Im Vatikan schließt man die Kardinäle ein, bis weißer Rauch aufsteigt. Wie haben ARD und ZDF die Entscheidung über die Umsetzung des Reformstaatsvertrag bezüglich der Spartensender in den vergangenen anderthalb Jahren organisiert?
Florian Hager: Ich hatte nicht umsonst vor einiger Zeit von „Next level shit” gesprochen. Spaß beiseite: Von außen sieht das ja manchmal nicht so aus, aber ARD und ZDF kooperieren inzwischen auf so vielen Ebenen! Programmlich wie zuletzt bei Olympia und technisch beim gemeinsamen Public Open Space - und gerade zu letzterem passt dann eben auch, dass wir uns arbeitsteiliger für die digitale Zukunft aufstellen.
Norbert Himmler: Ich kann das nur unterschreiben. Wir haben schon vorher intensiv und vertrauensvoll zusammengearbeitet. Die Arbeit an der Zukunft der Kanäle hat unsere Partnerschaft noch einmal vertieft. Unser Konklave war intensiv und gründlich. Wir haben uns dabei an der Sache und am Publikum orientiert und so ein bemerkenswertes Ergebnis erzielt. Stichwort ‚Weißer Rauch‘: Auch bei uns ist aus der langen Vorarbeit kein Wort an die Öffentlichkeit gedrungen. Das spricht für sich.
Wie würden Sie das Ergebnis beschreiben?
Norbert Himmler: Wir haben uns gefragt, was sind die reichweitenstärksten und erfolgversprechendsten Angebote für die jeweiligen Zielgruppen. Die Kanäle haben wir gemeinsam ausgewählt, egal wer sie bisher veranstaltet hat. Drei Marken – phoenix, neo und info - sind jetzt die Basis, die wir gemeinsam ausbauen und neu gestalten. Dafür bringen wir jeweils das Beste aus unseren beiden Welten zusammen.
Florian Hager: Kurz gesagt: Klare Ausrichtung aufs Digitale, klare Ausrichtung auf unser Publikum. Wir haben die Zielgruppen im Blick, die Medien zunehmend digital nutzen. Deswegen setzen wir nicht nur die im Reformstaatsvertrag verankerten Vorgaben der Politik um, sondern stellen die Weichen für die Zukunft – und die liegt ganz klar im Digitalen! Unsere gemeinsamen digitalen Angebote wie funk oder KiKA zeigen, wie erfolgreich ARD und ZDF sein können. Für den Übergang nutzen wir die lineare Reichweite der gemeinsam veranstalteten Programme bestmöglich. Die Zukunft liegt aber klar in noch mehr gemeinsamen starken digitalen Angeboten von ARD und ZDF.
In der aktuellen Information ist „phoenix von ARD & ZDF“ die Marke, die unter Federführung der ARD bleibt. Bislang ist der Sender nach eigener Beschreibung ein Ereignis- und Dokumentationskanal mit großen Flächen für Parlamentsberichterstattung, wofür der Sender zuletzt ausgezeichnet wurde. Sieht die Planung eine Änderung daran vor, um mehr von dem bedienen zu können, was bisher tagesschau24 lieferte?
Florian Hager: Wir haben das Profil von phoenix geschärft: Das Kerngeschäft sind in Zukunft aktuelle Liveberichterstattung über politische und gesellschaftliche Ereignisse, Parlamentsdebatten, Analysen und Hintergrund. Nachrichten bekommt das neue, gemeinsame phoenix von „ARD Aktuell“ und „ZDFheute“ zugeliefert. Bislang gab es auf phoenix auch Dokumentationen und Reportagen - diese wandern nun in den neuen info-Kanal von ARD und ZDF.
Wird der Sender also stärker der Aktualität verpflichtet sein? Bei Breaking News-Lagen, wie wir sie gerade wieder erleben, kommt häufig der Ruf nach einem öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender auf. Kann und soll phoenix diese Aufgabe übernehmen?
Norbert Himmler: Der Markenkern von phoenix bleibt erhalten und wird weiter gestärkt: Die demokratischen Institutionen stehen in diesen Tagen unter Druck. Umso wichtiger ist, dass wir aus den Herzkammern der Demokratie, den Parlamenten, berichten. Das gilt für den Bundestag genauso, wie für das Europäische Parlament und die Landesparlamente. Florian Hager hat es gesagt: Wir übertragen auf Phoenix politische Debatten, berichten über gesellschaftliche Ereignisse und ordnen mit Hintergründen ein. Dazu gibt es Magazine, Talk sowie Nachrichten von ARD Aktuell und von ZDFheute. Für Dokumentationen und Reportagen haben wir info, den neuen Dokumentationskanal von ARD und ZDF. Wir verklaren damit die Profile der Angebote. Auch wenn phoenix kein Nachrichtensender ist: hier zeigen wir die geballte Informationskompetenz von ARD und ZDF.
