Frau Hess, bei "Weissensee" waren Sie nach der dritten Staffel raus und auch "Ku'damm" schien als Trilogie für Sie abgeschlossen. Wie hat das ZDF Sie zum Weitermachen bewegt?
Annette Hess: Mit einer gewissen Hartnäckigkeit, aber auch mit der Erinnerung an eine sehr positive Zusammenarbeit, die sich durch wachsenden Respekt vor meiner Autorentätigkeit ausgedrückt hat. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich eine mögliche vierte Staffel mit großer Offenheit angehen konnte.
Sie wollten aus dem gewohnten Format ausbrechen?
Hess: Selbst wenn du tolle Figuren aufgestellt hast, funktioniert es nicht, deren Schicksalsschläge einfach immer weiterzuerzählen. Man braucht für jede Staffel eine neue Vision. Deshalb wollte ich diesen Zeitsprung zu 1977 machen. Jeder kennt den Ausspruch: Ich will nicht so werden wie meine Mutter oder mein Vater! Bei einigen Freundinnen, die ich seit meiner Jugend kenne, beobachte ich fasziniert, dass genau das passiert: dass sie heute so sprechen wie ihre Mütter, so ähnlich leben und ähnliche Moralvorstellungen haben – was sie eben in ihren Zwanzigern weit von sich gewiesen hätten. Und das hat mich für "Ku'damm" interessiert: Wie entwickelt sich eine Monika, wenn sie selbst Mutter wird und sich die Verantwortungsstruktur in der Familie entsprechend verschiebt?
Sie haben nicht nur einen Zeitsprung um 14 Jahre gemacht, sondern mit dem Film im Film – einer Doku über die Familie Schöllack und ihre Tanzschule – eine neue Ebene eingezogen.
Hess: Ich bin ein großer Fan von Reality-Formaten wie "Die Geissens". Ich liebe es, an deren Leben teilzuhaben. Natürlich ist es Show für die Kamera, aber irgendwie ahnt man doch eine gewisse Wahrheit durch. Ich liebe auch Mockumentaries wie "Stromberg", die mit der Vermischung von Realität und Fiktion spielen. Dehalb hatte ich die Idee, "Ku'damm" komplett als Mockumentary zu erzählen. Da gab es dann aber doch zarten Widerstand vom ZDF. Also haben wir uns auf diese Mischform geeinigt, denn es gibt ja auch viele Fans, die sehnsüchtig auf die Fortsetzung warten und sich in ihrer "Ku'damm"-Welt wiederfinden sollen.
Herr Hübner, hatten Sie schon einen Bezug zu "Ku'damm", bevor Sie die Regie der vierten Staffel übernommen haben?
Maurice Hübner: Abgesehen davon, dass ich als Zuschauer Fan der ersten Stunde war, gab es vor Jahren schon mal Gespräche mit ZDF und UFA über eine mögliche Zusammenarbeit bei "Ku'damm 63". Das hat damals leider nicht geklappt. Annette habe ich das erste Mal beim Bergfest des Grimme-Preises 2024 in Marl getroffen, als sie mit "Deutsches Haus" nominiert war und ich mit "Boom Boom Bruno". Das Gespräch mit ihr hat sich sofort vertraut angefühlt. Nachdem die offizielle Anfrage kam, hatten wir aber nochmal ein richtiges Kennenlernen in Berlin und sind zusammen ins "Ku'damm 59"-Musical gegangen. Wir haben schnell gemerkt, dass der Vibe stimmt und wir uns intuitiv gut ergänzen.
Hess: Nach der Begegnung in Marl habe ich mir "Boom Boom Bruno" angesehen – und nach 20 Minuten wusste ich: Der ist es! Maurice hat eine Art und Weise, Figuren ihren Raum zu geben, die ich selten so gesehen habe. Es gibt viele Regisseure, die Angst vor Stille, Langsamkeit und Zärtlichkeit haben. Da wird dann schnell und laut erzählt, da wird man als Publikum förmlich angeschrien: Das hier ist dramatisch! – aber du spürst die Figuren nicht mehr. Wie Maurice Charaktere und Gefühle versteht, hat mich sofort berührt.
© ZDF/Conny Klein
"Gegenseitig angestachelt": Annette Hess und Maurice Hübner haben am Set eng zusammengearbeitet
Neben "Drehbuch: Annette Hess" und "Regie: Maurice Hübner" gibt es einen weiteren Credit für "Regiekonzept", den Sie beide teilen. Wie können wir uns Ihre Zusammenarbeit konkret vorstellen?
Hübner: Vom Konzept her hatten wir eine klassische Aufteilung zwischen Showrunnerin und Regisseur. Während der Dreharbeiten haben wir den Prozess bewusst offen gehalten: Wenn ich gerade inszeniere oder eine Szene probe, kann Annette direkt reingehen, sobald ihr etwas auffällt. Das befeuert die kreative Arbeit total und macht sie viel fruchtbarer. Für mich ist es ein Gewinn, wenn die Autorin neben mir sitzt und wir bei Bedarf eine Szene überprüfen können: Brauchen wir das wirklich? Können wir diesen Satz weglassen?
