Frau de Mardt, während bei Netflix "Unfamiliar", ein neuer Originalstoff ohne Vorlage, startet, bereiten Sie Ihre nächsten Serienprojekte "Heidi" und "Die Wanderhure" vor, beide als große internationale Koproduktionen. Sind diese beiden Stoffe symptomatisch für den anhaltenden Retro-Trend?
Beide Stoffe sind große Marken und insbesondere "Heidi" weltweit bekannt. Die "Wanderhuren"-Trilogie hatte seinerzeit knapp 30 Millionen Zuschauer und wird jetzt modern und zeitgemäß neu erzählt. Von daher geht es um populäre Stoffe, die eine gute Startposition in einem Markt haben, in dem wöchentlich neue Serien und Filme ihre Zuschauer erreichen möchten. Jeder Sender und Streamer ist glücklich, wenn die Marke so groß ist, dass sie eine Grundaufmerksamkeit mitbringt und man nicht bei Null anfängt. Ich bin mir sicher, dass auch "Unfamiliar" als Originalstoff ohne vorbestehende IP viel Aufmerksamkeit generieren wird. Das ist der Qualität der Serie, dem fantastischen Cast, allen beteiligten Kreativen und Netflix zu verdanken, die mit uns an die Serie glauben und ein wahres Marketing-Feuerwerk zünden.
Wie viel schwieriger ist es aus produzentischer Sicht, mit einem Projekt Gehör zu finden, das keiner IP entspringt?
Im ersten Aufschlag ist es sicherlich einfacher, eine große Marke anzubieten. Andererseits sieht man ja selbst im US-Markt, dass solche Marken nicht zu Dutzenden vom Baum fallen. Da müssen im Marvel-Universum jetzt schon sämtliche Superhelden mit- und gegeneinander kämpfen, um die Fans bei der Stange zu halten. Perspektivisch brauchen wir neue Marken, die wir erst einmal etablieren müssen. Das geht nur mit Partnern, die den Mut haben, einen solchen Prozess durchzuhalten und zum Erfolg zu führen.
Hat "Unfamiliar" das Zeug zur Marke? Könnten die Ex-Spione und Eheleute Meret und Simon mit weiteren Fällen wiederkehren?
Absolut. Wir glauben fest daran. Die enge Verzahnung von Spionagethriller und Familiendrama macht das Format zu etwas Besonderem. Dieses Geflecht aus Unsicherheit und Lügen, aus geheimen Plänen und Strategien – getragen von der Dreidimensionalität liebender Elternfiguren mit ihrer Tochter – liefert eine ganze Menge Story-Potenzial. Gemeinsam mit Netflix sind wir überzeugt davon, dass "Unfamiliar" durchaus auch über Deutschland hinaus erfolgreich sein kann. Mit den Regisseuren Lennart Ruff, Philipp Leinemann und DOP Christian Stangassinger haben wir bewusst einen internationalen Look & Feel erzeugt. Authentizität in der Geschichte war uns besonders wichtig, so haben wir schon früh mit dem BDN Kontakt aufgenommen. Als erste Produktion überhaupt durften wir Außenszenen beim BND in Berlin drehen.
Zur angestrebten Internationalität passt, dass Sie mit Paul Coates einen britischen Creator und Headautor haben.
Mit Paul hatten wir bereits bei "Barbaren" zusammengearbeitet. Er hatte uns die Idee eines Familiendramas im Gewand eines Spionagethrillers angeboten, ursprünglich angesiedelt in London. Wir haben gemeinsam überlegt, ob und wie man es nach Deutschland holen kann, und schnell festgestellt, dass das sogar noch besser passt. In der Weiterentwicklung hat sich zwischen unserem federführenden Produzenten Andreas Bareiss, Paul, der Producerin Lina Zopfs sowie Jan Bennemann und Grace Bridger von Netflix-Content-Seite ein eng zusammenarbeitendes Kreativteam formiert.
© Netflix
"Geflecht aus Unsicherheit und Lügen": Henry Hübchen, Susanne Wolff und Felix Kramer (v.l.) in "Unfamiliar"
Dieser ständige Mix aus Auftragsproduktionen wie "Unfamiliar" und internationalen Koproduktionen mit diversen Finanzierungsbausteinen wie "Heidi" oder "Wanderhure" ist für ein Haus Ihrer Größe vermutlich alternativlos.
Es ist unsere heutige Realität, vielfältige Produktions- und Finanzierungsmodelle parallel zu verfolgen. Wir stellen uns immer wieder neu auf das Wesen unserer Projekte und unsere Partner ein. Dabei muss man die richtige Dosierung im Blick behalten. Wenn man zum Beispiel eine Koproduktion mit drei Ländern und drei Senderpartnern macht, dann gibt es viel Abstimmungsbedarf, und da gilt es, den kreativen Prozess optimal zu betreuen. Mit einem Auftraggeber wie Netflix läuft die Abstimmung auch aufgrund kurzer Wege und des gegenseitigen Vertrauensverhältnisses sehr reibungslos. Darüber hinaus gibt es dort ein großes Produktions-Know-how, verbunden mit einem klaren Verständnis für wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Gemeinsame Ziele werden dabei realistisch im Budget reflektiert.
