Frau Müntefering, was war für Sie im ersten halben Jahr an der Spitze der Produktionsallianz die größte Überraschung dieser Branche, die sie nun medienpolitisch vertreten wollen?

Die Themen waren mir nicht fremd, doch der Kulturkreis unterscheidet sich von der Politik. Produzentinnen und Produzenten sind kreative Unternehmer - das ist ein besonderer Spirit, der mehrere Welten verbindet: Kultur und Wirtschaft, aber auch Individualität und Gemeinschaft.

Welche Rolle spielt Gemeinschaft in einer Branche, die sich konsolidiert und konzentriert? Ist sich da nicht jeder selbst der nächste?

Natürlich muss jedes Unternehmen für sich selbst gut aufgestellt sein. Aber das braucht mehr denn je gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen und dafür ein gemeinsames Auftreten. Wenn wir in andere Länder schauen, dann sind dort die Produzierenden oft in starken Verbänden organisiert und suchen natürlich auch den Austausch mit uns. Bei unserem Produzententag vor Beginn der Berlinale erwarten wir Gäste aus Frankreich und sogar Australien. Die Produktionsallianz bündelt Interessen und Ansprache mit einem gemeinsamen Auftreten nach außen. Dass ich Teil davon sein darf, macht mir große Freude.

Dabei war das erste halbe Jahr geprägt durch ein einziges Thema, das sich zieht wie Kaugummi.

Leider! Wir brauchen jetzt endlich eine gesetzliche Investitionsverpflichtung. Es geht um die Wirksamkeit der Filmreform als Ganzes und eine ganze Branche wartet darauf, wieder wettbewerbsfähig zu werden, europäisch und darüber hinaus. Man sieht in anderen Ländern, dass sich ein Gesetz auszahlt. Das ist kein Experiment, im Gegenteil. Wir müssen nur endlich das umsetzen, was auch andere längst tun. Ich würde sehr gerne in einem Jahr auf 2026 zurückblicken und sagen können, dass wir in diesem Jahr endlich etwas geschafft haben und eine positive Botschaft senden konnten. Künstlerisch ist der deutsche Film auf Weltniveau, jetzt muss auch der Produktionsstandort wieder wettbewerbsfähig werden. Wir haben das kreative Potenzial dazu, die Politik sollte das nutzen. Gerade diese Regierung, die Wirtschaftspolitik wieder nach vorne stellen will. Mein Wunsch wäre, über der diesjährigen Berlinale würde stehen: „German Film is back“. Die Zeit drängt jedenfalls.

Das Thema wird oftmals verkürzt in die Ecke der Filmförderung gestellt, dabei würde eine Investitionsverpflichtung ja genre-agnostisch formuliert…

Von der Investitionsverpflichtung profitiert die gesamte Branche. Es geht um planbare Investitionen und um die Rechte! Die Investitionsverpflichtung ist ein Gamechanger, weil Produzierende Rechte an ihren Werken halten können. Alle internationalen Vorbilder zeigen, dass so Risiko mehr belohnt wird und mehr Innovation möglich wird. Übrigens gilt das über Film-, Fernsehen, Entertainment, Animation und Werbung bis zur Dokumentation, das ist ja auch journalistische Arbeit. Die Investitionsverpflichtung stärkt am Ende also gute Unterhaltung ebenso wie guten Journalismus. Ich empfinde mich da übrigens in alle Richtungen als anschlussfähig. Wir wollen faire Voraussetzungen. Was wir machen, ist im Prinzip Gesellschaftspolitik.

Wobei ein Verband wie der VTFF aber in Sorge ist, dass zwar Produktionsfirmen beauftragt aber nicht zwingend in Deutschland produziert wird mit einer europäisch definierten Investitionsverpflichtung. Was sagen Sie dazu?

Alle müssen verstehen, dass es nun einmal ein europäisches Gesetz ist, das eine Investitionsverpflichtung überhaupt erst möglich macht. Wir sind Teil Europas und sehen, wie gut die gesetzliche Investitionsverpflichtung zum Beispiel in Frankreich wirkt. Dort haben Streamer sehr viel mehr investiert, sogar in Kinofilme. Ich war erst vor wenigen Tagen zu einem guten Austausch im Studio Babelsberg und bin davon überzeugt, dass wir den Produktionsstandort Deutschland als Ganzes begreifen müssen. Natürlich wollen wir als Produzentinnen und Produzenten am Standort Deutschland produzieren. Deshalb haben wir zum Beispiel einen Blockbuster-Booster vorgeschlagen. Der trifft sich auch mit Überlegungen, die Staatsminister Weimer hat. Wir stehen zum Produktionsstandort Deutschland. Gleichzeitig sind wir diejenigen, die die größten Risiken tragen und allen wirtschaftlichen Herausforderungen gerecht werden müssen.

