Eren M. Güvercin, Sie sind 23, gelten als äußerst impulsiver Schauspieler und standen sogar schon auf der linken Berliner Volksbühne – haben Sie Ihren Marx schon gelesen?
Eren M. Güverci: (lacht) Hab‘ ich. Warum?
Können Sie sich neun Jahre später noch an seine Forderung erinnern, die Expropriateure zu expropriieren?
Also ganz ehrlich? Ich habe „Das Kapital“ ungefähr mit 16 gelesen und eigentlich fast nichts verstanden. Was genau heißt das noch mal?
Sinngemäß ungefähr „beutet die Ausbeuter aus“, ein Slogan, der die HBO-Serie „Banksters“ eigentlich ganz gut umschreibt.
Weil wir darin ausbeuterische Banker ausnehmen? Guter Gedanke. Darum geht’s darin durchaus. Meine Figur Yusuf nimmt ja auch deshalb die eigene Bank aus, weil sein Vater so riesige Schulden bei ihr hat. Er fickt also ein System, das zuvor auch ihn gefickt hat. Auf der inneren Reise ihrer Figuren geht es der Serie aber natürlich noch um mehr. Liebe, Freundschaft, Verrat – alles ebenso große Themen.
Ich wollte „Banksters“ auch nicht auf ihre Gesellschaftskritik reduzieren. Aber so skrupellos, wie Banker darin gleich zu Beginn gezeichnet werden, scheint die Serie doch politischer zu sein als andere Heist-Movies.
Das war Bernd Lange definitiv wichtig. Zumal er die Serie auf Grundlage einer wahren Begebenheit Anfang der Nullerjahre in Berlin geschrieben hat.
Was hat Sie dann an seinem Drehbuch als erstes überzeugt: die Kapitalismuskritik, ihre Rolle darin oder das Bankraubgenre, in dem es seit Steven Soderberghs „Oceans’s Eleven“ ja besonders bildgewaltig rund gehen darf?
„Ocean’s Eleven“ war als Referenzgröße auf jeden Fall früh im Gespräch. Weil ich vorm Casting aber noch gar nicht so viel vom Drehbuch lesen durfte, hat mich persönlich vor allem die Challenge gereizt, eine so komplexe Hauptrolle in der ersten deutschen HBO-Serie spielen zu dürfen.
Was macht Ihren Yusuf denn so komplex?
Dass er ein hochintelligenter, extrem loyaler, zugleich aber eben auch krimineller Fuchs ist.
Der als türkischstämmiger Einser-Abiturient gegen den Strich tradierter Darstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund in der deutschen Fiktion gebürstet ist.
Die Facette war zwar nicht mein größter Antrieb, ihn zu spielen. Aber angesichts der Art, wie Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland normalerweise dargestellt werden, hatte die Darstellung eines intelligenten Jungen, der deutsch und Türke ist, fast etwas Provokatives, weil Deutschland diese Identitäten gerne prekär und dumm darstellt. Zumal die Serie außerdem einen Alltagsrassismus thematisiert, der 2004 noch viel ausgeprägter war als heute. Obwohl ich das ehrlicherweise nicht einschätzen kann, da immer mehr Menschen AfD wählen und alles brauner riecht. Dennoch kann ich mich in diese Erfahrungen als Nachfahre türkischer Migranten natürlich gut reinversetzen. Aber sie sind nicht entscheidend für die Serie oder meine Figur.
Die Frage zu meiner Identität macht mich müde und erinnert mich daran, dass ich nicht mit demselben Selbstverständnis in Deutschland lebe wie Biodeutsche.
Haben Sie unabhängig davon dennoch das Bedürfnis, dieser Gruppe durch Ihre Rollen Sichtbarkeit und Repräsentation zu geben?
Schon. Zugleich macht mich die Frage zu meiner Identität aber auch müde und erinnert mich daran, dass ich nicht mit demselben Selbstverständnis in Deutschland lebe wie Biodeutsche. Ich spiele, was ich bedienen kann; deshalb heiße ich in „Druck“ zwar Ismail, in „Euphorie“ aber nicht Yusuf, sondern Jannis.
Eine wichtige Identität Ihrer äußeren Wahrnehmung ist es, wichtiger Teil, wenn nicht gar Aushängeschild der GenZ zu sein. Ist das okay oder nervig?
Obwohl es manchmal ganz cool ist, auch als Schauspieler mit dieser Generation identifiziert zu werden, finde ich es vor allem ein bisschen lustig, dass sie ständig zu einem Nepotismus-Club vereinheitlicht wird, in dem alle irgendwie gleich sein sollen. Das gilt aber wohl für alle Generationen. Und „Banksters“ handelt ja auch eher von Millennials im Y2K-Fieber.
Angesteckt von einer Zeit, als bauchfreie Tops, Tamagotchis und Nokia-Handys angesagt waren.
