Herr Berg, HBO Max und Netflix kündigten zuletzt mehrere Projekte von Wiedemann&Berg an. Sie fahren mit Rückenwind zur Berlinale?

Wir sind bei Leonine mit unseren drei Fiction Firmen mit allen Sendern und Streamern in einem guten Austausch zu vielen Projekten. Ich freue mich sehr über die Vielfalt unserer  Projekte und natürlich darüber, dass wir bei Netflix und HBO einen Beitrag zum Slate liefern dürfen. Das sind natürlich Verbindungen, die über viele Jahre gewachsen sind und auch die Stoffentwicklungen haben meist einen langen Vorlauf. Für die Qualität entscheidend ist die Zusammenarbeit mit den kreativen Köpfne die hier eine überzeugende Vision kreieren und für diese vielen großartigen Partnerschaften sind wir sehr dankbar. Die Berlinale ist da immer ein schöner Moment alle gemeinsam zu sehen.

Vor zehn Jahren haben Sie mit „Dark“ die erste große deutsche Netflix-Serie produziert. Alle sprachen vom Golden Age of Television. Wie sehen Sie den Markt heute?

Wir sind nun mitten im Golden Age of Streaming. Das ist fantastisch für Zuschauer, Filmemacher und Produzenten. Es werden aus Deutschland heraus viele hochwertige, starke Projekte realisiert, die lokal und auch teilweise global ein großes Publikum finden. Auch das lineare Fernsehen liefert viel gutes Programm, aber wir sehen natürlich klar die Bewegung zu Mediatheken und Streamern. Dabei haben die etablierten Plattformen eine immer umfassendere Datenlage und zunehmend ausgereifte Strukturen und Prozesse. Die wilde Pionierphase, die wir mit „Dark“ erlebt haben, ist vorbei. 

Schwingt da Ernüchterung mit?

Wir haben eine Zeit des Aufbruchs erlebt, eine Zeit des Wachstums und eben auch eine Zeit, in der wir uns in einer relativ stabilen und vergleichsweise friedlichen Weltlage bewegt haben. Die Situation heute ist deutlich volatiler und komplexer. Wir sehen einen Wandel des Sehverhaltens, die Verschiebung der Werbeausgaben ins Digitale, breite Kostensteigerungen und überall ein Ringen um Profitabilität. Wir wissen, dass KI gerade unsere Branche maßgeblich verändern wird – disruptiv, aber natürlich auch mit enormen Chancen. Also viele Faktoren, die uns jetzt mehr denn je herausfordern präzise zu agieren. Aber entscheidend ist auch - es gibt weiterhin eine massive Nachfrage nach Content. Und bei uns ist ja nun mit HBO Max ein weiterer Player im Markt gestartet. Also für mich keine Ernüchterung.

Und das trotz der Konsolidierung im Markt, die wir gerade an vielen Ecken und Enden erleben?

Die Konsolidierung wird auch in den nächsten Jahren noch weitergehen. Bei den Studios und Plattformen und in der Konsequenz auch bei allen anderen Firmen, die in dieser Struktur arbeiten. Es wird sich auf die Plattformen konzentrieren, die mit einem klaren Profil für Marken und Qualität stehen und ihre Zuschauer zu binden wissen. Und für die sind wir die richtigen Produktionspartner in einem lokalen Markt, der weltweit einer der größten ist und der einen maximalen Anspruch hat. 

 

"Ein wichtiges Signal der Bundesregierung für das wir dankbar sind"

 

Ich spüre da einen sehr robusten Optimismus?

Wir sind in der vermutlich deutlichsten Umbruchphase meiner Generation. Die Perspektive ist positiv, wir sehen das Potential der Veränderung, aber das ist natürlich kein Moment der Entspannung, des simplen „weiter so“. Unser Film- und Fernseh- bzw. Streaming-Markt verfügt über viele starke Player. Wir sehen ein großes Investitionsvolumen in Programm, wobei es sich im Fiction-Bereich zunehmend auf wenigere, aber dafür größere Projekte fokussiert. Die Erwartung an diese Projekte ist entsprechend höher und ihre Realisierung verlangt eine ebenso größere Expertise. Wir sind bei Leonine Studios also grundsätzlich sowohl robust als auch optimistisch. Und wir arbeiten fokussiert an den besten Antworten. Wobei wir natürlich auch die richtigen politischen Rahmenbedingungen bei uns brauchen und da gab es ja jetzt glücklicherweise endlich einen Durchbruch.

Seit Donnerstag liegt nun ein Kompromiss der Bundesregierung für die Investitionsverpflichtung vor. Wie bewerten Sie das Ergebnis?