Also keine generelle Absage an die Auftragsproduktion mit Buyout?
Wir brauchen einen Rechterückbehalt, wie wir ihn auch politisch fordern – in Anerkennung der kreativen Leistung und des Produktionsrisikos der Produzentinnen und Produzenten. Um ein Unternehmen auf eine gesunde, breite Basis zu stellen, geht es nicht ohne Rechte. Ich vergleiche das immer gern mit der Produktion eines Stuhls: Wenn mein Design dem Kunden gefällt, kauft er den Stuhl und bezahlt dafür hundert Prozent der Herstellungskosten plus die eingerechnete Marge. Trotzdem gehören Entwurf und Prototyp weiterhin mir. Hier braucht es eine faire Aufteilung.
Die Produktion von "Heidi" ist so strukturiert, dass die Schweizer Investitionsverpflichtung erfüllt wird.
Sabine de Mardt, Geschäftsführerin von Gaumont Deutschland
Lassen Sie uns über die Vorbereitung Ihrer nächsten Serien sprechen. Wie kam es zum "Heidi"-Reboot?
Bereits vor ein paar Jahren hatten wir darüber nachgedacht, wie man "Heidi" neu erzählen könnte. Dabei entstanden diverse Ideen, die aber doch zu weit weg vom Kern der Marke waren. Etwas später hatte mein Kollege und Produzent der Serie, Rainer Marquass, ein Gespräch mit RTL-Redakteurin Brigitte Kohnert, die die Idee hatte, "Heidi" gemeinsam neu aufzulegen – natürlich auch durch den großen RTL-Erfolg mit "Pumuckl" inspiriert. In der Folge haben wir recht schnell Christoph Daniel, DCM Schweiz, und das SRF als Schweizer Koproduzenten gewonnen. Die Partnerschaft funktioniert wunderbar. Die Schweizer Kolleginnen und Kollegen bringen natürlich eine andere Sensibilität fürs Thema Swissness ein, so dass wir sicher sein können, eine echte, authentische "Heidi" zu produzieren. Wie auch "Heidi" eine Schweizer-deutsche Geschichte ist, so wird es auch hinter den Kulissen eine originäre Schweizer-deutsche Koproduktion.
Wann drehen Sie?
Wir beginnen im April in NRW, unterstützt von der Film- und Medienstiftung NRW, und drehen dort für drei Wochen, bevor wir dann in die Schweiz gehen. Übrigens ist "Heidi" ein gutes Beispiel dafür, wie eine gesetzliche Investitionsverpflichtung greift. Die Produktion ist so strukturiert, dass die Schweizer Investitionsverpflichtung erfüllt wird. Deshalb drehen wir in der Schweiz, haben Schweizer Heads of Departments und einen Schweizer Koproduzenten. Ein wirklich nennenswerter Impuls für die dortige Branche.
Das Reboot der "Wanderhure" – oder international "Wandering Harlot" – wiederum entwickeln Sie als deutsch-französische Koproduktion mit Ihren Pariser Gaumont-Kollegen für Disney+ und Sat.1. Auch ohne Investitionsverpflichtung haben Sie vor, den Mittelalter-Stoff in Deutschland zu drehen. Wie funktioniert das?
© Sat.1/Nela König
"Große Marke": Gaumont lässt die "Wanderhure" neu aufleben (auf dem Foto: Alexandra Neldel 2012)
Also selbst anpacken und nicht nur auf die Politik warten?
Ich finde es wichtig, dass wir als Filmfamilie überlegen, wie wir strategisch unseren Standort stärken können. Das eine ist natürlich die Überzeugungsarbeit auf politischer Ebene, was die dringend nötige Modernisierung der Finanzierungs- und Förderstrukturen angeht. Aber daneben sollte auch die Frage stehen: Was können wir von produzentischer Seite selbst tun? Wenn wir Hand in Hand arbeiten und über die einzelne Produktion hinausdenken, können wir einiges möglich machen.
Das politische Projekt der Investitionsverpflichtung, für das Sie sich auch als Vorstandsmitglied der Produktionsallianz einsetzen, ist längst zu einer unendlichen Geschichte geworden. Jüngstes Kapitel ist der gemeinsame Kompromissvorschlag von Produktionsallianz und VTFF, der eine gesetzliche Verpflichtung mit flexiblen Öffnungsklauseln vorsieht. Glauben Sie, dass die Koalitionspartner sich noch vor der Berlinale einigen werden?
Eine Einigung der Koalitionspartner ist dringend nötig, damit wir wieder zuverlässig planen können, Arbeitsplätze gesichert werden und unser Filmstandort wieder international wettbewerbsfähig wird. Hierfür brauchen wir die Investitionsverpflichtung inklusive einer Regelung zum Rechterückbehalt mit eindeutigem Bekenntnis für den Standort Deutschland. Ein mit Produktionsallianz und VTFF abgestimmter Kompromissvorschlag liegt auf dem Tisch. Take it!
Frau de Mardt, herzlichen Dank für das Gespräch.
"Unfamiliar", ab 5. Februar bei Netflix
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