Herr Schmid, vor fünf Jahren ist BBC Studios Germany als Produktionsfirma im deutschen Markt angetreten. Sind sie heute da, wo sie mit dem Unternehmen hinwollten?
Die Startup-Phase liegt hinter uns und ohne immun zu sein gegenüber Marktherausforderungen schaue ich mit Selbstbewusstsein in die Zukunft, weil wir BBC Studios Germany in den vergangenen Jahren step by step unter den neuen Gegebenheiten im Markt aufgebaut haben. Wir haben also keinen riesigen Tross, der in die Jahre gekommen ist. Wir sind wendig geblieben und können auf den Markt reagieren; wir sind eher ein Großer unter den Kleinen, oder ein kleiner großer Player.
Zuletzt gab es den Umzug und den Wunsch mit der Verpflichtung von Nina Etspüler in den Genres Comedy und Reality zu wachsen. Doch ein bisschen von allem?
Wir sind punktuell gewachsen, um sich im Tempo auch nicht zu übernehmen und werden den Weg weitergehen, mit dem Core-Label jetzt in den Bereichen Comedy und Reality unter Führung von Nina Etspüler. Da wollen wir wiederholen, was uns vor zwei Jahren mit dem Invest in die Fiction gelungen ist, wo wir im vergangenen Jahr unter Verantwortung von Eva Holtmann mit „Ghosts“ und „Chabos“ zwei wirklich herausragende Produktionen hatten. Aber es gibt auch ein Limit der Skalierbarkeit, es wird nie um maximales Volumen gehen. Trotzdem wollen wir z.B. im Entertainment, wo unter Markus Templin mit „Das große Backen“ und dem „1% Quiz“ wirklich zentrale Marken für uns realisiert werden, weiterwachsen.
Was haben Comedy & Reality eigentlich gemeinsam? Dass das eine Einheit darstellt?
Ich glaube, unser Business ist geprägt von Personen und ihrer Handschrift für gewisse Inhalte. Und Nina verfügt über genau das in den beiden Genres, bei denen zum Beispiel die Talent-Ansprache eine besondere Rolle spielt. Die Zusammenarbeit mit Künstlern, auf die man sich wirklich im kreativen Prozess lange einlässt und wo es vielleicht auch nicht immer nur die Formatadaption ist, sondern die originäre Entwicklung, ist etwas wo wir uns weiterentwickeln wollen. Gleichzeitig verschließen wir uns nicht dem Genre, das durch die Decke geht, auch wenn BBC Studios vielleicht per se noch nicht dafür stand.
Ist so ein Vorstoß dann eine freie Entscheidung im deutschen Markt oder wird das mit London koordiniert? Wenn man mit der Marke BBC ins Reality-Genre will…
Also zum Einen hat BBC Studios auch in UK den Wunsch aktiver zu werden in Reality. Wir haben mit Karl Warner, der vor anderthalb Jahren von Channel 4 gekommen ist, eine neue Kreativ-Unit gegründet, die genau mit diesem Anspruch angetreten ist. “The Honesty Box“, in Zusammenarbeit mit Mettlemouse Entertainment, war ein erster Schritt in diese Richtung in UK. Zum Anderen treibt uns natürlich in Deutschland die Frage um, was wir hier im Markt als Handschrift in dem Genre Reality anstreben wollen. Ich kann schon mal so viel sagen: Es wird wahrscheinlich nicht die reine Dating- oder Bikini-Reality werden.
Aber zurück zur Fiction: Da gab es gerade eine Grimme-Nominierung für „Chabos“…
Da sind wir auch sehr stolz - und happy mit dem Grundstein, den wir in der Fiction gelegt haben. Ich kann auch exklusiv verkünden, dass wir bei unserem anderen Erfolg des Vorjahres „Ghosts“ eine Verabredung für eine zweite Staffel mit dem WDR getroffen haben und diesen Sommer produzieren werden. Wir sehen hier auch die Chance gemeinsam mit dem WDR längerfristig eine Marke zu etablieren, die auf einem internationalen Formaterfolg ruht und trotzdem natürlich durch unsere Geister und unsere lokale Interpretation ein Eigenleben entwickelt hat.
Und bei „Chabos“ gibt es in gewisser Weise auch eine Fortsetzung, nur anders?