Hess: Für mich war es nach "Deutsches Haus" das zweite Mal, dass ich im klassischen Sinn als Showrunnerin die ganze Zeit am Set war. Wir haben zusammen auf die Monitore geguckt und uns nach jeder Einstellung verständigt, oft wortlos. So eine Teamarbeit zwischen Regie und Autorin funktioniert nur, wenn es den Beteiligten nicht um vordergründige Macht geht, sondern um das bestmögliche gemeinsame Ergebnis. Ich habe immer mal wieder gesagt: Wer hat denn diese schreckliche Zeile geschrieben? Lass die bloß weg! (lacht) Also, von meiner Seite aus ist es mit Maurice ein Perfect Match.
Hübner: Kann ich nur bestätigen. Es ist wirklich befreiend, wenn man weiß, dass man sich auch mal irren kann, und gemeinsam eine Lösung findet. Das ging bis in den Schnitt, wo wir uns gegenseitig angestachelt haben, verschiedene Varianten auszuprobieren und wieder in Frage zu stellen.
Ich fände die Abfolge 77, 80, 83 schön, also nochmal drei Staffeln mit Drei-Jahres-Abstand dazwischen.
Annette Hess
Im DWDL.de-Interview zur zweiten Staffel haben Sie 2018 noch gesagt: "Wenn wir den großartigen Cast behalten wollen, dann können wir keine allzu gewaltigen Zeitsprünge machen." Dennoch sind jetzt alle Hauptdarstellerinnen wieder mit dabei.
Hess: Caterina Schöllack alias Claudia Michelsen ist sowieso alterslos. Es gab zwischendurch mal die Idee, sie mit einer Kinnbinde zu zeigen, um anzudeuten: Die lässt immer wieder mal was an sich machen. Fanden wir dann aber unnötig. Sonja Gerhardt, Maria Ehrich und Emilia Schüle sind natürlich nicht so alt wie Caterinas Töchter jetzt in "77". Anfangs hatte ich Muffensausen: Sonja Gerhardt ist nun mal erst 36 und soll die Mutter einer 20-Jährigen spielen. Aber gleich beim ersten Casting für die Rolle der Dorli hat's zack gemacht – und Sonja hatte eine andere Haltung, eine andere Sprache, einen anderen Fokus. Das war der Wahnsinn. Wir hatten vorher überlegt, ob wir den Schauspielerinnen Silikon ins Gesicht kleben und die Augenlider runterziehen müssen. Ich bin froh, dass wir stattdessen auf ihre Schauspielkunst vertrauen konnten.
Wie schwierig ist es, die Mischform aus szenischem Drama und Mockumentary zu inszenieren und jeweils die richtige Dosierung zu finden?
Hübner: Es ist vor allem eine große Kamera-Aufgabe, dafür eine Stilistik zu finden, die intuitiv wirkt und das einfängt, was gerade passiert. Unser DoP Michael Schreitel hat das fantastisch gelöst. Annette hatte vorher im Buch festgelegt, wo wir rein dokumentarisch sind und wo es Mischformen innerhalb einer Szene gibt. Am Set haben wir allerdings manchmal auch radikal gestrichen: Jetzt war im Doku-Teil schon alles drin, die Energie so gut, der Rhythmus der Schwenks so toll – da müssen wir den fiktionalen Teil gar nicht mehr mitdrehen und wir müssen auch nichts schneiden.
Klingt fast so, als ließen sich Dreharbeiten durch diesen Stil rationalisieren.
Hess: Zur Wahrheit gehört, dass ich die Mockumentary-Idee auch aus ökonomischen Gründen weiterverfolgt habe. Seit "Ku'damm 56" schreibe ich in jede Staffel einen Grenzübergang rein, weil ja West-Berlin als Insel durchaus eine Rolle für das Setting spielt. Die Mauer wurde zwar erst 1961 gebaut, aber Kontrollpunkte zwischen Ost und West gab es auch schon vorher. Jedes Mal musste ich aus Budgetgründen den Grenzübergang rausstreichen. Für "77" wollte ich unbedingt, dass man endlich mal diese Insellage spürt, so wie ich West-Berlin Ende der 70er selbst erlebt habe. Das geht vergleichsweise einfach, wenn du als Dokumentarfilmerin mit versteckter Kamera aus einer Tasche heraus jemandem folgst, der mit der U-Bahn über die Grenze fährt. Dann siehst du eben nur eine Treppe und ein paar Hintern, das kostet nichts. Den Nachbau vom Bahnhof Friedrichstraße mit hunderten Komparsen, die ein- und aussteigen, kannst du dir dann sparen.
ZDF-Redakteurin Beate Bramstedt hatte beim Seriencamp angedeutet, dass "Ku'damm" als nächstes einen Sprung in die Wendejahre 1989/90 machen könnte. Arbeiten Sie schon daran?
Hess: Wenn es um Symmetrie geht, bin ich ein kleiner "Monk". Ich fände die Abfolge 77, 80, 83 schön, also nochmal drei Staffeln mit Drei-Jahres-Abstand dazwischen. Wollte man wirklich in die 90er springen, dann wäre Caterina Schöllack entweder nicht mehr da oder im Stil einer späten Leni Riefenstahl unterwegs. Aber bevor wir darüber nachdenken, warten wir erstmal ab, wie "77" läuft.
Frau Hess, Herr Hübner, herzlichen Dank für das Gespräch.
"Ku'damm 77", in der ZDF-Streaming-App sowie am 12., 13. und 14. Januar jeweils um 20:15 Uhr im ZDF.
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