Wäre es denn ein Wunsch an die Medienpolitik, sich mit der expliziten Beauftragung - und damit auch Ausstattung - eines öffentlich-rechtlichen Nachrichtensenders zu beschäftigen? Um nicht immer erklären zu müssen, was Phoenix sein kann und was nicht?
Florian Hager: Damit hier nichts verrutscht: Bei phoenix wird keine eigene Nachrichtenredaktion aufgebaut. Die bisherigen Strukturen von tagesschau24 versorgen weiter das lineare und non-lineare Angebot der ARD mit Nachrichten und vertiefenden Einordnungen in Breaking-News-Fällen. Und auch das möchte ich hier ausdrücklich sagen: Programmentscheidungen in Bezug auf die tagesschau trifft die ARD unabhängig von den Vereinbarungen zu den gemeinsam mit dem ZDF veranstalteten Schwerpunktprogrammen. So wie das ZDF wiederum ZDFheute eigenständig im Rahmen seiner Telemedienkonzepte weiterentwickelt.
Herr Himmler, phoenix wurde bislang stets von einer Doppelspitze geführt. Diese Notwendigkeit entfällt durch die Aufteilung der Federführung künftig?
Norbert Himmler: So ist es. Wir verschlanken die Strukturen gezielt. Im Rahmen einer paritätischen Verteilung der Federführungen zwischen uns übernimmt der WDR die Geschäftsführung von Phoenix ab dem kommenden Jahr.
Sie haben es eben schon angesprochen: info von ARD & ZDF geht aus ZDFinfo hervor, die Federführung bleibt auch in Mainz. Der Name klingt markentechnisch schwer schützbar bzw. nicht sehr geeignet für Social Media Handles. Oder können Sie aus funk-Erfahrung heraus Entwarnung geben, Herr Hager?
Florian Hager: Mein Learning aus meiner Zeit bei funk ist: Auch wenn anfangs niemand an den Erfolg glaubt, können Dinge funktionieren - und sogar megaerfolgreich. Und wenn ich mich an die Diskussionen um den Namen des „jungen Angebots" erinnere, bekomme ich heute noch Schweiß auf die Stirn – obwohl es nach kürzester Zeit niemand mehr hinterfragt hat. Der Name „info von ARD & ZDF“ ist vielleicht nicht catchy und „instagrammable“ – aber klar und ehrlich. Da bekommt man, was draufsteht. Und darum geht es doch auch: Die Menschen erwarten von uns Transparenz, klare Recherchen, dass wir unser journalistisches Handwerk beherrschen, dass sie sich bei uns wiederfinden. Das schafft Vertrauen – gerade im Dokumentarischen.
Während info explizit ein linearer Dokumentationskanal sein soll, ist neo als „Angebot für jüngere Erwachsene“ auch digital gedacht. Eine persönliche Frage sei gestattet: Herr Himmler, Sie waren beim Start von neo vor 17 Jahren Programmchef des Senders. Kämpft man dafür dann noch ein bisschen mehr?
Norbert Himmler: Ist das wirklich schon 17 Jahre her? Das Kind ist gut durch die Pubertät gekommen und hat sich prächtig entwickelt. ZDFneo hat eine monatliche Reichweite von rund 32 Millionen Nutzern. Jetzt kommt der nächste Entwicklungsschritt und das wird eine Bereicherung sein! Wir schärfen jetzt zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen der ARD das Profil dieser starken Marke und laden sie weiter auf. Die ARD hat tolle Serien für ein junges Publikum in ihrer Mediathek. Auch hier gilt: wir bringen das Stärkste und Beste aus beiden Welten zusammen in neo. Eben das „Neueste” von ARD und ZDF.
"Unser Ziel ist es, neo zur Startrampe ins Digitale zu machen"
Florian Hager, hr-Intendant und ARD-Vorsitzender
One steckt künftig buchstäblich in neo: Herr Hager, wie viel ARD steckt künftig dann in neo, das ja vom Kollegen Himmler bisher durchaus großflächig für Wiederholungen aus dem Hauptprogramm genutzt wird? Wird neo durch junge Programme beider Häuser jünger?