Wir brauchen jetzt endlich eine gesetzliche Investitionsverpflichtung. Es geht um die Wirksamkeit der Filmreform als Ganzes und eine ganze Branche wartet darauf, wieder wettbewerbsfähig zu werden, europäisch und darüber hinaus.


Sie würden sich auch eine Regelung für den Rechterückbehalt im Sinne der Produktionsfirmen wünschen. Wolfram Weimer jedoch sieht das jedoch nicht als Priorität an. Wird das eine Kröte, die man schlucken muss, um dafür das große Ganze - also die Investitionsverpflichtung - zu bekommen?

Die Aufgabe eines Kulturstaatsministers ist es, gute Standortbedingungen zu schaffen, die hier ganz real dazu beitragen, dass wir ein starkes Filmland sind. Das tun wir als deutsche Produktionsunternehmen und deswegen hoffe ich doch sehr, dass Wolfram Weimer ein ganz besonderes Augenmerk auf die Interessen der heimischen Filmbranche legt. Wir wollen unsere eigenen Geschichten nicht nur mit viel Kreativität erzählen, sondern auch hier produzieren können, auch künftig. Der Rechterückbehalt ist deshalb sehr wichtig für uns, sonst werden wir lediglich die verlängerte Werkbank von Auftraggebern. Rechte am eigenen Werk sind dazu das entscheidende Wirtschaftsgut, deswegen ist es unabdingbar, dass die Politik das zugunsten der heimischen Produktionswirtschaft verändert.

Je länger die Branche auf eine Entscheidung wartet, desto größer wird meine Sorge, dass eine mögliche Investitionsverpflichtung zu hohe Erwartungen schürt und ihr als die eine Lösung entgegengefiebert wird. Das würde doch zu kurz greifen.

Natürlich denken wir weiter. Gerade deshalb ist die gesetzliche Investitionsverpflichtung als eine tragende Säule der Filmreform so wichtig: Sie schafft Planbarkeit und Transparenz. Allein ist sie aber auch kein Allheilmittel. Die Branche hat schon immer das Steueranreizmodell gefordert, auch wir. Das ist auch im Koalitionsvertrag vereinbart worden. Mag sein, dass eine Abstimmung mit den Bundesländern aufwendig ist, aber ein neuer Anlauf wäre aus meiner Sicht enorm wichtig. Politik darf nicht bequem sein. Die internationale Konkurrenz schläft nicht. Wenn wir den Blick zum Beispiel nach Asien richten, dann sehen wir auch, dass sich gerade Erzählformen verändern, dass ganz anders gedacht wird, auch die Auswertung

Sie sprechen den Trend zu Micro-Drama an…

Auch das ist ein Thema. Wenn wir international anschlussfähig bleiben wollen, müssen wir uns mit den viel zitierten veränderten Sehgewohnheiten beschäftigen. Gerade ein Verband wie die Produktionsallianz kann in jedem Falle einen guten Beitrag leisten, internationale Perspektiven und Vernetzung zu stärken. Künstliche Intelligenz ist in aller Munde, aber es steht noch immer das Urteil darüber aus, wie disruptiv diese Technologie sein wird - und wie wir sie sinnvoll einsetzen. Regina Ziegler hat neulich zu mir gesagt: „Wenn morgen ein UFO landet, ich steige ein.“ Und wenn ich mir gerade die Welt anschaue, muss ich wohl sagen: Ich komm mit. Ich war jedenfalls beeindruckt davon, dass die Grand Dame der deutschen Produzentenschaft Innovation als etwas so selbstverständlich Begrüßenswertes versteht. Davon bräuchten wir mehr.

Was wir machen, ist im Prinzip Gesellschaftspolitik.


Ob Micro-Drama-Trend oder KI: Das sind globale Themen, getrieben von Big Tech. Ausländische Plattformen ziehen auch seit Jahren schon signifikant Werbegeld aus dem Markt ab, was kommerziellen Auftraggebern in Deutschland fehlt. Lassen sich auf solche Bedrohungen noch nationale Antworten finden?

Wir sprachen ja gerade über ein europäisches Instrument, das ein positives Regulativ setzt. Ich bin sehr froh, dass wir uns in Europa sehr aktiv Gedanken darüber machen, wie Big Tech unser Leben beeinflusst und welche Regeln das braucht. Wir müssen aber auch selbst besser werden, können nicht nur zuschauen oder beklagen, wie KI entweder aus den USA oder China geprägt wird. Wir brauchen Offenheit für Innovationen und gleichzeitig schützende Regeln. Das ist eine große Aufgabe. Wir haben aber mit einem sehr vitalen Markt in Deutschland, auch dank starker öffentlich-rechtlicher Sender, die Chance, ein signifikantes Gegengewicht zu sein. Oder zumindest: Den Menschen eine echte Alternative zu bieten.

