Herr Bahro, dass Sie in einem Interview über etwas anderes als "GZSZ" auch auf Dr. Jo Gerner angesprochen werden, kennen Sie sicher bereits.

Wolfgang Bahro: Daran bin ich gewöhnt, ja.

Sie selbst haben die Messlatte diesbezüglich mit Ihrem Buch "Immer wieder Gerner – Mein Leben als Bösewicht der Nation" aber auch selber hochgelegt. Wer hatte da die Idee zum Rollenwechsel als Fallanalytiker Armin Weber – RTL oder Sie?

Also ich war es nicht. Aber nachdem Nico Hofmann den Vorstandsvorsitz der UFA an Sascha Schwingel übergeben hatte, wollte der die Menschen seiner Produktionen mal kennenlernen und hat sich auch mit mir getroffen. Das fand ich sehr nett. Besonders, als er mich fragte, was ich mir für meine Zukunft bei der UFA wünschen würde. Da meinte ich, dass sie über Dailys wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" hinaus auch Formate wie "Charité" oder "Faking Hitler" macht und ich gerne mal Spielfilme oder Reihen drehen würde.

Und seine Antwort?

War, dass er genau diese Frage an mich im Kopf gehabt hatte. Ob es schon konkretere Ideen für den Potsdam-Krimi gab, weiß ich nicht. Aber bald darauf ging das Projekt in die Planung. Und hier bin ich als Profiler. Schließlich bin ich Schauspieler geworden, um möglichst viele verschiedene Charaktere verkörpern zu können. Im Theater gelingt mir das auch relativ häufig. Besonders mein Freund Dieter Hallervorden tritt da regelmäßig mit Ideen auf mich zu.

Zum Beispiel?

An schönsten war, bei ihm das Leben von Charles Spencer Chaplin, kurz Charly, spielen zu dürfen. Im Fernsehen sind solche Angebote eher selten. Deshalb habe ich auch sofort zugesagt, als man mir Armin Weber angeboten hat.

Haben Sie das als Befreiungsschlag empfunden?

Als verspäteten, ja. Denn zunächst mal sollte sich Weber exakt so kleiden wie Jo Gerner.

Also Zwei- oder Dreiteiler.

Sowohl als auch. Jedenfalls immer so businessmäßig. Deshalb habe ich hart um den Mittelweg gekämpft, dass er wenigstens T-Shirt unterm Jackett trägt. Ich wollte mich wirklich von Jo Gerner lösen. Äußerlich und innerlich.

 

"Die Facetten von Antagonisten sind einfach vielfältiger."

 

Und wie fühlt es sich jetzt an, auf der anderen Seite des Gesetzes zu stehen?

Na ja, Gerner ist ja auch kein Krimineller, geschweige denn Verbrecher.

Zum 25. "GZSZ"-Geburtstag hatte mal jemand durchschnittlich eine Straftat in 132 Folgen ausfindig gemacht, für die er insgesamt fast 200 Jahre Knast gekriegt hätte.

Meistens aber hat er als Rechtsanwalt doch eher Gesetzeslücken ausgenutzt, um daraus seinen Vorteil zu wahren. Ich würde ihn deshalb trotz meines eigenen Buchtitels eher Antagonist als Bösewicht nennen.

Was er definitiv ist: Ein berechnender Typ, während Weber eher analytisch tickt. Welcher von beiden kommt Ihnen als Mensch näher?

Ich schöpfe emotional oder intellektuell natürlich bei beiden gelegentlich aus mir selber, um sie darzustellen. Aber am Ende bleiben es Abstraktionen. Ich bin meine Rollen also nicht, ich spiele sie nur. Wenn ich allerdings mit einem von ihnen befreundet sein könnte, wäre es der emotionalere Armin Weber. Auch Jo Gerner zeigt zwar durchaus mal Empathie, aber eher mit denen, die ihm nahestehen, vor allem seiner Familie. Trotzdem hätte ich mit ihm lieber dann zu tun, wenn es um juristische Fragen oder Geschäftsinteressen ginge. Essen ginge ich lieber mit Weber.

Haveltod - Ein Potsdam-Krimi © RTL / Stephan Rabold Armin Weber (Wolfgang Bahro, l.), Gregor Weber (Felix Kreutzer).

