Herr Bratzler, das erste ESC-Jahr unter SWR-Federführung verlief mit der Debatte um die Teilnahme Israels bislang turbulent. Wie blicken Sie dahingehend auf die zurückliegenden Monate?

Wir hatten von Anfang an großen Respekt vor der Aufgabe, die Federführung nach 29 Jahren vom NDR zu übernehmen, aber ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, dass es so herausfordernd sein würde. Diese Debatte um die Teilnahme des israelischen Senders KAN hatte sich ja schon die letzten Jahre angedeutet, sich dann aber noch einmal auf erhebliche Weise zugespitzt. Auch wenn unsere Haltung diesbezüglich immer klar war, wussten wir bis Anfang Dezember nicht, ob sich dafür eine Mehrheit in der EBU finden würde. Das hat uns natürlich sehr beschäftigt, und wir sind zufrieden mit dem Ergebnis, das auf EBU-Ebene erzielt worden ist. Dadurch hatten wir dann die Klarheit, um endlich nach vorne zu schauen.

Was macht den ESC aus Ihrer Sicht so besonders?

Der Eurovision Song Contest steht seit 70 Jahren für Europa, Frieden und Einigkeit, genauso für Vielfalt und Miteinander. Das hat uns zusätzlich motiviert. Davon abgesehen ist der ESC die größte Musikshow der Welt und gehört in Deutschland zu den reichweitenstärksten Formaten, gerade auch beim jüngeren Publikum. Fast alle reden darüber. Viele lieben ihn, manche hassen ihn. Man steht also unter großer Beobachtung, wenn man die Verantwortung trägt. Frank Beckmann, mein Kollege vom NDR, hat einmal gesagt, dass man als verantwortlicher Sender für den ESC in Deutschland Leidenschaft und Leidensfähigkeit braucht. Mit beidem hat er recht. (lacht) 

Wie groß ist der Druck, den Sie verspüren?

Natürlich ist mir bewusst, dass wir uns dem Urteil ganz vieler Menschen aussetzen, die im Zweifel – so ähnlich wie beim Fußball – wissen, warum es nicht gut ist, was man macht oder warum es hätte besser laufen können. Einige warten vielleicht sogar schon darauf, dass wir scheitern. Aber das gehört dazu. Wir versuchen, uns nicht zu sehr unter Druck zu setzen, sondern das Bestmögliche zu machen. Dazu gehört, schon beim Vorentscheid eine tolle Show auf die Beine zu stellen, die die Menschen verbindet und an der sie Freude haben. Das sollte im Mittelpunkt stehen, nicht nur die nackten Zahlen.

Was muss der SWR denn lassen, um sich den ESC überhaupt leisten zu können?

Uns war von Beginn an klar, dass wir die Federführung angesichts unserer finanziellen Situation nur durch Umschichtungen übernehmen können. Wir haben deshalb die Zahl der Liveshows von "Verstehen Sie Spaß?" von vier auf zwei im Jahr reduziert. Dazu kommt, dass der ESC jetzt stärker ein Gemeinschaftsprodukt der ARD ist. Wir stemmen zwar den Löwenanteil, aber wir haben Unterstützung – sowohl vom BR und HR als auch aus der Gemeinschaft der ARD, wofür wir sehr dankbar sind. 

Beim Vorentscheid, dem "Deutschen Finale", setzen Sie nun auf eine internationale Jury und Barbara Schöneberger als Moderatorin. Klingt fast so, als wäre alles wie immer.

Das sehe ich nicht so. Wir setzen erstmals auf Barbara Schöneberger und Hazel Brugger zusammen – ein Duo, das wir schon bei "Verstehen Sie Spaß?" gemeinsam in der Show hatten. Da haben wir gleich gemerkt, dass es zwischen beiden eine ganz tolle Chemie gibt. Diese Mischung kann sicher auch beim ESC eine großartige Kraft entwickeln. Ansonsten erfinden wir das Rad vielleicht nicht neu, aber wir werden eines der größten Deutschen Finals auf die Beine stellen – mit mehr als 1.300 Menschen, die in Berlin vor Ort sein werden und mit einem großartigen Bühnenbild von Florian Wieder, das optische Opulenz verspricht. Florian Wieder hat etliche Male die Bühne beim internationalen ESC-Finale kreiert und wird dies auch wieder in Wien übernehmen. Darauf freuen wir uns. Denn unser Anspruch ist es, die Acts visuell und dramaturgisch in einer möglichst exzellenten Form zu inszenieren, um schon im "Deutschen Finale" für ikonische Moment zu sorgen.

Allerdings darf das Publikum nur zwischen drei Acts wählen, weil zunächst die internationale Jury sechs Songs aussieben wird. Trauen Sie den Zuschauerinnen und Zuschauern die Entscheidung nicht zu?

Das Publikum ist der Königsmacher und wählt am Schluss ganz allein den deutschen Beitrag aus den Top 3. Wir haben uns aber ganz bewusst gegen eine Parallelabstimmung von Jury und Publikum entschieden, weil wir in der ersten Stufe ein aussagekräftiges Stimmungsbild internationaler Experinnen und Experten aus 20 Ländern aus der Musikbranche haben wollten. Sie sollen die Songs danach bewerten, ob sie eine Chance beim europäischen Publikum und den europäischen Jurys haben. Die Analyse der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass wir immer dann erfolgreich waren, wenn die beiden Votings nicht stark auseinander gingen. Wer bei unserem Modus gewinnen will, muss nacheinander zwei Hürden überspringen, die Ergebnisse können sich nicht ausgleichen, Gleichzeitig sorgen wir dafür, dass Prominenz oder Social-Media-Reichweite weniger Einfluss haben, sondern wirklich der stärkste Song und der stärkste Auftritt entscheidend sind. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass diese Zweistufigkeit auch ein zusätzliches Spannungsmoment darstellt. 

