Herr Braun, Sie hatten am 12. November Ihren ersten Arbeitstag als Geschäftsführer von RTLzwei. Ein letzter karnevalistischer Gruß vor dem Wechsel von Köln nach München?

(lacht) Sie sind nicht der Einzige, der den Eindruck hatte, dass ich nochmal Karneval feiern wollte. Tatsächlich aber war der Grund viel profaner. Ich war bis Ende Oktober bei RTL und hatte schlicht den Wunsch, noch einmal ein paar Tage Luft zu bekommen – allein schon, um in dieser Zeit ein paar Sachen nach München zu transportieren.

Nun sind Sie schon über 100 Tage bei RTLzwei. Wie sind die ersten Monate angelaufen?

Ich bin sehr gut und mit offenen Armen aufgenommen worden. Dadurch, dass ich nicht branchenfremd zu dem Job kam, hatte ich schon früh einen guten Einblick, sowohl inhaltlich als auch was die handelnden Personen angeht. Ich habe seither viele Menschen getroffen: Nicht nur die Belegschaft und die Kolleginnen und Kollegen aus der Werbezeitenvermarktung, sondern auch Produzenten und viele unserer Protagonisten, allen voran die Geissens und die Wollnys. Und natürlich habe ich schon im Vorfeld viel mit unseren Gesellschaftern gesprochen, um die Erwartungshaltungen abzustecken. Nun, nach mehr als 100 Tagen, bin ich mehr als zufrieden, mit welchem Tempo wir unsere Themen vorantreiben.

Zu den Maßnahmen der ersten Monate gehörte allerdings auch die Entscheidung, sich von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu trennen. Wieso ist dieser Schritt notwendig?

Das ist der hohen Marktdynamik und dem damit verbundenen Anpassungsdruck geschuldet. Deshalb müssen auch wir unsere Strukturen anpassen, um RTLzwei langfristig wirtschaftlich stabil und wettbewerbsfähig aufzustellen. In diesem Zusammenhang haben wir entscheiden, die Personalstärke noch einmal zu reduzieren. Uns ist sehr bewusst, dass solche Entscheidungen für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen persönlich belastend sind. Umso wichtiger ist es uns, diesen Schritt verantwortungsvoll und fair zu gestalten. Gemeinsam mit dem Betriebsrat haben wir eine freiwillige Vereinbarung getroffen und setzen zunächst auf ein Programm, das möglichst freiwillige Lösungen ermöglicht.

RTLzwei besitzt durch seine Gesellschafterstruktur eine sehr einzigartige Stellung im deutschen Markt. Welche Herausforderungen bringt das mit sich?

Ich empfinde die Aufgabe bei RTLzwei als einen der spannendsten Jobs, der in der Branche zu vergeben war, weil wir zwar einen linearen Sender betreiben, aber keine eigene Streamingplattform und hier ein komplett anderes Businessmodell verfolgen. Das sorgt dafür, dass wir auf den starken linearen Erlösstrang in besonderem Maße angewiesen sind. Und gleichzeitig über Erlöse aus Streaming-Lizenzierungen weiteres Wachstum generieren. Es geht also um die Frage, wie wir das Unternehmen so weiterentwickeln, dass es zukunftsfähig aufgestellt ist und sich nicht im dauerhaften Verwaltungsmodus befindet. Ich will RTLzwei kommerziell vernünftig nach vorne entwickeln und das Angebot ausbauen. Das ist mit Blick auf die Geschäftsmodelle und die Zielgruppenunterschiede zwischen TV, Streaming und Social äußerst komplex und eine tolle Aufgabe.

 

"Jetzt gilt es zu beweisen, dass El Cartel Brothers in dieser Konstellation ein Erfolg ist und wir den Markt als dritte Kraft beleben können."

 

Erst vor wenigen Wochen ist mit El Cartel Brothers das Vermarktungs-Joint-Venture von RTLzwei und Warner Bros. Discovery gestartet. Nach der geplanten Übernahme von WBD durch Paramount kommen nun aber sehr schnell wieder einige Fragezeichen auf. Was bedeutet das für Ihren Vermarkter?

Es ist noch zu früh, um darüber etwas sagen zu können, aber zunächst einmal haben wir vernünftige Verträge, die unsere Zusammenarbeit regeln. Davon abgesehen ist das Joint Venture auch deshalb gegründet worden, um Kräfte zu bündeln und gemeinsam in diesem krassen Verdrängungsmarkt bestehen zu können. Diese Logik bleibt richtig – egal, wer der Eigentümer ist. Aber selbstverständlich gilt es jetzt zu beweisen, dass El Cartel Brothers in dieser Konstellation ein Erfolg ist und wir den Markt als dritte Kraft beleben können. Generell sind wir natürlich offen für weitere Partner.

Die lineare Fernsehnutzung sinkt in allen Altersgruppen, ganz besonders aber bei den ganz jungen Menschen. Was bedeutet das für RTLzwei, einen Sender also, der immer betont jung positioniert war?

Früher war RTLzwei mal als TV-Sender für die 14- bis 29-Jährigen positioniert. Das funktioniert heute nicht mehr. Wir haben das Jahr 2025 mit einem Marktanteil von 3,8 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen abgeschlossen – allerdings macht diese Altersgruppe nur noch gut 30 Prozent unseres Publikums aus, der Rest ist über 50 Jahre alt. Damit sind wir mit Ausnahme von ProSieben noch immer der jüngste relevante Sender im Markt. Aber es ist offensichtlich: Wir werden uns im Linearen in Zukunft stärker an den 30- bis 59-Jährigen orientieren. Gleichzeitig sind wir im Streaming jünger als der Durchschnitt von RTL+. Dort machen die 14- bis 49-Jährigen über 80 Prozent unserer Nutzung aus, die 14- bis 29-Jährigen mehr als ein Drittel. Und unser Angebot auf den Social-Plattformen, auf YouTube oder TikTok, ist noch jünger. 