Genau. Ich bin weder Millennial noch Nepo-Baby und hundert Prozent self made in Kreuzberg.
2004, im Jahr der „Banksters“, waren Sie keine zwei Jahre alt. Was haben Sie beim Drehen über die damalige Jugendkultur gelernt?
Ich mag es eigentlich nicht sonderlich, wenn transgenerationelle Debatten die Menschen verschiedener Epochen ständig miteinander abgleichen. Aber mir ist bei der Serie nochmals aufgefallen, dass man damals nicht in jeder Situation nach dem Handy gegriffen hat. Meine Generation muss jetzt dagegen in jeder Fiktion pausenlos am Smartphone hängen. Weil mich das extrem ankotzt, war es wirklich befreiend, einen Millennial zu spielen, der das nicht muss.
Hängen Sie selber privat denn auch nicht ständig am Smartphone?
Meine Screentime ist definitiv zu hoch.
Endlich mal was Persönliches! Ansonsten ist wenig über Ihr Privatleben bekannt.
Und das ist auch okay so.
Umso interessanter wäre das, was Sie angesichts von Rollen wie „Druck“ und „Euphorie“, die ihre Altersgruppe explizit thematisiert haben, ganz persönlich in Ihre Rollen einfließen lassen!
Netter Versuch (lacht) Vieles und gar nichts. Ich finde generell Kolleginnen oder Kollegen interessant, die sich scheinbar überhaupt nicht mit ihrem Bild in der Öffentlichkeit auseinandersetzen. Tilda Swinton zum Beispiel, Paul Mescal oder Phoebe Waller-Bridge. Ich präsentiere mich dort zwar auch mit meinem Instagram-Account, suche aber wie sie in meinen Rollen vor allem nach Wahrhaftigkeit. Am Ende des Tages sind Filme und Serien für mich keine selbsterteilte Therapiesitzung, sondern ein Prozess, Geschichten zu erzählen.
Muss ein Schauspieler, der wie Sie schon als Teenager auf Bühnen stand, aber trotzdem relativ kurz im Geschäft ist, automatisch mehr von sich selbst in Rollen einfließen lassen als alte Hasen, die dafür auch noch jahrzehntelange Berufserfahrung haben?
Ob Jugend impulsiver macht, meinen Sie? Ich hatte seit meinem ersten Job einen ehrlichen, direkten Umgang mit meiner Arbeit. Denke ich zumindest… Sich ehrlich zu zeigen, erfordert Feingefühl und Sensibilität. Sich fragil zeigen zu dürfen, erfordert obendrein auch noch Mut, vor allem wenn alle erwarten, dass man als Mann immer stark sein muss.
"Etwas Schamloses, das die meisten langweiligen, konservativen Macho-Filmemacher halt nicht wollen."
Eren M. Güvercin über seine Traumrolle
Wobei Yusuf verglichen mit dem queeren Isi in „Druck“, dem drogenaffinen Jannis in „Euphorie“ oder dem überdrehten Amadeus in „Mozart/Mozart“ fast schon ihre normalste Figur war, oder?
Mag sein. Vor allem aber war er die nächste Figur. Ich möchte mit jeder etwas Neues betreten, habe aber natürlich Traumrollen, die meine Freunde auch schauen wollen. Etwas Schamloses, das die meisten langweiligen, konservativen Macho-Filmemacher halt nicht wollen. Eine punkige, triste, nihilistische Geheimagentin zum Beispiel gekoppelt mit Martial Arts und nackig, weil ich auch boxe. Keine Komödie, soll sich aber selbst auch nicht zu ernst nehmen. Außerdem kein Side-Character und 100 Millionen Budget.
Wow, präzise Traumrollenbeschreibung!
Weil ich das Bild davon halt auch präzise vor Augen habe. Eine lange Perücke auf jeden Fall. Vielleicht kommt es davon, dass mich alle auf einmal als Quoten-Kanaken zeigen wollen und ich mich bei solchen Provokationen dann wehren will. Wahrscheinlich brauch ich einfach nur etwas Ruhe und Inspiration. Noch mehr als nach coolen Charakteren suche ich aber nach coolen Kreativen hinter den Projekten. Und vor allem Leute, die sich was trauen.
Wenn man sich das Wehklagen hochkultureller Feuilletons über Clara Zoë My-Linh von Arnims „Mozart/Mozart“ in Erinnerung ruft, geht es dummerweise schnell nach hinten los, wenn sich Kreative wirklich was trauen.
Ich habe penibel umgesetzt, was Regie und Produktion von mir erwartet haben, also meinen Job gemacht und davon die Miete bezahlt. Alles fein! Ich freu mich auf den nächsten Film, der rauskommt.
Welcher Regisseur?
Fatih Akin.
HBO Max veröffentlicht ab sofort immer freitags eine Folge von "Banksters"
von 