Neben der Investitionsverpflichtung denkt Wolfram Weimer auch über eine Digitalabgabe für einige Big Tech-Konzerne nach, die Gelder aus dem deutschen Medienmarkt abziehen. Wer A sagt, muss auch B sagen: Wäre das auch eine Forderung, die die Produktionsallianz unterstützt?

Ich teile die Ansicht, dass es zum Erhalt unserer Demokratie für Politik wie auch Medienschaffende gemeinsam eine wichtige Aufgabe ist, große Digitalkonzerne demokratisch kontrollierbar zu halten. Das besorgt zunehmend auch die Bürgerinnen und Bürger. Auch da ist Europa die Antwort, wenn man so will.

Blicken wir wieder auf den Produktionsmarkt. Wie würden Sie die Stimmung unter ihren Mitgliedern beschreiben?

Mit dem Warten auf die Erhöhung der Fördertöpfe und die Investitionsverpflichtung ist die große Hoffnung verbunden, eine Brücke für das nochmal sehr schwierige Jahr 2026 bauen zu können. Viele Unternehmen sind unter Druck, machen wir uns da keine Illusionen. Das kommt bei uns jeden Tag an. Unsere letzte Herbstumfrage hat gezeigt, die Lage ist noch mal schlechter als im Jahr zuvor. DWDL hat auch darüber berichtet. Ich möchte mal so sagen: Wir haben im deutschen Markt zwar die nötigen PS unter der Haube, aber die müssen auch auf die Straße. Die Baustelle Filmreform muss endlich fertig werden, damit wir wieder Gas geben können.

Film bedeutet, wie wir seit dem Streamingboom in der Pandemie wissen, nicht mehr zwingend Kino. Wie wichtig ist das als Institution?

Kino ist ein Kulturort, den müssen wir erhalten. Kürzlich war in Berlin im Kino Babylon und habe mir Charlie Chaplins Gold Rush mit Orchester angeguckt. Das hat mich tief berührt. Ich habe nichts gegen Netflix-Dating-Shows zum Feierabend. Doch dieses besondere Film-Erleben hat den Zauber der Kunst. Das empfehle ich jedem mit cineastischen Anwandlungen bis hin zu denen, die einfach nur ein schönes Date wollen. Übrigens glaube ich auch, dass der Live-Bereich wachsen wird. Geschichten müssen erlebbar sein. Gerade in dieser durchtechnologisierten Welt.

Politik darf nicht bequem sein. 


Anderes Beispiel: Als die Serie „Pastewka“ nochmal mit Auftritt von Bastian Pastewka im Kino aufgeführt wurde, waren mehrere Kinosäle in kürzester Zeit ausverkauft.

Das hängt – neben dem herrlich komischen Bastian Pastewka - sicher auch damit zusammen, dass Nostalgie in einer Gesellschaft, die verunsichert ist, Konjunktur erfährt. Was gute Erinnerungen zurückbringt, wird gern angenommen. Aber es zeigt auch: Als Branche müssen wir auch darauf achten, eine neue Generation aufzubauen. Unsere Talente, der Nachwuchs, neue Perspektiven und innovative Ideen, all das muss auch die große Bühne bekommen.

Ein sehr spannender Aspekt. Die Produktionsallianz vertritt Produktionsfirmen, die über Jahrzehnte gewohnt waren, dass sie erstmal gebraucht werden, um Inhalte zu realisieren. Jetzt machen Content Creator Karriere bei TikTok oder YouTube. Muss man sich denen öffnen und wenn ja wie?

Eine spannende Frage, denn es ist ja nicht zu übersehen, dass der Wandel produzentischen Schaffens in vollem Gange ist, damit setzen wir uns auch schon seit einiger Zeit auseinander. Ich vergleiche Content Creator ein bisschen mit der Startup-Szene. Da wird Vieles erst einmal im Alleingang ausprobiert, kreativ, technisch und unternehmerisch. Doch alles, was neu entsteht und erfolgreich wird, wird größer und komplexer. Die meisten Content Creator sind aus einer neuen Generation, und wir denken schon länger darüber nach, auch für diese neue Generation kreativer Filmschaffender einen gemeinsamen Rahmen zu schaffen. Wir wollen den Wandel aktiv mitgestalten und fördern den Nachwuchs, zum Beispiel mit dem neuen Carl-Laemmle-Talentpreis, ebenso mit einem Talentpreis beim Deutschen Entertainment Award. Und unsere Creators Conference wird immer mehr zur Plattform für Austausch, Inspiration und produzentische Trends. Wir sind also weiter gefordert – und auf einem guten Weg.

Frau Müntefering, herzlichen Dank für das Gespräch.