werbung statt dieser Nichtmeldungen. In Werbung steckt ja dieser Tage oft mehr Informationswert als in den angeblichen Debatten um irgendwelche versagenden Social-Media-Abteilungen.

Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mal Werbung loben würde. Aber da sich die Zeiten ändern, ändern sich auch die Bewertungen. Jetzt, wo es so weit gekommen ist, dass die Werbeblöcke das ansehnlichste und intelligenteste Angebot im ganzen RTL-Programm sind, muss man das halt auch mal laut sagen.

Aber Werbung gibt es ja eben kaum bei den E-Mail-Billigheimern. Da gibt es nur diese Meldungen, die den aktuellen Newswendungen verlässlich ein bis zwei Jahre hinterherhinken. Ist eine Meldung also durch knallhartes und glaubwürdiges Dementi oder einen zuverlässigen Faktencheck als komplett falsch entlarvt und erweist sich das Gegenteil als richtig, wird auf den Billo-Portalen immer noch die Ursprungsmeldung nach vorne gepusht.

Das ist sehr ärgerlich, weil diese Quellen von üblen Gerüchten und eigenartigen Theorien selten versiegen und unentwegt Dämpfe aufsteigen lassen, die das normalerweise tiptop aufgeräumte Ordnungssystem auch des aufgeklärten Lesers in Konfusion abgleiten lassen können. Wie schnell hat man auf solch eine vielversprechende Meldung getippt und wird dann vom nicht vorhandenen Inhalt bitter enttäuscht. Oft wird ja reflexartig geklickt. Da ist die Maus dann schneller als das Gehirn. Sachen passieren halt.

Um der daraus nun resultierenden Enttäuschung vorzubeugen, habe ich gemeinsam mit Esoterikern und Globulisten der ersten Garde das Eye-De-Focussing entwickelt. Das kann nicht jeder, weshalb ich für einen Riesenbedarf für entsprechende Fortbildungsseminare sehe. Ich stelle mir die Organisation derselben in etwa so vor wie bei den Selbstbewusstseinsschubseminaren von Kollegah, die ja megagut funktioniert haben sollen. Ich stelle Videos ins Netz, und Menschen zahlen viel Geld dafür, die ansehen zu dürfen. Manchmal gebe ich auserwählten Nutzern auch höchstpersönlich Tipps, wie sie ihre Eye-De-Focussing-Praxis noch verbessern können.

Will man die Technik des Eye-De-Focussings grob beschreiben, verweist man auf die Muskeln der Augen, die sich nach dem ausgiebigen Training beliebig anspannen lassen, weshalb rund um das fokussierte Terrain eine Art Wischiwaschi-Zone entsteht, deren Inhalt dem Betrachter fortan erspart bleibt. Gleichzeitig steigt die Kraft, Dinge zu ignorieren. Man klickt dann auch nicht mehr auf bento-Texte, ignoriert Fleischhauers und Steingarts Wortblähungen und liest keine Talkshow-Besprechungen mit „Zoff“ im Titel mehr. Man lässt die ganze Gülle des clickbaitverseuchten Mainstreams in Ruhe hinweg fließen, ohne ihn mit Kenntnisnahme zu adeln. Nein, das ist nicht nur die Pflege der eigenen Blase, das ist kluger Umgang mit Erfahrungen und Enttäuschungen. 

Natürlich ist das alles nur eine grobe Schilderung meines neuen Verfahrens, das selbstredend eines langwierigen Feintunings bedarf. Hat man das Eye-De-Focussing aber erst einmal internalisiert und die entsprechenden Muskelpartien trainiert, dann kann man beliebige Seiten aufrufen und dort nur noch das tun, was man möchte, also sich beispielsweise in seinen E-Mail-Account einloggen.

Ich denke, die Idee ist ein Knaller, und allen, die bis hierher durchgehalten haben, verrate ich jetzt den Code: %&/=($)FJhg74Huutut!“§?(=)%. Gibt man den auf meiner Webseite ein, dann bekommt man 20 Prozent Rabatt auf die Kursgebühr. Nur hier und nur heute.

Also, Leute: Nie mehr Meldungen über Heidi Klum lesen. Nur noch das ins Auge lassen, was euch klüger macht. Bucht das Eye-De-Focussing noch heute! Wenn ihr schlau seid. Und ihr seid schlau. Ich weiß das, denn ich bin auch schlau. Dank Eye-De-Focussing.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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