Im vergangenen Jahr hat der NDR noch mit Stefan Raab zusammengearbeitet. Das hat zwar nur für eine Platzierung im Mittelfeld gereicht, aber letztlich immerhin für die stärksten Quoten seit Jahren. Warum haben Sie diesen Ball nicht aufgegriffen.

SWR und RTL waren dazu im Gespräch, wir haben aber dann gemeinsam entschieden, dass es für den ESC 2026 keine Kooperation gibt. Was letztes Jahr geleistet worden ist, war großartig, gerade auch in Bezug auf die Reichweiten. Aber ich glaube nicht, dass es sich so einfach hätte wiederholen lassen. Daher haben wir uns für einen eigenen Weg entschieden, was nicht ausschließt, dass es in Zukunft wieder Kooperationen mit anderen Partnern gibt.

 

"Der ESC ist längst kein reiner Musikwettbewerb mehr, sondern ein Show-Wettbewerb."

 

Stattdessen produziert nun Kimmig Entertainment den Vorentscheid. Da denken viele erst mal an "Immer wieder sonntags" und den "Schlager-Spaß mit Andy Borg". Warum ist die Firma die richtige für den ESC?

Weil sie sich in einem mehrstufigen, anspruchsvollen Auswahlprozess durchgesetzt hat, für den wir alle führenden Produzenten, denen so eine Live-Musikshow zuzutrauen ist, angefragt hatten. Es geht bei Projekten dieser Größe immer auch darum, das beste und wirtschaftlichste Angebot auszuwählen. Und da war Kimmig Entertainment nicht gesetzt, sondern hat sich mit einem sehr überzeugenden Konzept gegen ebenfalls sehr gute Mitbewerber durchgesetzt. 

Die neun Acts sind seit wenigen Wochen bekannt. Worauf haben Sie bei der Auswahl geachtet?

Es war kein offenes Casting, aber wir haben von Anfang an nach klaren Kriterien entschieden und nicht nach dem persönlichen Geschmack einzelner Verantwortlicher. Wir wollten authentische Künstlerinnen und Künstler, die sehr persönliche Songs, aber auch eine gewisse Erfahrung, Resilienz und ein professionelles Umfeld mitbringen. Und wir wollten Songs, die Experten, Jurys und Publikum gleichermaßen überzeugen können. Dafür haben wir erstmals mit Kantar, einem europäischen Meinungsforschungsunternehmen, ein Verfahren aufgesetzt, um die Songs kriterienbasiert zu testen. Von etwa 400 eingereichten Titeln haben wir mit Unterstützung eines unabhängigen, hochkarätigen Expertenteams aus der Musikbranche zunächst auf 60 reduziert, die dann in einem europaweiten Testing bewertet wurden. Am Ende ist es natürlich keine Mathematik, sondern ein Abwägen der verschiedenen Ergebnisse. Aber alle Songs, die es jetzt unter die letzten neun geschafft haben, haben sich in diesem Verfahren durchgesetzt.

Sie sprachen gerade schon die Inszenierung auf der Bühne an. Welchen Stellenwert hat die Performance?

Das ist ein zentraler Punkt. Der ESC ist längst kein reiner Musikwettbewerb mehr, sondern ein Show-Wettbewerb. Das Gesamtpaket aus Song, Artist und Inszenierung ist am Ende entscheidend. Deshalb legen wir schon beim "Deutschen Finale" einen so großen Wert auf die Inszenierung. Man kann die Songs, die im Studio produziert wurden, zwar jetzt schon hören – aber entscheidend wird sein, wie die Artists auf der Bühne performen. In Berlin wird daher schon eine Idee erkennbar sein, mit der der Sieger oder die Siegerin nach Wien gehen wird. Wobei bis dahin natürlich noch genug Zeit bleibt, um am endgültigen Auftritt zu arbeiten.

 

"Thorsten Schorn ist auch weiterhin unser Kommentator."

 

Was planen Sie für die Finalwoche im Mai?

Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ins Detail gehen, weil wir noch an den Konzepten arbeiten. An einer Stelle wird es allerdings Kontinuität geben: Thorsten Schorn ist auch weiterhin unser Kommentator – und er wird auch schon beim Deutschen Finale zu Gast sein. Er hat sich in den vergangenen beiden Jahren sehr überzeugend etabliert, weshalb wir sehr gerne weiter mit ihm zusammenarbeiten.

Und das Ziel lautet: Gewinnen?

Da drücke ich mich jetzt um eine Antwort, auch wenn ich natürlich weiß, dass Zahlen, Quoten und Platzierungen am Ende für viele das Entscheidende sind. Wir wollen selbstvertändlich gut abschneiden, aber es gehört letztlich auch ein wenig Glück dazu, den Nerv zu treffen. Das kann man bei aller Professionalität nicht verordnen. Und das ist ja auch gut so.

Herr Bratzler, vielen Dank für das Gespräch.