Arkadij Khaet and Mickey Paatzsch haben etwas sehr Uniques entwickelt, geschrieben und als Regisseure verantwortet. Es war ja keine Formatadaption im klassischen Sinne, sondern diente als Rampe, von der die beiden erfolgreich und weit gesprungen sind. Wir sind mit dem ZDF im Austausch. Es gibt die Überlegung - und einen öffentlichen Aufruf - eine weibliche Perspektive auf die Nullerjahre anzugehen. Da sind wir gerade mit dem ZDF gemeinsam in einer Ausschreibung, um zu schauen, ob wir von jungen Autorinnen und Regisseurinnen Stoffideen finden, die quasi eine Anschlussserie ermöglichen würden, die sich aber ganz bewusst abgrenzt von der ersten Staffel und eine eigene Idee entfaltet.
Was tut sich sonst noch in der Fiction?
Wir sind auch an einer Jugendserie dran, die wir mit einem öffentlich-rechtlichen Partner gerade entwickeln und hoffentlich diesen Sommer auf die Straße bringen. Wir haben ja auch eine sehr produktive Kooperation mit Iris Kiefer, da ist letzten November und Dezember ein Weihnachtsfilm für die ARD Degeto, „Weihnachten mit Nicolas“ entstanden. Auch da haben wir ein weiteres Projekt im Mai vor der Brust, was wir gemeinsam produzieren werden. Und wir haben Christoph Kramers Roman „Das Leben fing im Sommer an“ optioniert und arbeiten bereits mit Regisseur Tobi Baumann und Autor Sebastian Colley daran, das Projekt gemeinsam zu realisieren.
Welche Rolle spielen Koproduktionen? Ist das gerade mit den britischen Kolleginnen und Kollegen eine Perspektive für die Fiction?
In Eva Holtmanns Team kümmert sich Jessica Wirdemann um die Koproduktionen im Scripted-Bereich mit dem ZDF, was bislang meistens Projekte aus UK waren, bei denen das ZDF als Partner an Bord kommt. Aber in diesem Team und in diesem Setup gibt es natürlich auch Überlegungen, gemeinschaftlich Sachen zu entwickeln, die dann aus dem deutschen Markt heraus entwickelt werden. Aber das ist nicht nur mit dem Mutterhaus in UK möglich. Wir haben Kolleg*innen in Frankreich, in den Nordics und nicht zuletzt in Spanien bei unserer Tochterfirma Brutal Media, einem ausgewiesenen Fiction-Haus in der Familie. Mit allen sprechen wir über gemeinsame Projekte.
In der Unterhaltung haben Sie mit dem „1% Quiz“ ein Format produziert, dass Sat.1 so sehr liebt, dass vorliegende Folgen wiederholt werden. Eher selten der Fall in dem Genre. Freut man sich darüber?
Spannende Frage und tatsächlich ein wahnsinniger Balance-Akt. Was ist eine gesunde, vom Publikum als Event wahrgenommene Programmierung eines Erfolgsformat? Wie streut man Wiederholungen ein? Dazu gehört fairerweise auch der Verweis auf die herausfordernde Marktsituation vor der auch unser Senderpartner Sat.1 steht. Das ist ja kein Geheimnis. Die Shows sind in sich abgeschlossen, sehr unterhaltsam, nicht zuletzt wegen Jörg Pilawa, der das Format perfekt verkörpert. Wir sind im engsten Austausch um zu überlegen, wie wir eine sehr gut gestartete Marke langfristig so pflegen, dass das Publikum versteht, wann es Wiederholungen gibt und wann neue Folgen kommen.
"Wenn sie an der falschen Stelle sparen, wird es schnell ein Nullsummengeschäft."
Der Kostendruck beschäftigt alle im Markt. Nun gibt es viele internationale Formatmarken auch in deutlich kleineren Ländern. Haben die Sender da einen Punkt, wenn sie verlangen, dass es auch günstiger gehen muss?
Es gibt ja auch das umgekehrte Problem: Wenn Sie den BBC Studios Katalog vertreten und Formate nach Deutschland bringen, müssen wir mit unseren Budgeterwartungen immer noch oft einen Schritt nach unten justieren. Weil es immer wieder den Wunsch gibt - und auch absolut berechtigt - zu hinterfragen, wie groß der Stab für ein gewisses Projekt sein muss, wo produziert wird und wie teuer bestimmte Dienstleistungen sind. Der Druck ist größer geworden aber wir haben das Glück, dass wir bei unseren Primetime-Formaten in der Budgetgestaltung von vornherein sehr kompetitiv waren. Wir haben den Markt bereits in einer herausfordernden Lage angetroffen als wir mit BBC Studios Germany in die Produktion eingestiegen sind. Aber…
Ja?
