Frau Slomka, Sie moderieren seit 25 Jahren das "heute-journal". Haben Sie ein Rezept gegen Nachrichtenmüdigkeit?

Für mich ist es Teil des Jobs, nicht nachrichtenmüde zu sein – und das bin ich auch nie, weil ich finde, dass das, was auf der Welt passiert, gerade in diesen Zeiten nicht nur hochspannend und manchmal auch besorgniserregend, sondern auch wirklich wichtig ist. Ich kann natürlich verstehen, wenn es Menschen gibt, die das alles nicht mehr sehen können und von der Welt in Ruhe gelassen werden wollen. Aber wie heißt es so schön: Reality doesn't go away when you decide to ignore it. Man kann die Realität nicht ausblenden. Sie betrifft uns und unser Leben, und vielleicht ist es dann gar nicht so schlecht, einiges darüber zu wissen.

Sie versuchen allabendlich den Tag in 30 Minuten zu pressen. Ist das mit der Zeit schwerer geworden?

Es ist angesichts der Themenfülle tatsächlich oft schwer geworden, sich zu überlegen, wo man die Schwerpunkte setzt und wie man diese übervolle Welt in einer sinnvollen Weise sortiert, die auch für das Publikum erhellend und konsumierbar ist. Schwierig wird es immer dann, wenn Ergebnisse geschehen, es aber keine überprüfbaren Bilder gibt. Auf der anderen Seite leben wir jetzt in Zeiten einer Bilder- und Informationsflut, die durch digitalen Medien zugeführt wird. Dadurch ist es viel mühsamer geworden, Fakten zu überprüfen.

Gibt es Tage, an denen Sie sich mehr Sendezeit wünschen?

Ja, auf jeden Fall. Glücklicherweise bekommen wir ja auch manchmal mehr Sendezeit – etwa bei Breaking-News-Situationen. Da guckt das ZDF dann nicht mehr auf die Uhr.

Sie haben Ihr erstes "heute-journal" am 29. Januar 2001 moderiert, ein gutes halbes Jahr vor den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York. Täuscht der Eindruck oder war die Welt damals eine andere?

Ich glaube, wenn man jetzt einen Historiker oder eine Historikerin fragen würde, würde sie oder er antworten, die Welt war noch nie in Ordnung, und man vergisst dann auch in der Rückschau manchmal, was alles so war. Es gibt aktuell ja diesen Hashtag-Trend 2016 von sehr jungen Menschen. Das will ich gar nicht kritisieren, aber aus der Perspektive einer Nachrichtenredakteurin kann ich zu 2016 nur sagen: Nein, danke. Da war der Anschlag auf den Breitscheidplatz in Berlin, da war der Brexit und ich glaube, mir würden auch noch ein paar andere Dinge einfallen, die vielleicht nicht so erfreulich waren. Aber Sie haben schon recht, im Moment sind das doch sehr besondere Zeiten, die ich natürlich auch als politische Beobachterin so wahrnehme. Zumal gefühlt alles ein Stück weit kurzatmiger geworden ist. 

Dazu kommt ein US-Präsident, bei dem heute schon überholt sein kann, was er gestern noch sagte. Das macht es sicher nicht einfacher, dem Publikum den Stand der Dinge zu vermitteln, oder?

Wir können immer nur berichten, was ist – und dieses Erratische, dass das eine sehr besondere Form von Regierung und Kommunikation ist, merkt auch jeder Zuschauer, jede Zuschauerin. Es ist nicht möglich, uns irgendeinen Weltenführer zu backen und zu sagen, wir hätten es gern anders.

 

"Mich hat die Aussicht, das 'heute-journal' zu moderieren, beinahe erschlagen."

 

Sie sagten eingangs, dass Sie nicht nachrichtenmüde sind. Aber gab es in den 25 Jahren, die Sie diese Sendung inzwischen moderieren, auch mal den Wunsch nach beruflicher Veränderung?

Eine solche Amtsmüdigkeit habe ich nie verspürt, weil ja wirklich jeder Tag anders ist und mich die Themen, über die wir berichten, so sehr interessieren – gerade die internationale Politik, Sicherheitspolitik oder wirtschaftliche Fragen. Man arbeitet sich für die Vorbereitung ja letztlich viel tiefer in die Materie ein als das, was dann in der Sendung zur Aufführung kommt. Mich jeden Tag aufs Neue mit Dingen beschäftigen zu dürfen, die mich wirklich interessieren, ist das Beste, was einem im Beruf passieren kann.

Mit welchen Erwartungen haben Sie die Aufgabe im Jahr 2001 angetreten?