Es geht um ein Maßnahmenpaket, das fünf Jahre lang sehr detailliert mit Experten aus allen Parteien, aus allen Interessengruppen intensiv verhandelt wurde. Über 40 Verbände der Branche haben sich dafür eingesetzt, dass diese Diskussionen jetzt zu dem dringend nötigen Schlusspunkt kommt. Insofern ist das nun erstmal ein wichtiges Signal der Bundesregierung für das wir dankbar sind. Ein Meilenstein, der hoffentlich dazu führt, Deutschland als Filmstandort wieder international wettbewerbsfähig zu machen. Der Kabinettsbeschluss und die Detaillösungen stehen ja noch aus. Aber erstmal scheint das ein gutes Ergebnis zu sein und ein Kompromiss auf dem sich aufbauen lässt. Dabei ist insbesondere die Regelung zum Rechterückfall für uns natürlich von großer Bedeutung. Jetzt kommt es darauf an im gesetzgeberischen Prozess an der Ausgestaltung der Öffnungsklausel zu arbeiten. Und natürlich sind wir sehr erleichtert, dass nun auch die erhöhten Mittel für DFFF/GMPF freigegeben werden und wir hier eine Planungssicherheit haben.

Ludwig © W&B Television / Stanislav Honzik "Ludwig": Internationale Koproduktion mit ARD Degeto Film, Bayerischer Rundfunk, ServusTV und SRF

Blicken wir mal auf die lokalen Auftraggeber. Bei den Öffentlich-Rechtlichen verlagert sich viel in Richtung Mediathek. Oft kleine, spitzere Produktionen. Begrüßenswert, weil experimentierfreudig oder verzettelt man sich?

Da wurden die richtigen Weichen gestellt, um Zielgruppen und Nutzungssituationen im Linearen und den Mediatheken spezifisch anzugehen. Es braucht immer eine Findungsphase und gerade die spitzeren Programme können ihre Zielgruppen ja besonders gut aktivieren. Ich finde, dass die Verantwortlichen da einen hervorragenden Job machen. Je mehr Menschen man für die Mediathek gewinnt, desto breiter kann das Programm auch dort werden. Eine spannende Perspektive. Wir haben gerade „Ludwig“ (AT) abgedreht, eine große Premium-Serie in Koproduktion mit ARD Degeto Film, dem Bayerischen Rundfunk, ServusTV und SRF. Hier ist Oliver Vogel bei uns der verantwortliche Geschäftsführer und Produzent. Es hat etwas gedauert, das Projekt richtig aufzustellen und dieser Dimension auch zu finanzieren. Aber es gab sehr früh ein sehr klares Bekenntnis zu dem Stoff durch Christoph Pellander –und genau das schafft dann die Fakten, die es auch gelingen lassen. Das wissen wir sehr zu schätzen. 

Und wie sehen Sie die Perspektive der lokalen kommerziellen Player?

Bei RTL sind die Umstrukturierungen ja gerade sehr präsent. Umso mehr freue ich mich, dass wir mit der Bestsellerverfilmung „Jennerwein - Hochsaison“ von Jörg Maurer gerade ein starkes Projekt gemeinsam realisieren. Bei ProSiebenSat.1 gibt es viel Bewegung, da bleibt abzuwarten, wie groß das Commitment für Fiction weitergehen kann. Joyn hat gute Akzente gesetzt, wie z.B. die Serie „Intimate“, das war wirklich frisch. 

Einst galten die Streamer als Schlaraffenland für Kreative, die den HandsOff-Approach feierten. Das hat sich aber doch längst geändert, oder?

Die große Freiheit der frühen Streaming-Jahre kam ja vor allen Dingen daher, dass die Plattformen gar nicht genau wussten, was funktionieren wird, was die richtige Strategie ist. Das herauszufinden war ein spannender Weg. Heute gibt es teilweise eine sehr enge und detaillierte hands-on Begleitung der Produktionen durch die Auftraggeber, aber das variiert je nach Streamer, Verantwortlichem und Projekt. Eine enge Zusammenarbeit an sich stellt sicher, dass das Ergebnis der gemeinsamen Zielsetzung entspricht, das ist schonmal gut. Am Ende ist immer Vertrauen der Schlüssel und die Erfahrung zu wissen, wo man tiefer reingehen muss und wo nicht.

Die wenigsten Serien schaffen es heute in eine zweite Staffel. Oft, weil die Storys als abgeschlossene Miniserie konzipiert sind. Oder weil man mit einer neuen Serie mehr Aufmerksamkeit erhofft. Stirbt da nicht ein bisschen der Reiz am seriellen Erzählen?