Malte Kruber und Konstanze Bayer im DWDL.de Producers Club

Viele verschiedene Zielgruppen für eine einzige Marke, oder?

Aus genau diesem Grund wollen wir Streaming und Fernsehen in Zukunft getrennter betrachten. In der Vergangenheit war es so, dass wir in der Primetime immer wieder Programme ausgestrahlt haben, die zwar im Streaming richtig stark funktionierten, im Linearen aber nicht. Das wollen wir ändern, indem wir beide Verbreitungswege künftig unabhängiger voneinander planen. 

 

"Wir wollen Fernsehen ein Stück weit noch einmal neu erfinden mit dem Wissen, wie sich die Nutzung heutzutage verändert."

 

Mit welcher Konsequenz?

Wir haben bislang sehr stark aus einer Deckungsbeitrags-Logik je Format gedacht. Das möchte ich abschaffen, denn für unsere Gesellschafter ist ja letztlich nicht der Deckungsbeitrag eines jeden einzelnen Formats interessant, sondern das, was am Jahresende unterm Strich steht. Ich wäre also bereit, einen negativen Deckungsbeitrag für ein tolles Reality-Format zu akzeptieren, wenn es uns im Streaming nach vorne bringt. Aber ich muss es eben nicht zwangsläufig im Fernsehen ausstrahlen, wo es wahrscheinlich eine schlechte Quote erzielt. Wir sind deshalb gut beraten, eine neue Flexibilität an den Tag zu legen. Genau das ist der Ausgangspunkt unserer Überlegungen für fünf strategische Prioritäten, die wir uns für die Zukunft gesetzt haben. Diese werden in nächsten Wochen mit detaillierten Maßnahmen versehen.

Welche Prioritäten sind das?

Eine davon ist, dass wir der Top-Anbieter für nationale Streaminginhalte sein wollen. Schon jetzt sind wir ein riesiger Zulieferer für RTL+ und haben einen enormen Anteil am Erfolg der Plattform, allen voran mit unseren Realitys, aber auch mit "Berlin – Tag & Nacht" und den Family-Soaps. Die zweite Priorität haben wir mit "Rethink TV" überschrieben: Wir wollen Fernsehen ein Stück weit noch einmal neu erfinden mit dem Wissen, wie sich die Nutzung heutzutage verändert. Nächster Punkt "Bold Ideas": Keine Denkverbote, keine Angst vor vermeintlich verrückten und krassen Ideen, auch über Inhalte hinaus. Gleichzeitig muss das Zusammenspiel mit KI als Co-Worker ein fester Bestandteil in allen Bereichen des Unternehmens sein: sowohl bei der Entwicklung von "Bold Ideas" als auch im alltäglichen Einsatz. Die fünfte Priorität haben wir "Kreativschmiede Grünwald" genannt. Das beziehe ich gar nicht so sehr auf Inhalte, sondern vielmehr auf das interdisziplinäre Arbeiten, das bei einem überschaubar großen Unternehmen wie unserem sicher noch intensiver werden kann, als es ohnehin schon ist. Dazu passend will ich den Leitgedanken des Labors verankern. Unsere gerade mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Doku "Hass. Hetze. Hoffnung." ist ja aus dem Projekt Doku-Lab entstanden. Wie könnte analog dazu ein Reality-Lab aussehen, in dem wir Reality-Formate noch einmal ganz neu denken? Oder ein Lab für Short-Form-Formate?

 

"Wir wären schlecht beraten, uns neuen Ausspielwegen nur deshalb zu verschließen, weil sie sich am Anfang vielleicht noch nicht rechnen."

 

Ließen sich Short-Form-Inhalte überhaupt monetarisieren?

Wir wären schlecht beraten, uns neuen Ausspielwegen nur deshalb zu verschließen, weil sie sich am Anfang vielleicht noch nicht rechnen. Dieses Risiko müssen wir eingehen. Ich sehe uns in der Verantwortung, Neues auszuprobieren, um auch künftig Trends setzen zu können. Warum also nicht beispielsweise eine neue Generation "BTN" auf TikTok ansprechen und perspektivisch mit den Storys der linearen Serie verweben? Gleichzeitig plädiere ich sehr dafür, offen für weitere Partner zu sein, auch im Streaming. 

RTLzwei-Inhalte künftig also nicht mehr ausschließlich bei RTL+?

RTL+ ist als stärkster nationaler Streaming-Anbieter für uns ein wichtiger Partner und wir sind mit der Zusammenarbeit sehr zufrieden. Gleichzeitig wissen wir, welche unserer Formate bei RTL+ funktionieren und welche nicht. Die Frage muss daher lauten, wie wir alle unsere Formate im VoD-Markt so platzieren, dass sie gefunden werden und die Chance auf Nutzung erhalten. Das ist aus meiner Sicht auch im Interesse der Gesellschafter, mit denen wir uns in dieser Frage besprechen. In einem ersten Schritt wollen wir mit unseren starken Marken "Grip", "Die Geissens" und "Die Wollnys" weitere FAST-Channels starten. Als RTLzwei-Team sind wir deutlich unabhängiger als viele unserer Wettbewerber. Deshalb ist es unser Privileg und unsere Verpflichtung, bei der Wahl unserer Partner flexibler als andere zu agieren: für Co-Produktionen, neue Erlösquellen oder Tech-Themen – und auch bei der Distribution. Diesen Vorteil will ich nutzen. 

Herr Braun, vielen Dank für das Gespräch.