Ist Blut auch bei Ihnen dicker als Wasser?

Definitiv. Familie steht bei mir über allem.

Würden Sie da auch mit ihrem Sohn zusammenarbeiten, wie Armin Weber es in "Haveltod" tut?

Anders als ich es mir anfangs gewünscht hätte, ist er ja nicht Schauspieler geworden (lacht). Andernfalls hätte ich liebend gern an seiner Seite gespielt. 

Woran liegt es denn aus Ihrer Sicht, dass er damit tendenziell an der Seite eines Antagonisten stünde – sind deutsche Fernsehschubladen besonders tief?

Da ich international keine Erfahrung habe, kann ich das persönlich schlecht vergleichen. Ich glaube aber schon, dass die Schubladentiefe ein sehr deutsches Problem ist. Wann immer ich mit Kollegen spreche, wird mir versichert, wer mehrfach Ärzte spielt, spielt weiterhin Ärzte. Kurz vor "GZSZ" zum Beispiel habe ich im ZDF-Sechsteiler "Durchreise" zur Geschichte einer jüdischen Modefirma von 1931 bis 1991 den schwulen Designer gespielt. Und jetzt raten Sie mal, was mir danach ständig angeboten wurde.

 

"Zu Ende geht es noch lange nicht."

 

Ich ahne es. Haben Sie es da als Fortschritt empfunden, Jo Gerner spielen zu können? Immerhin gelten Typen wie er verglichen mit sympathischen als spannendere Figuren…

Absolut. Die Facetten von Antagonisten sind einfach vielfältiger; deshalb spiele ich Jo Gerner auch schon so lange so gerne. Er ist wie ein Blumenstrauß, in dem bei allem Anmut auch ein paar stachlige und stinkende Pflanzen sind. 

Sie beide werden dieses Jahr 66 – hierzulande dank Udo Jürgens fast schon ein mystisches Alter. Fängt Ihr Leben auch gerade an?

Es gewinnt auf jeden Fall gerade ganz neue Facetten hinzu. Zu Ende geht es jedenfalls noch lange nicht. Mein großes Vorbild ist diesbezüglich Dieter Hallervorden, bei dem mit 90 noch nicht mal daran zu denken ist, aufzuhören. Als wir kürzlich bei Roncalli waren, hat er mir schon wieder von neuen Projekten erzählt. Und mit meiner Freundin Brigitte Grothum…

Die kaum jünger als Dieter Hallervorden sein dürfte.

… mache ich gerade Live-Hörspiele nach alten Edgar-Wallace-Filmen. Wie fit die ist – super! In diesem noch so aktiv zu sein, ist auch mein Ziel.

Drehen Sie vorerst noch mehr Potsdam-Krimis? RTL hat das ja als Reihe angekündigt.

Bislang gibt es nur den einen, alles weitere wird sein Erfolg zeigen. Ich würde aber noch gern viele andere Sachen machen.

Wie wäre es für Sie als ausgewiesener "Star Trek"-Fan mit Science-Fiction?

Natürlich würde ich auch da mitspielen. Ich hatte vor einigen Jahren sogar schon mal an einer "Next Generation" von "Raumpatrouille Orion" geschrieben, aber leider war das Interesse an einer solchen Serie in der deutschen Medienlandschaft nicht so groß. Wichtiger wäre mir aber auch, wie am Theater auch im Fernsehen öfter meine komödiantische Seite zeigen zu dürfen. In meinem Bühnenprogramm "Berliner Zeitensprünge" gehe ich zum Beispiel gerade durch 100 Jahre Humor meiner Heimatstadt seit 1912 und mache mich darin auch über die Politiker verschiedener Epochen lustig.

Fast Kabarett also.

Mit Referenzen an große Vorgänger wie Wolfgang Neuß oder Werner Finck. Sowas würde ich wahnsinnig gerne mal am Bildschirm präsentieren. Aber wie gesagt – bis ich so alt wie Dieter Hallervorden bin, habe ich ja noch ein paar Jahre. Ich bin guter Dinge.

Herr Bahro, vielen Dank für das Gespräch.

"Haveltod - Ein Potsdam-Krimi", Dienstag um 20:15 Uhr bei RTL