Ich würde schon die Lanze brechen für die große Sorgfalt und Professionalität, mit der wir und viele unserer Marktteilnehmer im deutschen Markt arbeiten. Bei der Inszenierung, der redaktionellen Vorbereitung oder Spieltechnik, da möchte ich aus Angst um die Qualität nicht improvisieren müssen. Zudem können wir uns in Sachen Effizienz durchaus sehen lassen. Beim "1% Quiz" sorgt zum Beispiel eine wirklich perfekt aufeinander abgestimmte Mischung aus Jörg Pilawas souveräner Moderation, der Spieletechnik und einem Redaktionsteam hinter den Kulissen dafür, dass wir viel schneller und flüssiger durch Aufzeichnungen kommen als andere Länder. Das wiederum ermöglicht mehrfache Aufzeichnungen an einem Tag und ist gut für das Budget. Wenn sie also an der falschen Stelle sparen, wird es auch schnell ein Nullsummengeschäft.
Was ist eigentlich aus Factual geworden? Das galt mal als Trend-Genre weil effizient produzierbar. In der Primetime schon lange verschwunden und für die Daytime wird nicht mehr viel produziert?
Das ist auch ein Bereich, den wir uns immer mal wieder angeschaut haben, aber in der Tat muss Factual heute idealerweise in der Primetime funktionieren und dann über Köpfe, die diese Themen transportieren wie damals Peter Zwegat bei „Raus aus den Schulden“, Christian Rach als „Restauranttester“ oder die „Supernanny“ Katharina Saalfrank. Reine Formatadaptionen reichen nicht. Da braucht es intensive Cast Akquise und Pilotieren, also viel Vorleistung.
Daytime-Factual ist nicht mehr lukrativ genug?
Wir sind inzwischen breit aufgestellt, aber es ist trotzdem nicht unser Ansinnen, beliebig in alles einzusteigen. Ich glaube auch, nicht jeder Produzent kann alles und das ist auch völlig in Ordnung so. Um die Daytime kämpfen andere Firmen, die sich ganz darauf spezialisiert haben und dort einen fantastischen Job machen. Wir haben im Team von Markus Templin zum Beispiel eine sehr weitreichende Expertise für Quizentwicklungen, inklusive Inhouse-Fragen-Redaktion und einer eigenen Castingabteilung - und wollen darauf aufbauen. Am Ende willst du als Produktionsfirma auch wirklich glaubhaft für deine Kernkompetenzen stehen. Lieber Platzhirsch in konkreten Genres als beliebig zu werden.
Letzten Herbst zur MIPCOM hießt es, sie haben die Show „Wisdom of the Crowd“ an RTL verkauft. Wie steht es um das Projekt?
Sehr gut, wir produzieren es nämlich in dieser Woche in Ossendorf. Das Format kommt ja aus der gleichen Feder wie das „1% Quiz“ von den Kollegen Dean Nabarro und Andy Auerbach von Magnum Media. Ich glaube, auch hier ist wieder spannend, wie aus Quizfragen ein größerer Ableitungsbogen geschaffen wird. Bei „Die Weisheit der Vielen“ ist der Fragentypus natürlich erstmal etwas skurriler. Es geht jetzt nicht um Fachwissen, sondern um Schätzwissen. Da kann sich das Publikum am Ende abgleichen mit dem, was die Masse im Durchschnitt denkt. Wie habe ich mich da einsortiert? Wo bin ich sehr nah am Durchschnitt, wo falle ich mit meinen Gewohnheiten komplett raus. Jede Frage bietet also einen Mehrwert, der über die klassische Wissensvermittlung oder das „Falsch vs. Richtig“-Prinzip hinausgeht.
Welches Format aus dem BBC Studios Katalog würden Sie am liebsten noch adaptieren?