Die Chance ein neues Publikum zu erreichen ist mit einem neuen Projekt größer als mit einer zweiten Staffel. Gleichzeitig ist das Bestreben natürlich, Zuschauer, die ein Programm lieben, weiter glücklich zu machen und zu binden. Da haben gerade die Streamer unterschiedliche Strategien und Schwerpunkte. Tendenziell erreichen zweite Staffeln zudem weniger Zuschauer, weshalb meistens weniger Budget zur Verfügung steht. Nun sind Folgestaffeln tendenziell leider immer teurer. Das ist bei Daily Soaps oder Telenovelas oder bei Procedurals ohne horizontale Ebene natürlich nochmal etwas anders.

Crooks © Sasidis Sasisakulporn / Netflix "Crooks": Zweite Staffel der Serie für Netflix kommt 2026

Jetzt gibt es aber ja noch eine ganze Serienwelt dazwischen. Das Serien-Zeitalter haben ja weder die Highend-Serien noch die Daily Soaps oder Procedurals begründet. Das waren Klassiker wie „Mad Men“ und „Breaking Bad“…

Ja, ich hoffe wir kreieren auch in Deutschland noch einige Klassiker mit vielen Staffeln. Wir freuen uns jedenfalls, dass wir aktuell eine zweite Staffel „Crooks“ mit Netflix machen. Das ist eine wirklich tolle und enge Konstellation mit Jan Bennemann, unserem Partner bei Netflix, Creator und Regisseur Marvin Kren und den Autoren Ben Hessler und Georg Lippert. Da hat uns Jan eine wirklich spektakuläre Staffel ermöglicht, diesmal in Wien und Bangkok. So etwas habe ich aus Deutschland noch nicht gesehen. „Der Pass“ hingegen war schon als Trilogie angelegt - und auch bei „4 Blocks“ hatten wir drei Staffeln. Da gab es enormes Interesse an einer Fortsetzung, wir haben aber gemeinsam mit dem Sender entschieden, dass die Geschichte erzählt ist und wir einen klaren Schlusspunkt setzen.

Was uns zu „4 Blocks Zero“ bringt: Für HBO Max - und erneut zusammen mit der deutschen Programmchefin Anke Greifeneder - produzieren Sie jetzt das Prequel. Wie kam es dazu?

Wir freuen uns sehr, dass HBO Max in Deutschland angekommen ist und auch auf deutsche Inhalte setzt. Dass das in der Verantwortung von Anke Greifeneder liegt, mit der wir schon die allererste deutsche PayTV-Serie „Add a friend“ produziert haben, und später dann z.B. „Para - Wir sind King“, ist natürlich besonders schön. Wir sind glücklich, nun die ersten beiden deutschen HBO Max-Originals zu liefern. Schon am 20. Februar startet „Banksters“ und dann im Herbst eben „4 Blocks Zero“. Mit ein bisschen Abstand haben wir uns dieser großartigen Marke wieder angenommen. Wir reisen in die 90er, das Jahrzehnt, in dem die Hamadys nach Berlin kommen und die Familien-Saga ihren Anfang nimmt.

 

"Wir gehen mit Respekt vor den ersten drei Staffeln in ein neues Kapitel mit einer eigenen Handschrift"

 

Ein Projekt mit teils vertrauten, teils aber auch neuen Köpfen hinter der Kamera…

Zunächst einmal bin ich sehr dankbar für Ankes Vertrauen und ihren Input, damals wie heute. Sie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass „4 Blocks“ zum Erfolg wurde. Die Regie bei „4 Blocks Zero“ liegt bei Özgür Yıldırım, der hier eine beeindruckende Vision liefert– gemeinsam mit Hüseyin Tabak, der ebenfalls inszeniert. Wirklich ein tolles Duo. Auch produktionell sind Marcus Welke, Matthias Junge und ich sehr eingespielt. Wir haben lange entwickelt und Bernd Lange hat großartige Bücher geschrieben. Wir werden einige der Figuren, die wir aus „4 Blocks“ kennen, in jungen Jahren wiedersehen und haben auch in der Besetzung wieder ein paar wirklich coole Entdeckungen gemacht. Die „4 Blocks“-Welt zieht ihre Kraft aus der Realität und gibt authentischen Charakteren mehr Raum - was wiederum Marvin Kren zu verdanken ist, der diesen Instinkt hatte und damals einen legendären Cast gefunden hat. Wir gehen also jetzt mit Respekt vor den ersten drei Staffeln in ein neues Kapitel mit einer eigenen Handschrift. Ich bin mir sicher: das wird viele Fans der Serie begeistern.