Zunächst einmal hatte ich vor allem die Erwartung an mich selbst, das gut zu machen und das Vertrauen, das in mich gesetzt wurde, nicht zu enttäuschen. Anfangs habe ich deshalb eigentlich von Tag zu Tag gedacht und nie so sehr in die Zukunft. Dass daraus 25 Jahre werden, damit habe ich wirklich nicht gerechnet.

Was war Ihr Beweggrund, der Sie zum "heute-journal" führte?

Ich habe mich gar nicht beworben und hatte die Moderation auch nicht auf dem Zettel. Zum damaligen Zeitpunkt war ich gerade Korrespondentin und von Bonn nach Berlin gewechselt. Das war mein Traumjob und ich war überglücklich. Da habe ich überhaupt nicht daran gedacht, als nächstes zu moderieren – und ich weiß auch ehrlich gesagt gar nicht, ob es hilfreich ist, wenn Journalisten ab dem Moment, an dem sie beim Fernsehen sind, darüber nachdenken, wie sie schnellstmöglich vor die Kamera kommen. Erstmal geht es ja darum, welche journalistische und handwerkliche Arbeit man hinter der Kamera leistet.

Dennoch kam die Anfrage schnell.

Für mich kam das eigentlich eher zu früh, fast zur Unzeit. Ich fühlte mich geradezu überrumpelt, als die Frage des damaligen Chefredakteurs Nikolaus Brender kam. Mich hat die Aussicht, das "heute-journal" zu moderieren, beinahe erschlagen, weil ich großen Respekt vor dieser Sendung hatte. Schon während des Studiums und meiner Arbeit für die "Kölnische Rundschau" war das "heute-journal", allen voran mit Wolf von Lojewski, für mich eine ganz große Nummer – und das blieb es auch, als ich später erste längere Beiträge mit eigener Autorenhandschrift für die Sendung machen durfte. Und sie dann auch noch zu moderieren, da stand mir dann erstmal der Mund offen.

Wolf von Lojewski, Marietta Slomka und Helmut Reitze © IMAGO / teutopress "heute-journal"-Trio im Jahr 2001: Wolf von Lojewksi, Marietta Slomka und Helmut Reitze.

Auch in Deutschland steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk verstärkt unter Druck. Bekommen Sie das in Ihrer täglichen Arbeit zu spüren?

Natürlich spüren wir das. Das liegt auch daran, dass wir in digitalen Welten leben, in der Sie jede Form von Kampagne machen können, und in der Fehler, die natürlich auch bei uns passieren, direkt zu allgemeinen Verdammungen oder Zuschreibungen aufgebauscht werden. Gerade unsere hohe Reichweite und die Glaubwürdigkeit, die wir oder auch die "Tagesschau" glücklicherweise immer noch haben, passt denen, die uns am liebsten abschaffen würden, natürlich gar nicht. Von denen werden wir deshalb auch besonders hart attackiert. Hätten wir diese Reichweite nicht, wären wir als Zielscheibe vielleicht gar nicht so interessant.

Tatsächlich erreichen Sie mit dem "heute-journal" regelmäßig vier Millionen Menschen, an vielen Tagen sogar noch mehr.

Das ist ein ganz wichtiger Punkt, gerade auch im Vergleich zu den USA, wo es solche Sendeformate überhaupt nicht gibt. Dort haben Sie eine sehr starke Polarisierung – entweder man ist CNN-Zuschauer oder Fox-News-Zuschauer. Damit ist Ihr gesamtes Weltbild schon geprägt. Ich glaube, dass das den Populismus leichter macht und es dadurch gleichzeitig schwieriger wird, sich auf gemeinsame Fakten zu einigen. Daher sollten wir glücklich sein, in Deutschland einen nach wie vor starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu haben.

Manche wünschen sich, dass ARD und ZDF den Fokus komplett auf Information legen und keine Unterhaltung mehr senden. Wäre das in Ihrem Sinne?

Ich halte nicht viel davon, wenn die Hauptprogramme ein Programm wie Phoenix oder Arte ausstrahlen würden. Denn das würde eine bedeuten, dass sich Reichweiten massiv verändern. In der jetzigen Konstellation ist es möglich, dass auf einen "Tatort" mit acht Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern eine politische Talksendung folgt. Das würde das private Fernsehen nicht machen, weil man dort aus nachvollziehbaren Gründen auf den Audience Flow bedacht ist. Deshalb ist es so wichtig, dass wir eben kein Nachrichtensender sind, sondern ein Vollprogramm, in dem die Nachrichten im Umfeld von eher unterhaltenden Sendungen laufen.

Frau Slomka, vielen Dank für das Gespräch.