Natürlich hat man so seine persönlichen Favoriten, aber letztlich immer das Format, das schnell und zuverlässig einen Abnehmer findet und auf unsere Stärken einzahlt. In diese Kategorie fällt auch das Quiz „The Answer Run“, das wahrscheinlich eher in der Access Prime funktionieren könnte. Da sind wir in sehr guten Gesprächen und hoffen bald etwas verkünden zu dürfen. Aber auch mit dem BBC Studios Katalog im Rücken haben wir hier ganz bewusst von Anfang an unter der Leitung von Kai Krabbenhöft auf Original Development gesetzt, mit einem kleinen, aber feinen Team. Da ich ja selber aus der Entwicklung komme, ist das wahrscheinlich auch meine Antwort auf Ihre Frage: noch viel lieber als etwas zu adaptieren, würde ich ein deutsches Format gerne erfolgreich in den internationalen Katalog von BBC Studios bringen. Ich habe mal bei der BBC ein Science-Format entwickelt, was sich international genau einmal verkauft hat – nach Dänemark. Das gilt es in meiner Karriere noch zu toppen.
"Auch wir haben in den letzten Jahren Sachen produziert, aus denen nichts geworden ist. Damit beschäftige ich mich weitaus mehr und intensiver als mit den Dingen, die gut laufen."
Aber bislang waren es dann doch noch eher Adaptionen, die realisiert wurden.
Ja, in der Anfangsphase waren wir eher vom Katalog getrieben, das sind die lowest hanging fruits. Aber ich würde sagen, dass mittlerweile unser Entwicklungs-Slate locker mehr aus Eigenentwicklungen als Adaptionen besteht, was aber natürlich auch etwas mehr Zeit und Investition bedarf, bis sie ihren Abnehmer oder ihre Abnehmerin finden. Aber auch da sind wir guter Dinge, dass wir 2026 etwas aus eigener Feder produzieren werden. Wir haben also eine spannende Zeit vor uns im deutschen Markt.
Worauf beziehen Sie das?
Mehrere wahnsinnig etablierte und verdiente Produzentinnen und Produzenten übergeben in ihren Häusern derzeit den Staffelstab. Das bringt Veränderungen mit sich aber auch Chancen, sich mit BBC Studios Germany nachhaltig und mit eigener Handschrift im Markt zu etablieren. Klar reden wir in so einem Gespräch über Formate, das Geschäft und ein paar gute PR-Messages zu unseren Erfolgen. Aber was mir genauso wichtig ist: Welche Kultur schaffst du in deinen Teams? Und ganz ehrlich gesagt auch, wie gehst du mit Misserfolgen um? Es gibt ja nicht nur die angenehmen Seiten und auch wir haben in den letzten Jahren Sachen produziert, aus denen nichts geworden ist. Damit beschäftige ich mich weitaus mehr und intensiver als mit den Dingen, die gut laufen.
Dann müssen wir jetzt aber noch über „Silence is Golden“ sprechen. 2024 ein vielversprechendes Format in Cannes, sie haben dann eine deutsche Version für ProSieben produziert - die nie ausgestrahlt wurde…
Ich würde das auf einer etwas abstrakteren Ebene beantworten. Nicht alle Formate sind, wenn sie gehypt werden, schon komplett ausgereift - und noch dazu bestimmte Aspekte auch kulturabhängig. Was mit einem britischen Publikum funktioniert, muss nicht unbedingt mit deutschem Publikum funktionieren. Und manchmal macht man einfach Fehler, will etwas zu schnell, oder ersetzt seine eigenen Zweifel im falschen Moment durch zu viel Mut zur Lücke. Da zeigt sich dann die Führungsqualität im Nachspiel. Am Ende trage ich für solche Misserfolge mit meinem Führungsteam die Verantwortung. Wir haben da kein Fingerpointing nötig, sondern fassen uns an die eigene Nase. Dann kann man auch aus solchen Projekten eine gemeinsame Kraft entwickeln, von der unser gesamtes Team langfristig profitiert, auch wenn es in dem Moment natürlich unheimlich an einem nagt. Ich würde an der Stelle übrigens hervorheben wollen, dass auch die Partnerschaft mit dem auftraggebenden Sender genau in solchen Momenten zeigt, dass es eine echte Partnerschaft ist. Wenn man auch schwierige Situationen gemeinsam löst und sich dabei in die Augen schauen kann, dann sind das am Ende die Vertrauensverhältnisse, die einen eine ganze Karriere lang begleiten können.
Herr Schmid, herzlichen Dank für das offene Gespräch.
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