4 Blocks Zero © HBO Max / Julia Terjung "4 Blocks Zero" kommt im Herbst als zweites deutsche HBO Max Original

Zuletzt hatte W&B weniger Serien-Output. Die Phase ist aber wohl beendet?

Es war jedenfalls nicht langweilig. Aber es gab tatsächlich letztes Jahr auch einige Filme, u.a. mit „Brick“ und „Fall for Me“ zwei sehr unterschiedliche und jeweils sehr erfolgreiche Starts für Netflix. Gerade abgedreht wurde die Komödie „Mein bester Freund, seine Freundin und ich“ für Netflix und für Amazon der Zeitreise Film „Back to the 90s“, der 2026 released wird. Einige News im Serienbereich wird es sicher in den nächsten Monaten noch geben. Aktuell freue ich mich sehr über ein weiteres echtes „first“ - wir produzieren erstmals für BBC und ZDF. „Hamburg Days“ ist eine Serie über die Anfangszeit der Beatles zwischen Liverpool und St. Pauli. Der „fünfte Beatle“, Klaus Voormann, hat ein spannendes Buch dazu geschrieben, das für Benjamin Benedict, Geschäftsführer der W&B Television, der Startpunkt war. Es ist absolut faszinierend in diese Welt einzutauchen, in der die Beatles nur ein paar Jungs aus Liverpool waren, die angefangen haben Musik zu machen und dann eine Einladung nach Hamburg bekamen. Es ist beeindruckend, was Benjamin da für eine Konstellation zusammengeführt hat: Christian Schwochow ist Showrunner und Regisseur, Mat Whitecross übernimmt die weitere Regie, BAFTA-Preisträger David Holmes die musikalische Gestaltung, und Jamie Carragher, einer der Autoren von „Succession“, ist Headautor. Die Serie entsteht in Koproduktion mit Turbine in UK und den Vertrieb übernimmt Stuart Ford mit seiner Firma AGC International.

Wiedemann & Berg Film, W&B Television und Odeon Fiction: Vor dem Hintergrund einer Konsolidierung von Firmen und Labels im Markt, aber auch im Non-Fiction-Bereich von Leonine: Bleibt es bei diesen drei Einheiten für fiktionale Produktionen?

Wir sind mit diesen drei Firmen sehr gut und differenziert aufgestellt. Die beiden Wiedemann & Berg-Firmen sind natürlich mit der Historie von Max und mir verbunden. Aber unsere Rollen haben sich verändert und wir agieren hier gemeinsam mit den Geschäftsführer*innen Steffi Ackermann und Marcus Welke bei der Film, und Benjamin Benedict und Oliver Vogel bei der Television. Auch, wenn Filme inzwischen durchaus direkt fürs Streaming entstehen, macht diese Aufteilung für uns auch heute noch immer Sinn. Die Odeon Fiction ist eine Firma mit langer Tradition und Qualität – und ich freue mich sehr, dass Britta Meyermann letztes Jahr die Geschäftsführung übernommen hat. Neben den beliebten Reihen wie ‚Ein Fall für Zwei‘, ‚Der Brocken‘ oder ‚Der Masuren-Krimi‘, arbeitet die Odeon aktuell auch an Streamer-Projekten, High-End-Serien und Ko-Produktionen. Hier wird es noch einige neue Impulse geben.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Einerseits immer mehr Management-Verantwortung, andererseits weniger Zeit fürs Produzieren. Schließt man damit Frieden oder bleibt das ein ständiges Ringen?

Wir haben uns immer als Unternehmer, als Manager und eben als Produzenten verstanden. Wir könnten heute als Produzenten nicht so agieren wie wir es tun, wenn wir nicht in die Verantwortung gehen würden. Und diese Verantwortung lässt sich auch nicht übernehmen ohne die Erfahrungen, die wir auf unserem Weg machen konnten. Mir macht der Aufbau von Leonine Studios und die ganze Bandbreite der Themen große Freude, wie auch das Produzieren in der Tiefe eines einzelnen Projektes. Natürlich muss ich da eine gute Balance finden, aber das an sich ist ja schon eine klare Anforderung an jeden Manager. Außerdem arbeiten wir in einem großartigen Team und profitieren alle von der Erfahrung und den Fähigkeiten der anderen. Das Ringen ist also eine gute Sache.

Herr Berg, herzlichen Dank für das Gespräch