Florian Hager: Schön, dass ich mit meiner Vergangenheit noch einmal auf funk verweisen kann. Wir haben ja schon ein erfolgreiches digitales Angebot für junge Menschen. Und was das neue gemeinsame „neo von ARD und ZDF” angeht, das richtet sich ja an die Zielgruppe der „jüngeren Erwachsenen”: Da werden wir eine gemeinsamen Portfolioplanung machen und unsere Angebote zusammenführen – die ARD wird ihre erfolgreichen Mediatheksserien beisteuern. Unser Ziel ist es, neo zur Startrampe ins Digitale zu machen. Norbert Himmler hat es ja gerade gesagt: Wir wollen das Beste der beiden Streamingwelten von ARD und ZDF in einem Angebot zusammenzuführen.
So viel Gemeinsamkeit erfüllt einerseits Vorgaben der Medienpolitik, öffnet aber auch die Büchse der Pandora: Liegt am Ende dieses eingeschlagenen Weges nicht die Frage, wozu es zwei öffentlich-rechtliche System braucht, die diese gemeinsamen Angebote erstellen?
Norbert Himmler: Es ist doch nichts Neues, dass wir an vielen Stellen, auch im Programm, eng und gut zusammenarbeiten: Bei arte, Kika, 3sat, phoenix, beim Sport und, und, und… Unabhängig davon bieten wir journalistische und publizistische Vielfalt im Gesamtangebot und ganz besonders in der Information. So etwas leistet kein anderes Mediensystem der Welt. ARD und ZDF sind in der Bundesrepublik aus einer historischen Erfahrung heraus entstanden – mit einer föderalen und einer nationalen Ausprägung. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde von der Politik für die Gesellschaft und für die Demokratie über Jahrzehnte so ausgestaltet, wie wir ihn heute vorfinden. In Zeiten wie diesen und angesichts einer ungewissen Zukunft, kann man den Wert, der darin liegt, nicht hoch genug bewerten. Publizistischer Wettbewerb ist gut für unsere Demokratie. Davon bin ich fest überzeugt.
Florian Hager: Wir haben den Auftrag, allen Menschen ein Angebot zu machen. Die Chance, die im Reformstaatsvertrag steckt, ist ja gerade, dass wir das im Digitalen deutlich zielgruppenspezifischer und arbeitsteiliger machen sollen. Wir werden uns also innerhalb der jeweiligen Portfolios deutlich komplementärer aufstellen können. Darüber hinaus hat die ARD einen klaren föderalen Auftrag, wir sind, was immer wieder gerne vergessen wird, auch Radiomacher mit starken regionalen Inhalten. Dort, wo es möglich ist, arbeiten wir innerhalb der ARD und außerhalb der ARD enger zusammen, um Ressourcen zu sparen und Doppelarbeit zu vermeiden.
Federführungen haben sie definiert. Bei jedem Gemeinschaftsangebot schwingt jedoch auch die Vermutung mit, dass zusätzliche Koordination kostet, Zeit oder Geld. Können Sie ein ungefähres Volumen möglicher Einsparungen benennen, die sich durch die Pläne ergeben?
Florian Hager: In welchem Umfang die Federführungen Geld einsparen, können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehen. Für den Zeitraum bis 2028 hat die KEF keine konkreten Einsparpotenziale festgestellt. Die genaue finanzielle Wirkung wird im Rahmen der nächsten Anmeldung bei der KEF sorgfältig geprüft und transparent dargelegt. Natürlich ist der Plan, Einsparungen zu erzielen. Diese sollten sich gleichmäßig auf ARD und ZDF verteilen.
Gerade die ARD dürfte ja fast ein Liebling der Medienpolitik sein, Herr Hager: Drei Sender werden zum Jahresende eingestellt, alle drei sind ARD-Angebote. Noch müssen zum Teil die Gremien der betroffenen ARD-Anstalten zustimmen. Da sind Sie optimistisch?
Florian Hager: „Liebling der Medienpolitik“ lass ich mal unkommentiert so stehen. Wir haben uns bewusst auf die stärksten linearen Programme mit der größten Reichweite konzentriert – unabhängig davon, ob es sich um einen ARD- oder ZDF-Kanal handelt, und ohne qualitative Wertung. Und gerade im Hinblick auf die Zeit nach 2028, in der wir ja dann noch deutlicher über digitale Zielgruppenportfolios sprechen, sind wir gut aufgestellt. In der Gesamtbetrachtung ist die Federführerschaft der nun drei gemeinsam veranstalteten Kanäle sowie der beiden bereits bestehenden Angebote KiKA und funk sehr ausgewogen verteilt. Das unterstreicht, dass das Ergebnis Ausdruck einer fairen, partnerschaftlichen und klar publikumsorientierten Verständigung ist. Ich bin zuversichtlich, dass auch unsere Aufsichtsgremien diesen zukunftsweisenden Schritt unterstützen.
"Es macht viel Sinn, gerade auch mit Blick auf die Macht der globalen US-amerikanischen Anbieter, Kräfte zu bündeln."
Norbert Himmler, ZDF-Intendant
Wie vermittelt man innerhalb der ARD, dass der NDR mit ARD Aktuell in Hamburg künftig zwar an phoenix mitarbeiten soll, aber das aktuelle Informationsprogramm künftig aus NRW kommt?
Florian Hager: Wenn wir eines in der ARD können, dann ist das dezentrales Arbeiten. Natürlich sitzen die Redaktionen von Tagesschau und Tagesthemen bei ARD Aktuell in Hamburg. Aber jeden Tag liefern Kolleginnen und Kollegen aus unseren ARD-Häusern Inhalte zu – das ist ja unsere DNA, als ARD sind wir in den Regionen. Wir berichten nicht nur über Themen aus Berlin, sondern auch aus Völklingen im Saarland, aus Dagebüll in Nordfriesland oder Zeulenroda in Thüringen. Und diese Kompetenz kann phoenix künftig noch mehr nutzen. Wie schon gesagt, phoenix bekommt keinen eigene Nachrichtenredaktion. Für Breaking-News behalten wir die Infrastruktur und journalistische Kompetenz, die wir für tagesschau24 erfolgreich etabliert haben.
Herr Himmler, das ZDF haderte in den vergangenen zwei Jahrzehnten und einem zunehmend fragmentierten Markt mit der Struktur des Ein-Kanal-Senders. Daraus wuchs der Versuch, eine Senderfamilie aufzubauen. Jetzt das geteilte Sorgerecht für die beiden Kleinen: Wie bitter ist die Pille?
Norbert Himmler: Die Rahmenbedingungen verändern sich rasant. Wir haben im letzten Jahrzehnt eine erfolgreiche lineare ZDF-Programmfamilie aufgebaut. Jetzt stehen wir vor der nächsten Transformation. Unsere eigene Strategie, aber auch die Perspektive, die dem Reformstaatsvertrag immanent ist, verweist auf die digitale Zukunft. Die Bedeutung der linearen Angebote ist immer noch immens, aber sie nimmt ab. Jetzt geht es darum, den Übergang in die künftige Medienwelt zu gestalten, die stärker von non-linearer Nutzung geprägt ist. Da macht es viel Sinn, gerade auch mit Blick auf die Macht der globalen US-amerikanischen Anbieter, Kräfte zu bündeln. So, wie wir das bereits mit der gemeinsamen Streaming-Plattform und der engen Zusammenarbeit bei Technologiethemen machen.
Die Einstellung der drei Sender bzw. Neupositionierung der drei anderen Angebote soll zum Jahreswechsel erfolgen. Wie sieht der weitere Fahrplan aus?
Florian Hager: Das ist alles andere als trivial, was jetzt auf uns zukommt. Da müssen wir nicht mal über Inhalte, Portfoliostrategien, Programmplanungen und Workflows sprechen, die alle noch erarbeitet werden müssen.
Worüber wir noch nicht gesprochen haben, ist ein dritter „Korb“, der definiert wurde: Kultur. Welche Signale haben Sie da nach dem öffentlichen Diskurs über z.B. 3sat zuletzt aus der Medienpolitik vernommen bzw. ist Ihr Standpunkt zum jetzigen Zeitpunkt?
Norbert Himmler: 3sat und arte haben beide eine sehr unterschiedliche Verfasstheit. Beide Blickwinkel, der binational-europäische bei arte und der deutschsprachige Dreiländer-Fokus, haben jeweils ihre eigene Berechtigung. Diese gilt es zu schützen und erweitern, bei gleichzeitiger Beachtung der staatsvertraglichen Vorgaben. Inhalte von 3sat sollen zukünftig im Rahmen der europäischen Plattforminitiativen, mit denen arte beauftragt wurde, erscheinen. Die Umsetzung wird noch erarbeitet. Dazu müssen erst einmal Gespräche mit den Partnern geführt werden.
Herr Hager, Herr Himmler, herzlichen Dank für das Gespräch.
von




